Der perfekte Imperfektionismus oder warum ich immer nach Tansania zurückkomme

Warum ich schon wieder nach Tansania geflogen bin? Habe ich mir auch überlegt. Ist ein sehr persönlicher Grund. Ich erzähl’s trotzdem, denn vielleicht findet sich jemand darin wieder und dann können wir Perspektiven teilen oder so.

Ich beschäftige mich schon seit einer Weile sehr intensiv mit mir selbst. Ich habe schon immer sehr viel reflektiert, über mich nachgedacht, an mir gearbeitet. Ich will die beste Version meiner selbst sein, denn es wäre ja eine Schande, wenn man das nicht versuchen würde, man lebt ja schließlich nur einmal und ich glaube nicht, dass ich in den Himmel komme und da eh alles besser wird. Ich würde schon gerne in diesem Leben alles erledigen, was im Rahmen meiner Möglichkeiten steht. Seit etwa einem Jahr mache ich diese Selbst-Reflexion sehr ausgiebig und seit Kurzem weiß ich, dass man das Persönlichkeitsentwicklung nennt und scheinbar auch gerade ein Trend ist. Wie man das nennt, ist mir eigentlich ziemlich wurscht, ich wusste auch nicht, dass das ein Trend ist, ich wollte halt einen Knoten lösen. Ich glaube, viele Menschen haben diesen Knoten in ihrem Kopf; das Gefühl, irgendwie nur Halbgas zu fahren, sich nicht voll zu entfalten, sich auf irgendeine Art und Weise selbst zu behindern. Ich habe diesen Knoten lange gespürt und wollte ihn lösen, habe ein bisschen an meinem Inneren, meinen Gedankenmustern rumgedoktert, hier und da mal einen schlauen Spruch gelesen, aber geholfen hat das alles nicht. Es hat auch nicht funktioniert, Fitness-Seiten zu folgen, fünfmal die Woche Sport zu machen, denn auch als sich mein Körper transformiert hat, ist der Knoten nicht aufgegangen. Stupid, now I know. Es hilft nunmal nicht weiter, an einem perfekten Äußeren zu arbeiten, wenn’s innen nicht stimmt. Wenn man nur an die Avocados denkt, bei denen man erstmal sagt: geil, dich vernasch ich jetzt, und dann schneidest du sie auf und sie sind sauer und braun und so und haben womöglich noch drei Euro das Stück gekostet. Da muss schon erstmal der Geschmack stimmen. Ne, dachte ich, sei die Avocado, bei der alles stimmt, innen und außen. Wenn du mal Kinder hast, willst du ja nicht deinen Knoten weitergeben, sondern ihnen ein unverknotetes Band in die Patschehände drücken, mit dem sie Schleifen binden können oder was immer sie draus machen wollen. Ich habe also versucht, ein bisschen an dem Knoten zu ziehen und zu rütteln, bin mit dem Feuerzeug rangegangen und lauter so Sachen. Es war aber immer so, wie wenn einem ein Arzt immer nur Schmerztabletten gegen die Symptome verschreibt, sich aber nicht die Mühe macht, herauszufinden, was diesen Schmerz eigentlich auslöst. Da ich nun auf das Ende meines dritten Lebensjahrzehntes zusteuere, dachte ich, es wäre an der Zeit, sich mal mit der tiefergehende Diagnose zu beschäftigen. Ich bin also auf Spurensuche gegangen, um herauszufinden, woher dieser Knoten kommt. So weit so gut.

Was diese Entknoterei aber nun mit Tansania zu tun hat? Das habe ich mich auch ziemlich lange gefragt, und ich glaube, heute habe ich es herausgefunden. Ich bin eine elende Perfektionistin (das hingegen weiß ich schon ziemlich lange). Ich will immer und bei jeglicher Tätigkeit 187 Prozent geben. In meiner Wohnung darf nichts am falschen Platz liegen, ich räume die Küche schon auf, während ich noch koche, ich redigiere alle meine Texte etwa 65 Mal, ich lege morgens jede Locke einzeln auf meinem Kopf zurecht und wähle jedes Wort, das ich spreche oder schreibe, genauestens aus. Wenn dann ein Fehler passiert, bin ich – emotional – sowas von am Arsch. Weil ich habe ja an einem perfekten Ergebnis gearbeitet. Wenn die Erwartung bei über 187 liegt und du dann nur 85 erreichst, ist der Gap immer größer als der von 85 bis 100. Wohlgemerkt: niemand außer mir erwartet 136 oder 102 Prozent, alle anderen wären mit meinen 100 Prozent schon vollkommen zufrieden. Und wozu führt das alles? Irgendwann wird sich mein Perfektionismus neben mich ins Grab legen und sagen: Toll gemacht, und sonst so? Außer hübsch manikürten Fingernägeln und einem leichten Ansatz von Bauchmuskulatur und einer ultra ordentlichen Wohnung? Ganz klar, da muss was passieren, denn das klingt nicht nur anstrengend, das ist es auch. Aber da das bestimmt einige von euch kennen, werdet ihr das mit Sicherheit  nachvollziehen können. Woher das kommt, habe ich ja mittlerweile verstanden, aber herauszufinden, was ich dagegen tun kann, das ist ein Prozess. Und ich bin mittendrin.


