Gang über Scherben

mit spitzer nadel kratze ich
spuren von kaltem fleisch
unter meinen fingernägeln hervor
deine fingerabdrücke
sind in meine wachsweichen wangen geschmolzen
ich zünde ein streichholz an
aus reinem übermut
dass es mir nicht weh tut  

das schmerzt mich am meisten

Ich war kurz davor, in der Langeweile zu ertrinken, die mein eigener Körper ausdünstete; kurz davor, an der Eintönigkeit zu ersticken. Ich hatte Tinder durchgespielt und wollte eigentlich nur jemanden finden, mit dem ich die nächste Nacht verbringen konnte. Ich fühlte mich ein wenig einsam, weil mein bester Freund im Urlaub war und mein Liebhaber sich mit den Worten Das wird mir hier etwas zu eng verabschiedet hatte. Ich wollte mich mal freischwimmen und es war Wochenende, was ja grundsätzlich eine gute Ausgangssituation darstellt. So ein Samstagabend mit besagtem Vorhaben will gut vorbereitet sein, also leerte ich eine Flasche gekühlten Weißwein in beinahe einem Zug, aber wenigstens schenkte ich ihn vorher noch in ein Glas ein; man will ja nicht unkontrolliert wirken. Es erklärt sich von selbst, dass meine Sinne anschließend etwas getrübt waren, vielleicht schnitt ich mich beim Rasieren deshalb ins Schienbein, mit Blut und allem Drum und Dran. Und vielleicht gab es deshalb auch vor dem Kleiderschrank ein Drama in mehreren Akten. Die Hose viel zu eng, der Hintern fest umspannt. Unbequem? Wundervoll! Eine Bluse, jegliche Vorstellungskraft unnötig machend. Transparent? Fabelhaft! Dies alles und die Zwölf-Zentimeter-Absätze. Hochhackige Schuhe machen nämlich lange Beine, das ist ja nun hinreichend bekannt und überdies auch völlig logisch.

Die Flüssigkeitszufuhr nahm osmotische Züge an und mein Körper war auf einmal semipermeabel

Und dann hinaus in die Nacht; in die Musik unter flirrenden Lichtern. Die Getränke waren an diesem Abend besonders gut, vor allem die nach dem fünften Gin Tonic. Die Flüssigkeitszufuhr nahm osmotische Züge an und mein Körper war auf einmal semipermeabel und beide, Körper und Geist, gingen rhythmisch schwankend in der Musik auf.

Emil sagte er und streckte mir eine Hand entgegen. Emil ist mein Lieblingsmännername, sagte ich und musste aufstoßen. Nicht seinetwegen, sondern wegen der Kohlensäure des letzten Getränks. Er hieß wie mein Vater, aber mein Vater hatte sich früh aus dem Staub gemacht, indem er selbst zu Staub wurde. Schön war er, der andere Emil, und er roch gut, nach Zuhause irgendwie, Zuhause mit einem Spritzer Citrus. Nein, nicht wie Toilettenreiniger, mehr wie Zitronenwassereis oder sowas.

Wir tanzten und ich lachte, eigentlich die ganze Zeit, und während ich Wasser an der Bar bestellte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie er mich anschaute. Ich tat so, als würde ich das nicht merken; ich wollte nicht, dass er damit aufhörte. Wir ließen die Gläser aneinander klirren, seine blauen Augen verschmolzen im Zusammenstoß mit meinen grünen zu einem türkisen Meer. Ich fühlte mich kitschig und ein bisschen wie ein zu fester Materie gewordenes Klischee, aber das war mir doch egal. Es fühlte sich an, als würde dieser Moment parallel neben der Uhr laufen und dann auch noch in Zeitlupe. Auf der Uhr gab’s nicht mal mehr Sekunden! Er fragte, ob wir weitergehen wollen, und ich sagte Ja, klar, weil wenn gerade keine Zeit läuft, sollten wir ihr davonlaufen, vielleicht findet sie uns dann nicht mehr. Also gingen wir weiter, auf dem Weg gab’s Pommes-Schranke. Pommes im Magen und ein bisschen Schranke im Gesicht. Zigarettenrauch waberte durch die Luft und ich scheiterte beinahe bei dem Versuch, auf beiden Beinen mitsamt meiner Schuhe geradeaus zu laufen. Als seine Hand meinen Arm fand, wurde mein Gang stabiler, aber mein Herzschlag ganz unbeständig.

Ich wollte nur nicht einschlafen, ich wusste ja nicht, ob er morgen noch da sein würde.

Ich lag in seinem Arm, braune Haare kräuselten sich auf seiner Brust, er schnarchte kein bisschen, er sah so schön aus, wie gemalt, irgendwie vertraut. Ich wollte nur nicht einschlafen, ich wusste ja nicht, ob er morgen noch da sein würde. Lieber schaute ich ihn an und brannte mir das Bild in meinen Kopf ein. Er drehte sich schlafend herum, sein Gesicht lag jetzt ganz nah an meinem, ich strich mit meinen Fingerspitzen so vorsichtig über seine Wangen, als wären sie aus Seidenpapier; ich wollte sie unter keinen Umständen beschädigen. Emil flüsterte ich.

Auf dem Dach windete es, es war recht hoch, hoch genug, schätzte ich. Das war es doch, was sie in der Klinik immer gesagt hatten. Das tiefste Tief folgt auf das höchste Hoch. Das hätten sie mir nicht sagen brauchen, das wusste ich doch. Die Uhr zeigte wieder Sekunden an. Während ich die Luft an meinen Ohren vorbei zischen hörte, dachte ich, dass das doch fast wie bei Eichendorff war. In der Mondnacht, wo seine Seele weit ihre Flügel ausspannte – auch wenn ich immer der Meinung war, dass das doch grammatikalisch nicht korrekt war. Muss es nicht aufspannen heißen? Noch bevor ich diese Frage mit mir klären konnte, schlug ich hart auf.

Hoch genug, ich hatte recht gehabt. Wie immer.

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