Poetry Slam

Ich habe letztens für einem Slam im Schnellverfahren noch einen Text geschrieben – oder sagen wir: aus alten Textteilen zusammengebaut und angepasst. Innerhalb eines Tages. Das war der Tag vor der Europawahl. Ich habe gedacht: Du kannst nicht auf einer Bühne vor 200 Leuten stehen und deine Stimme nicht nutzen. Ich glaube, das Publikum wollte in diesem Moment etwas ganz anderes, die hatten viel Wein und Most und Bier und sowas vor sich stehen und ich war die erste Slammerin des Abends, aber die konnten ja dann nicht anders als mir zuhören. Es ist zumindest mal keiner rausgegangen. Meine beste Freundin hat mir gesagt: “Egal, ob die Leute das dann ultra geil finden oder nicht, aber du hast gesagt, was du sagen wolltest.” Das Ganze ist eine Anlehnung an an meinen Adventskalender vom letzten Jahr.

Anleitung zur Zerstörung der Welt

Ich kann das echt nicht mehr hören, Europa hier, Europa da, Fridays for future, Welt retten, blablabla. Können wir nicht einfach mal unsere Ruhe haben? Wir haben doch ganz andere Probleme! Meine Haare sitzen manchmal nicht so gut, vom Alkohol krieg’ ich Pickel, der Eyeliner wird oft nicht an beiden Augen gleich. Konzentrieren wir uns doch lieber mal drauf, was wir lieben und auf das, was wir wirklich können: Zerstören. Und damit das wirklich effektiv und effizient und so schnell wie möglich ablaufen kann, würde ich gerne ein paar Tipps dafür geben. Das ist der Roundhouse Kick zur Zertrümmerung unseres Lebensraumes. Los geht’s mit meiner kleinen Anleitung.

Tipp 1: Nutzt langlebige Verpackungen.

Wir sollten mehr auf widerstandsfähige und langlebige Materialien achten. Plastik wäre hier mein Tipp – das wird sogar erst nach mehreren tausend Jahren zersetzt. So einen Plastik-Teppich im Meer zu produzieren, ist sogar die Lösung mehrerer Probleme, denn wenn man mal im Urlaub seine Flip Flops oder Binden vergessen hat, geht man einfach schnell zum Strand und bedient sich. Ein weiterer, ganz entscheidender Vorteil des Plastikteppichs: wenn der groß genug ist, können die Flüchtlinge, die heute noch tragisch im Meer ertrinken, einfach über das Meer laufen – wie Jesus damals. Plastik verbindet!

Tipp 2: Kauft Mode.

Am besten bei diesen ganzen Billigketten, die Sachen sind einfach unschlagbar günstig, es gibt eine wahnsinnig große Auswahl und man hat jede Saison mehrere neue Kollektionen zur Auswahl. Ein textiles Paradies! Die Näherinnen, die diese Kleidungsstücke herstellen, sind sehr fleißige Bienchen und arbeiten mit voller Leidenschaft für ihre Familien, da kommen schnell mal 16 Stunden am Tag zusammen. Vielleicht sollte da einfach auch mal ein Work-Life-Balance-Seminar angeboten werden, wäre ja blöd, wenn die Burnout kriegen und wir keine Klamotten mehr. Aber wenn ihnen das zu viel werden würde, könnten sie sich ja einen neuen Job suchen. Fabrik-Einstürze sind Berufsrisiko – das weiß doch mittlerweile auch jeder, deshalb brauchen sie sich darüber auch echt nicht beschweren – können sie vermutlich auch nicht mehr. Über flinke Kinderhände an Kleidung können wir alle sehr froh ein, weil diese kleinen Finger viel geschickter sind und deshalb viel feinere Arbeiten verrichten können. In die Schule brauchen die nicht zu gehen, denn wenn sie ja eh schon nähen können, können sie das doch direkt weitermachen bis zur Rente. Also vorausgesetzt, dass einem in Bangladesch auch staatliche Rente zusteht, aber sonst kann man da bestimmt auch Riestern.

Tipp 3: Macht euch schön.

