Die Kinder in der Locke

Sonnenuntergang Bodensee

Ich habe Erbrochenes auf meinem Shirt und auch auf meinem Arm läuft ein wenig Magensaft herunter. Die gelben Flecken sind fast schon auf dem Stoff eingetrocknet, aber es kümmert mich nicht weiter, schließlich riecht man nichts. Diese Party ist nichts für Anfänger, das ist schnell klar.

Der Typ, der mich schwallartig angekotzt hat, grinst mich an, als wäre nichts passiert. Dann zieht er noch an meiner Kette, mit aller Gewalt, ich sehe sie schon in tausend Teile zerspringen. Ich schaffe es irgendwie trotzdem nicht, ihn auf Distanz zu halten, ich finde ihn viel zu niedlich. Typisch Frau, kaum ist einer unmöglich zu einem, klettet man sich dran. Gut, vielleicht liegt das auch daran, dass der Kerl nicht ganz sieben Monate alt ist und mein Patenkind und ich völlig verrückt nach ihm bin. Ich habe ihm schon viel Verziehen. Dass er mir an den Haaren zieht, dass er meine Wangen quetscht, dass er vor mir pupst. Das ist okay, ich komme damit klar, ich liebe ihn trotzdem. Da das hier aber eine Party ist, sind noch mehr Leute da und er ist nicht der einzige in der Runde, der sich nicht ordentlich artikulieren kann, und sich auch nicht die Mühe macht, sich mal selbst einen Schluck Wasser zu holen oder sich einfach schlafen zu legen, wenn er müde ist. Stattdessen wird kurz mal rumgebrüllt. Wenn man die Situation genau betrachtet, dann bin ich die einzige hier ohne Mini-Me, das ist jetzt so, wir sind erwachsen. Die Menschen um mich herum haben jetzt Babies und Häuser und Weber-Grills. Komisch eigentlich, das war wie eine Explosion, das ist von heute auf morgen passiert, und auf einmal bist du mittendrin. Jede Feier wird jetzt zum Kindergeburtstag und wenn heute ein Pärchen für eine Stunde verschwindet, dann deshalb, weil das Kind nicht schlafen will, und nicht, weil es gerade so heiß war.

Kopfüber, Haar runter

Irgendwie fühle ich mich den Dreijährigen immer noch zugehöriger als den Erwachsenen, also hänge ich mich auch Kopfüber ans Schaukelgestell und lege mich auf die Schaukel, angeschubst von einer Zweijährigen. Wenn nur meine scheiß Erwachsenen-Levi’s nicht so verdammt eng wäre. Wie gerne hätte ich jetzt so einen Hosenrock an wie die Älteste der Kleinen, dann würde ich vielleicht sogar meine unglaublichen Turn-Skills mal wieder auspacken.

Für eine Weile bin ich die Entertainerin des Rudels, wir spielen Uno. Das geht genau so lange, bis das eine kleine Mädchen all ihr Aggressionspotenzial in ihre linke Faust kanalisiert und dem anderen Mädchen ein Büschel Haare ausreißt. Die sitzt da mit stoischer Ruhe, lässt das über sich ergehen und bekommt später ein Lob von mir, weil sie nicht völlig ausgerastet ist, als sie beinahe skalpiert wurde. Das ist ja wohl bewundernswert, oder nicht? Ich überlasse die Kinder für eine Weile sich selbst und ihrem Schicksal und bekomme direkt ein Angebot als Kindsmagd. Kurz denke ich darüber nach und frage, was er zahlt, aber mir gefällt die Antwort nicht. Ich trage meine Haare offen und die zwei Männer neben mir vermuten, dass ich dort ein paar der Kinder versteckt habe. Man weiß ja nie.

Nach und nach verabschieden sich die Kinder und nehmen zumindest einen Elternteil mit nach Hause. Ich überlege, ob ich ein paar von den Kindern behalten soll, einige sind echt süß. Vielleicht haben sich ja wirklich ein oder zwei in meinen Haaren verfangen.

Als ich wieder zu Hause bin, sehe ich das Ausmaß der Flecken auf meinem Shirt und meiner Jeans und meine Fußsohlen sind beinahe schwarz vom Barfußlaufen. Aber irgendwie erkenne ich so ein zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht.

Ich habe diesen Text eigentlich nur deshalb geschrieben, weil die zwei Jungs, die neben mir saßen, fragten, ob sie dann morgen auf meinem Blog etwa den Abend Revue passieren lassen können. Jetzt schon.

 

 

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