Geht mir weg mit eurem Gute-Laune-Tralala

Sei gut drauf! Das Leben ist schön! Du hast alles, was du brauchst, du musst es nur aus der richtigen Perspektive und mit einer positiven Einstellung betrachten! Probleme sind nur dornige Chancen!

Ach, geht mir doch alle weg mit eurer Gute-Laune-Kacke. Ich bin kein Mensch, der seine Einstellung immer ins Positive kehren kann. Ich bin nachdenklich und schwermütig, und hin und wieder sarkastisch. Das war schon immer so, auch als ich Kind war; ich habe schon immer viel überlegt und analysiert und wurde dabei halt auch ein wenig melancholisch und latent traurig. Ich habe nie etwas wirklich Schlimmes erlebt, aber schon allein die Nachrichten von der Fehlbarkeit unserer Welt, von der Brutalität des Menschen und von der Zerstörungskraft der Natur beschweren mich eben. Das liegt vermutlich daran, dass ich denke, dass alle Lebewesen und selbst nicht lebende Wesen (also sogar Steine) auf dieser Welt miteinander verbunden sind. Jede unserer Handlungen hat Auswirkungen auf die ganze Welt – ich glaube an den Schmetterlingseffekt unseres Tuns. Wie könnte ich bei all dem Wissen sorgenfrei und unbeschwert lachend durch die Welt laufen? Ich will mich manchmal auch ungestraft beschweren können, will wütend sein dürfen und zweifeln, ohne dass einer kommt und sagt: Wer weiß, wofür es gut ist? – Anderen geht es noch schlechter! – Wenn du da durch gehst, bist du danach umso stärker! Als ob ich all das nicht wüsste! Als wäre das alles nicht völlig offensichtlich! Niemand soll mir sagen, dass man nur alles aus einer anderen Perspektive anschauen soll und dass es mir doch eigentlich so gut geht. Ja, mir schon, aber den Menschen, deren Schweiß und Blut an meiner Kleidung haftet, den Tieren, die für die Hyaluron-Anti-Age-Cremes gequält werden, die wir uns auf unsere priviligierte Mischhaut schmieren, was ist mit denen? Manchmal trage ich halt die Last der Welt auf meinen Schultern. Das ist ziemlich blöd, aber wie gesagt, so bin ich halt. Deshalb wird zum Beispiel mein Instagram-Account immer etwas melodramatisch aussehen, meine Fotos immer ein wenig düster und die Stimmung leicht nostalgisch. Das ist halt so, so bin ich. Ich kann diese Last auf meinen Schultern nicht vollständig ablegen, die ist mein ständiger Begleiter, wie ein Affe, der mir auf der Schulter sitzt und mir immer ins Auge piekst. Oder ins Ohr oder so.

Gäbe es das Wort Weltschmerz noch nicht, ich schwör’s euch, ich hätte es erfunden.

Ich bin nicht depressiv oder grundsätzlich todunglücklich; im Gegenteil, ich bin ein Mensch, der unheimlich viel und gerne und laut lacht, aber ich will mich manchmal auch in diese Schwermut einhüllen und ein bisschen leiden und melancholisch sein. Melancholie ist meiner Meinung nach eh ein total unterschätztes Gefühl. Suhlt euch mal darin, das kann auch schön sein.

Trotzdem weiß ich, dass das Leben toll ist, dass ich priviligiert bin, dass ich es so wahnsinnig gut habe. Ich kann mir halt nur nicht immer die Sonne aus dem Arsch scheinen lassen, ich hab schließlich manchmal auch Hosen an. Versteht mich nicht falsch, ich finde es großartig, wenn Menschen so sind. Wenn sie immer das Positive sehen, immer strahlen, immer gut drauf sind. Aber ich ertappe mich immer bei dem Gedanken, dass das nicht echt sein kann. Entweder sind diese Menschen auf Drogen (wenn ja, wo kann man die kaufen?) oder sie vertuschen irgendwas oder sie haben noch nie zwei Millimeter über den Tellerrand geschaut. Egal, was davon stimmt: Es ist mir suspekt. Hört bitte damit auf. Und hört damit auf, mir zu sagen, dass ich auch so sein soll.

Diese in Melancholie ertrinkende Bilderstrecke kommt von Philipp Feucht, meinem Haus- und Hoffotografen (naja okay, und bestem Freund). Ich schaue eigentlich immer ziemlich blöd auf Bildern, aber er kriegt’s irgendwie immer hin, dass das okay geht.

 

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