Bei Kosmetik empfiehlt es sich, besonders auf den Einsatz von Tierversuchen zu achten. Wenn Maus und Affe das vertragen haben, kann es für uns nur gut sein. Mein Name ist Hase und ich bin völlig faltenfrei. Konventionelle Kosmetik reduziert gleichzeitig durch die Verwendung von Palmöl Regenwälder. Das ist aber gut so, denn diese chaotischen Baumansammlungen entsprechen ja sowieso keinerlei ästhetischen Ansprüchen an moderne Landschaftsarchitektur. Und weil im Regenwald Orang Utans leben und dann ja eben nicht mehr, können wir sie als Versuchstiere verschönern und beugen damit zugleich dem Entstehen eines Planeten der Affen vor. Auch in der Kosmetik treffen wir wieder auf unser geliebtes Plastik, und zwar auf die kleine Schwester Mikroplastik. Plastik macht so richtig sauber, sowohl von außen als auch von innen, das beweisen die vielen von Fischen verzehrten Plastikpartikel und Tüten. Wenn die das halt auch immer gleich so maßlos übertreiben müssen mit dem Verspeisen. Ein kleiner Tipp aus der Praxis: Den Fisch braucht man beim Kauf nicht in eine Plastiktüte packen, die ist nämlich schon integriert.

Tipp 4: Pflanzt euch nicht fort.

Das ist die Lösung all unserer Probleme. Diesen Tipp habe ich übrigens von einer Lehrerin geklaut, die kürzlich darüber einen Artikel geschrieben hat. Für mich macht das auf jeden Fall Sinn: Wenn wir keine Kinder mehr bekommen, müssen wir den Planeten nicht bewahren, wir können weiter zerstören und die paar Kinder, die dann vielleicht doch zur Welt kommen, passen bestimmt alle in ein Raumschiff, mit dem eine neue Zivilisation auf dem Mars gestartet werden kann. Die müssten dann nur mit Inzest aufpassen. Und ohne Kinder sparen wir uns dieses freitägliche Schulschwänzen. Das stört die Zerstörung doch sehr.

Tipp 5: Richtet euer Heim gemütlich ein.

Euer kinderfreies Heim wohlgemerkt. Besonders effektiv ist es natürlich, wenn man immer alles schön an- und brennen lässt, zum Beispiel Lampen, Heizungen, sonstige Geräte. Es gibt zum Glück auch noch die Menschen, die bei offenen Fenstern heizen, die Welt da draußen braucht eh ein bisschen mehr Wärme. Stundenlang Wasser laufen lassen während des Zähneputzens, wo ist das Problem? Die Welt besteht doch eh zu zwei Dritteln aus Wasser.

Und hier noch der ultimative Tipp fürs schöne Zuhause: Lüftet mal wieder. Wir hatten’s bisher wunderbar, es war alles ganz bequem eingerichtet, wir lümmelten alle auf unseren durchgesessenen Sofas, haben manchmal Nachrichten geschaut und uns ein bisschen aufgeregt, ein bisschen Müll ins Meer geworfen, ein wenig Atomstrom aus der Leitung gezapft, ein bisschen beim Diskriminieren zugeschaut; aber das hatte doch alles gar nicht so richtig viel mit uns und unseren Leben zu tun. Aber: das Paradies wankt. Vielleicht war es zu gemütlich auf dem Sofa, in der Horizontalen, vielleicht haben wir einmal zu oft in den leicht zerschlissenen Stoff gepust. Vielleicht fängt es langsam an zu stinken. Es ist wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns aufrappeln sollten, um das Fenster zu öffnen und frische Luft reinzulassen. Wählen ist gut, wählen ist ein Anfang. Aber dann kommt etwas noch Wichtigeres: Egal, ob Wahl ist oder nicht, ob Freitag ist oder Mittwoch, lebt die Veränderung, die ihr sehen wollt. Das hat schließlich schon der Ghandi gesagt und der war ein ziemlich weiser Mann.

2 Kommentare bei „Poetry Slam“

  1. Nicole Bastian sagt: Antworten

    Starker Beitrag. Danke.
    Nicole

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