Meine kleine Freundin Angst

Morgens gehe ich Laufen. Morgens ist es dunkel. Genauso wie abends übrigens. Also zu jeder Zeit, die mir neben der Arbeit bleibt, um laufen zu gehen. Ich jogge nicht durch den dunkelsten Wald, auch nicht über den einsamsten Feldweg, aber – realistisch betrachtet – sind morgens um 6.30 Uhr nicht so wahnsinnig viele Menschen wach, geschweige denn wachsam. Wenn mir also irgendetwas auf dem Weg zustoßen sollte, könnte ich mich vermutlich schwer bemerkbar machen. Das sind die Gedanken, die ich im Kopf habe, wenn ich laufen gehe. Jeden Morgen begleitet mich meine kleine Freundin Angst und flüstert mir einfallsreiche Dinge ins Ohr. Dass jemand irgendwo am Wegesrand wartet und mich packt zum Beispiel. Und heute Morgen war da ein Mann auf dem Weg. Zuerst ging er. Ich joggte an ihm vorbei. Ich lief weiter, pausierte zur Sicherheit die Musik auf meinen Ohren, man weiß ja nie. Ein bisschen Wachsamkeit kann nicht schaden. Gerade, als ich dachte, er sei weg, kurz bevor ich auf einen wenig beleuchteten Feldweg einbiegen wollte, drehte ich mich nochmal um. Wollte mich versichern, dass er wirklich weg war. Er war aber nicht weg. Er rannte. Die wahrscheinlichste aller Möglichkeiten: Ein Jogger, genau wie ich (ich konnte seine Kleidung in der Dunkelheit des noch nicht besonders weit fortgeschrittenen Sonnenaufgangs nicht erkennen). Was sich aber in meinem Kopf abspielte: Er rennt hinter mir her, weil er mir etwas antun will und wenn ich jetzt in diesen Weg einbiege, dann hat er mich. Dann hört und sieht mich niemand mehr. Ich bin nicht in den Weg eingebogen. Ich bin umgedreht und habe gehofft, er lässt mich vorbei. Die Straße breit genug, ein paar Häuser am Straßenrand. Angeschrien hätte ich ihn am liebsten: wie kannst du es wagen, mir meine morgendliche Laufrunde kaputt zu machen. Wie kannst du es wagen, hinter mir herzurennen und mir Angst zu machen. Angesichts der Möglichkeit, dass es sich ebenfalls um einen harmlosen Jogger handelte, fand ich das doch ein wenig übertrieben und lief stumm, aber mit klopfendem Herzen an ihm vorbei. Mein Freund sagt immer: morgens um diese Uhrzeit setzt sich doch keiner ins Gebüsch und wartet auf eine möglicherweise vorbeikommende Joggerin. Und ich denke: keine Ahnung, mit dem Bösen kenne ich mich nicht so gut aus. Und dann habe ich Fragen in meinem Kopf.

  • Soll ich jetzt aufhören zu laufen, weil ich es aufgrund der Jahreszeit nicht bei Tageslicht schaffe?
  • Sollten wir Männern verbieten, im Dunkeln alleine draußen zu sein?
  • Sollte ich mich immer und überall, wenn ich alleine im Dunkeln unterwegs bin, bedroht fühlen?
  • Sollten wir Männer darum bitten, die Straßenseite zu wechseln, wenn sie einer Frau entgegenkommen oder hinterherlaufen?
  • Wirkt es nicht sogar noch verdächtiger, wenn ein Mann herumsteht und wartet, bis die Frau weg ist, bevor er losrennt?
  • All das ist natürlich, einzeln betrachtet, Blödsinn. Im Kontext sind zumindest die Fragen durchaus plausibel. Ich möchte weder ständig Angst haben noch möchte ich alle Männer unter Generalverdacht stellen (meine Erfahrung zeigt: das wäre übertrieben). Vermutlich werde ich jeden Morgen mit meiner kleinen Freundin Angst an der Seite meine Runde laufen und jedes Mal erschrecken, wenn jemand am Weg steht oder rennt und vermutlich werde ich mich jedes Mal freuen, wenn ich heil nach Hause komme.
  • Ich glaube nicht, dass ich die einzige Frau mit diesen Ängsten bin. Und es geht auch nicht nur ums Joggen. Was macht ihr damit?
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