Körpertemperatur: Lauwarm

Franzi im Wald

Listening to my father during those early years, I began to realise how important it was to be an enthusiast in life. He taught me that if you are interested in something, no matter what it is, go at it full speed ahead. Embrace it with both arms, hug it, love it and above all become passionate about it. Lukewarm is no good. Hot is no good, either. White hot and passionate is the only thing to be. – Roald Dahl

Das steht auf dem Desktop meines Rechners. Ich habe das vergessen. Letztens habe ich nämlich gemerkt, dass mein Leben etwas lauwarm vor sich hin plätschert. Und ich habe festgestellt, dass ich mal wieder brennen will, mit Haut und Haaren und dass man dafür manchmal vielleicht sogar ein Risiko eingehen muss. Ich bin doch nur einmal auf dieser Welt (ich bin noch nicht so richtig überzeugt von der karmischen Wiedergeburt), und deshalb will dieses einmalige Leben auch einmalig gestaltet werden.

Ich hatte kürzlich ein Gespräch, in dem es um heiße und lauwarme Beziehungen ging (die Wörter sind so nicht gefallen, ich habe das im Nachhinein so bezeichnet). Aber: ich bin mit Unverständnis zurückgeblieben. Mein Gegenüber sagte in Bezug auf Beziehungen, dass man ja seine Komfortzone verlassen müsste, wenn man sich auf etwas einlässt, was Hitze verspricht; etwas, das nicht so ist wie der Standard. Mit dieser Hitze muss man schließlich umgehen können. Also lieber mal lauwarm (das habe ich dann so interpretiert). Lauwarme Beziehungen sind mir eh ein Graus, auch bei Freundschaften. Da habe ich doch lieber gar keine, als eine, die etwas antriebslos vor sich hindümpelt. Es ist nicht das große Drama, das ich hier propagieren will, es ist die Entscheidung für etwas, das man unbedingt will und dann alles daran setzt, es zu halten, weil da so ein starkes Feuer in einem brennt, dass man einfach nicht anders kann.

Wie ein blass-gelber Urin-Strahl

Ich habe einen Abend später mit einem weiteren Freund genau darüber gesprochen. “Was findest du besser,” schreibe ich ihm, aus dem Nichts, “lauwarm oder heiß?”. “Kommt drauf an, was du trinkst,” meint er. “Glühwein.” schreibe ich. “Dann heiß.” Nachdem wir das geklärt haben, kommen wir zum Punkt und ich telefoniere lange mit ihm und sage ihm mal wieder, dass ich nicht verstehe, warum er mit einer Frau zusammen ist, mit der alles nur so lauwarm daherplätschert, so ein bisschen wie ein blass-gelber Urinstrahl. Ich war emotional vielleicht etwas zu aufgeladen, weil ich am Abend zuvor die oben erwähnte ursprüngliche Konversation dazu hatte und da ging es um mich. Ich hatte in dieser Sache den Kürzeren gezogen und war ein bisschen verletzt. Oder zumindest vor den Kopf gestoßen, ergo: emotional im Thema. Ich habe ihn also gefragt, warum er in einer Beziehung ist, die ihn nicht glücklich macht, an der er zweifelt, von der er schon seit Wochen sagt, dass sie wohl irgendwann in diesem Jahr zu Ende geht. Und ich frage: “Warum irgendwann in diesem Jahr? Warum hältst du daran fest, wenn es dich nicht glücklich macht?”. Weil ich es wirklich verstehen will. Und er sagt, “manchmal halten Menschen eben an etwas fest, weil sie Schiss davor haben, sich von etwas abzuwenden, wenn sich ihr Leben dadurch verändert.” Ich weiß. Been there, done that. Aber ich habe mir geschworen, dass das nicht wieder passieren wird.

Warum also nicht gleich voll aufdrehen, Hitze auf Anschlag und die Komfortzone mit Leidenschaft spülen?

Am nächsten Morgen sehe ich eine Nachricht auf meinem Sperrbildschirm: “Ich habe mit meiner Freundin Schluss gemacht. War vielleicht wegen dieses ganzen Geredes über Lauwarmes.” Ich schlucke schwer und atme tief aus. Dieser Freund ist nun kein Mensch, der sich in irgendwelche Dinge quatschen lässt, der sich etwas einreden lässt. Keiner, der eine Beziehung beendet, nur weil jemand die für nicht gut befindet. Aber ein bisschen habe ich mich so gefühlt, als wäre ich Schuld daran. Weil ich mit dem ganzen Kram angefangen hatte und meinem Gerede dann offenkundig Konsequenzen gefolgt sind. Ich habe mich da absichern müssen, ich war verunsichert. “Ich habe das Gefühl, ich habe zu viel über diesen ganzen Scheiß geredet. Mich in Dinge eingemischt, die mich eigentlich nichts angehen. Wenn es dir damit aber besser geht, Hallelujah. Vielleicht war es dann gut, dass ich mich eingemischt habe.” “Ich ärgere mich nur, dass ich das nicht schon viel früher gemacht habe,” schreibt er zurück.

Ich schätze mal, 25 Prozent der Menschen, die ich kenne, verfolgen ihr Leben mit dem Ziel, immer den größtmöglichen Enthusiasmus zu spüren. Aber was ist mit den anderen 75 Prozent? Brauchen sie das nicht? Oder bräuchten sie es und trauen sich nicht? Trauen sie sich nicht, das, was sie interessiert, mit vollem Körpereinsatz zu umarmen? Vielleicht bin ich da auch extrem, keine Ahnung; vielleicht aber, vielleicht hatte ich Recht in seinem Fall und lauwarm war nicht seine Temperatur.

Und notfalls Kakerlaken

In diesen wohlig warmen Temperaturen kann man sich ja überall einrichten, im Job, in seinen Freizeitaktivitäten. Das Leben kann auch nicht immer leidenschaftlich und Hollywood-verdächtig spannend sein, manchmal muss man einfach ganz langweilig seinen Shit erledigen, die Steuererklärung machen, das Auto in die Werkstatt bringen, Dienstreisen beantragen – da fühle ich auch recht wenig Enthusiasmus, muss ich sagen. Aber was ist mit allem dazwischen, mit allem, was heiß sein kann? Das Hobby mit Leidenschaft ausüben, einen Job finden, der zumindest in Großteilen irgendwie spannend ist, eine Beziehung führen, die nicht um der Beziehung, sondern um der Liebe willen geführt wird?

Wenn lauwarm die richtige Temperatur für jemanden ist, dann ist das großartig. Aber wenn man’s lieber heiß mag und sich nicht traut, hochzudrehen, weil wenn/aber/könnte/hätte, dann wird man’s früher oder später bereuen. Warum also nicht gleich voll aufdrehen, Hitze auf Anschlag und die Komfortzone mit Leidenschaft spülen? Und ich glaube eigentlich schon, dass es bei jedem Menschen etwas gibt, das ein Feuer in ihm entfacht, aber das brennen zu lassen, braucht Mut. Ich will’s wagen, weil – ich lebe ja nur einmal. Und falls doch nicht, könnte ich ja immer noch als Kakerlake wiedergeboren werden, ich weiß nur nicht, wofür Kakerlaken so brennen. Zumindest sind sie fast unsterblich.

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