Glückslevel 100

Ich habe gedacht, jetzt, da ich zur Hälfte selbständig bin (also jobmäßig, ansonsten schon ganz), werde ich hier schreiben und schreiben und schreiben und ihr werdet ganz viel zu lesen haben. Irgendwas Gehaltvolles, gesellschaftlich Relevantes oder sozial Engagiertes. Ich habe gedacht, jetzt, da ich 50 Prozent meiner Zeit frei einteilen kann, kann ich mehr in der Gegend rumschreiben.

Anfängerfehler.

Ich bin mit hundert Dingen beschäftigt, die mir allesamt Spaß machen, die total geil sind und die mich förmlich brennen lassen. Aber mein Tag hat, trotz sorgfältiger Aufteilung, halt immer noch nur 24 Stunden. Und ich brauche auch viel Schlaf. Dazu kommt, dass ich in wenigen Wochen 30 werde, ich habe den Zenith überschritten, meine Haut zeigt Spuren von Falten (ich habe zu viel gelacht) und mein Gedächtnis Anzeichen von Lücken. Natürlich werde ich da auch langsamer, da ist man halt nicht mehr so leistungsfähig; andererseits habe ich in gewisser Weise, von ganz allein und ohne mein Zutun, einen Senioritätsstatus erreicht. Die sechs grauen Haare sprechen für sich. Ich werde gleich viel respektvoller angeschaut! Aber hier zu schreiben, vor allem etwas Sinnvolles, gelingt mir leider zur Zeit trotzdem nicht.

Aber. Ich sag’s trotzdem, wie es ist. Ich bin, was mein Glückslevel angeht, gerade auf dem absoluten Höhepunkt angekommen. Und ein Ende der Bergfahrt ist nicht abzusehen.

Warum das so ist? Habe ich auch überlegt, zumal das Anfang des Jahres noch ganz anders aussah. Eine Spurensuche.

  • Ich habe endlich die Steuererklärungen von 2016 und 2017 abgegeben.
  • Ich habe das Fischen in der Buchstabensuppe zu meinem Beruf gemacht.
  • Ich habe meinen zweiten Halbmarathon geschafft.
  • Ich habe mich zu einem Poetry Slam angemeldet.
  • Ich habe den ganzen Sommer über 94,3 Kilogramm Eis gegessen.

Weil ich BWLer bin, muss das Ganze hier effizient aufgearbeitet werden. Deshalb, für alle zum Mitschreiben (ach ne, blöd, ich hab’s ja schon mitgeschrieben): die fünf Learnings der letzten Zeit gratis zum Mitnehmen.

1. Auf den Bauch hören

Mein Bauchgefühl hat mir in den letzten Monaten immer die richtige Entscheidung verraten. Ich habe einfach drauf gehört, noch ein bisschen rational drüber nachgedacht und zack – schon war die richtige Abbiegung auf dem Weg zum ewigen Glück eingeschlagen. Dafür muss man halt auch mal leise sein und die Öhrchen gut spitzen.

2. Liebe verschwenden

Je mehr Liebe man gibt, desto mehr davon bekommt man wieder zurück. Das ist rein algebraisch nicht möglich, aber hat jemand schon mal die Liebe rechnerisch erklären können? Eben. Also glaubt mir einfach, ich hab’s studiert. Q.e.d.

3. Dem Körper danken

Mein Körper ist ein Wunderwerk der Natur. Und deiner auch. Ich bin vor wenigen Tagen nach über 21 Kilometern durch einen Zielbogen gestolpert und dachte mir: Scheiße, diese Beine haben’s schon irgendwie drauf. Und die Lunge und überhaupt. Man verlangt sich viel ab, manchmal zu viel, und vergisst ganz oft, dem Körper dann auch mal Dankbarkeit zu erweisen. Ich habe das mit dem kurzfristigen Verzicht auf Alkohol und dem langfristigen Verzicht auf inhaliertes Teer getan. Was man in den Körper reintut, kommt halt auch wieder raus. Wer nur Müll in den Tank kippt, braucht sich über einen stotternden Motor nicht zu wundern.

4. Risiko eingehen

Ich war immer ein großer Freund von hundertprozentiger Sicherheit. In den letzten Jahren habe ich aber gemerkt, dass ich so zu nix komme. Das Leben ist doch sowieso nicht vollständig vorhersehbar – außer man setzt sich den ganzen Tag nur aufs Sofa, dann wird man vermutlich irgendwann an der Langeweile, die der eigene Körper ausstrahlt, einfach ersticken und von seinen Katzen aufgefressen werden (oder wahlweise von den Hausspinnen). Zugegeben: ein Sicherheitspolster habe ich mir ja schon noch behalten, aber in diesem Fall wäre alles andere finanzieller Selbstmord gewesen. Und da man das Leben eh nie komplett durchplanen kann, weil es immer irgendeine unberechenbare Komponente gibt, kann man sich genau das doch auch zunutze machen. Das Ungewisse seinen Dienst tun und darauf vertrauen, dass das schon alles gut wird.

5. Machen

Man kann viel reden und überlegen und abwägen, aber man muss dann eben auch machen. Den längst überfälligen Anruf tätigen, das Formular ausfüllen und abschicken, alles Aufgeschobene endlich von der To-Do-Liste streichen. Ich bin die Königin des Aufschiebens, ich könnte all die Dinge, die ich aufgeschoben habe, zu einem Faltengebirge in der Größe der Alpen zusammenlegen. Aber es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als etwas abhaken zu können. Ganz nach dem Motto: Stress vergeht, Getanes besteht. Ich habe das Gefühl, je mehr ich anpacke, je mehr mir gelingt, desto mehr Energie habe ich, noch mehr anzupacken. Das nennt man wohl Flow.

So, und jetzt höre ich wieder auf, um mich selbst zu kreisen und kümmere mich wieder um anderes und andere.

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