Gestern bei Omi

Die Besuche bei meiner Großmutter sind seltener geworden. Ich bin nicht mehr oft daheim und wenn, dann ist oft der ganze Tag durchgeplant. Wenn ich dort bin, macht es mich traurig. Wenn sie erzählt, was sie alles nicht mehr selbst machen kann. Oder wer alles gestorben ist. Der Tod macht ab einem gewissen Alter einsam. Und Omi ist nunmal schon über 90; sie ist aktiv und liest und macht und tut, aber dass alles langsamer geht, das gefällt ihr nicht. Gar nicht. Das tut mir leid. Auch deshalb, weil ich nicht weiß, was ich ihr sagen soll.

Es wird nicht mehr besser, sagt sie. Es wird nur noch schwerer. Eigentlich ist sie kein trauriger Mensch und sie hat es schön, ich denke, das weiß sie auch. Ich will öfter anrufen oder dort sein. Omi war das zweite Zuhause, wo es nach Dill roch und nach bebe-Creme.

„Schau, was das für Hände sind,” sagt sie, streckt sie mir vor das Gesicht und wackelt mit den dünnen Handgelenken. Das sind schmale, zarte Hände, voller Altersflecken, mit goldenen Ringen dran, ein wenig schwach geworden.

Sie kann den Garten mit diesen Händen und Armen und dem Rücken nicht mehr machen, die Gießkanne ist zu schwer, genauso schwer wie das Atmen. Mit dem kleinen Kännchen, das sie noch tragen kann, kann sie nicht den ganzen Garten bewässern. Die Beete wurden mit den Jahren zu pflegeleichtem Rasen. Sie spricht mit ihren Pflanzen, viele Blumen stehen da immer noch und Tomaten, und sie weiß, dass das Sprechen beim Wachsen hilft.

Im Altenclub sind nur noch zwölf Leute, die anderen sind alle schon gestorben. „Und es kommt keiner nach,“ sagt sie. „Vielleicht wollen die nicht alt genannt werden,“ sage ich, aber sie hält nichts von meinen Marketing-Ideen. Im Singkreis singen sie zu fünft dreistimmig ein paar brüchige Melodien. Die Auftritte wurden auch weniger.

Sie sagt, ihr Rücken sei kaputt, und das klingt genauso wie die Geschichte von der kaputten Badewanne, die sie kurz darauf erzählt. Sie zeigt mir ihre Staubwedel-Sammlung im Schlafzimmer und wie sie alles neu eingeräumt hat. Ich schimpfe einfach mal nicht mit ihr ob der artistischen Akrobatik, die sie dafür absolviert hat. Aufs Bett steigen, nach hoch oben greifen, Ordner balancieren. Sie kann es nicht lassen.

Ein Haufen Schwermut sitzt wie die Ausscheidungen vergangener Zeiten auf meiner Brust. Die Bank im Gras ist von Flechten überzogen. Früher war alles besser.

Es riecht nicht mehr nach Dill. Meine Kindheit ist vorüber.

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