Ich bin an Yoga und Meditation kläglich gescheitert, aber kaum bin ich in Tansania, passiert etwas. Natürlich ist das hier einfach ein traumhaftes Land, überwältigende Natur, großartige Menschen, für mich gibt er hier so viele Superlative. Aber was es sonst noch ist? Alles hier ist so herrlich unperfekt, so chaotisch und entspannt und beinahe nachlässig. Ich finde hier genau das, was ich in meinem Alltag nicht schaffe: weniger perfekt zu sein. Ich trage keine Make-up und auf Safari bin ich sogar – bitte festhalten, deutscher Touri-Style – in weißen Socken und Birkenstocks über den Zeltplatz gelaufen, ich habe kein Problem mit den Löchern im Boden, die als Toiletten deklariert wegen (und ich meine wirklich Löcher, aus Lehm oder Ziegel geformt und von ebenjenen als Sichtschutz umrandet), ich dusche unter drei Tropfen kalten Wassers und bin tagelang eingestaubt, weil die roten Partikel sich überall festsetzen und nach dem Duschen sofort wieder in alle Fasern und Poren legen. Eigentlich fühle ich mich hier durchgehend schmutzig. Ich bin eine Barbie, die in ihren perfekten Klamotten aus ihrem perfekten Puppenhaus geholt und daneben gelegt wird, auf den harten Boden der staubigen Realität. Nie im Leben würde ich diesen Laissez-faire-Style in Deutschland, in meinem Alltag, zulassen. Undenkbar! Wo da doch alles perfekt sein muss! Zuhause kollidieren meine eigenen Erwartungen ständig mit dem, was ich zu leisten imstande bin. Hier, tausende Kilometer entfernt, fühle ich mich nicht nach meinem perfekten Auftritt beurteilt. Und, wie gesagt – das allerdümmste an der Sache: diese Erwartungen hat ja niemand sonst an mich – außer ich selbst.

Nachdem ich gemerkt habe, dass das hier, in diesem wunderschönen und traumhaften Land, meine Oase ist, ein Ort, an dem der Imperfektionismus für mich läuft wie geschmiert, wollte ich mal länger hier bleiben, mit Job und allem drum und dran. Aber jetzt, wo ich hier bin, weiß ich: gut, dass nichts daraus geworden ist. Ich brauche eine Balance. Ich kann weder in der einen noch in der anderen Welt glücklich und entspannt sein und gleichzeitig gut arbeiten. Vermutlich liegt es also nicht an der Umgebung, sondern einzig und allein an meiner Einstellung, die sich durch die Umgebung vielleicht ein wenig nachjustieren lässt, aber im Grunde in sich selbst ruhen muss; meine Einstellung und meine Erwartung an mich selbst müssen sich ausbalancieren und das Paradox des totalen Chaos und der totalen Kontrolle überbrücken. Wenigstens ein bisschen. Ich will Tansania in mir festhalten, wie einen Einschluss im Bernstein, und jederzeit bei mir haben.

Ich hoffe, dass jeder von uns einen Ort hat, an dem er seinen Imperfektionismus leben kann. Das Schöne und zugleich Schwierige an der Sache: dieser Ort ist nicht auf einem anderen Kontinent, dieser Ort ist nicht auf einem Berg oder in einem Ozean, diesen Ort tragen wir immer in uns, weil dieser Ort wir selbst sind.

Aber manchmal ist das, was eigentlich am naheliegendsten zu sein scheint, eben doch am schwersten zu erreichen.

2 Kommentare bei „Der perfekte Imperfektionismus oder warum ich immer nach Tansania zurückkomme“

  1. Wunderbar geschrieben und man findet sich in vielen deiner Situationen selbst ertappt …

    1. Danke Sabrina! So habe ich mir das gewünscht 🙂

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