Warum mir das Fasten dieses Jahr so schwer fällt

Fasten

Dieses Jahr fiel es mir irgendwie besonders schwer,  auf bestimmte Nahrungsmittel – oder sagen wir: Genussmittel – zu verzichten. Ob ich schwach geworden bin? Hm, vielleicht?!

Eigentlich war ich dieses Jahr ohnehin schon sehr milde mit mir. In der Fastenzeit vor fünf Jahren habe ich mir neben Alkohol, Süßigkeiten etc. Fleisch verboten, was mich dann tatsächlich zur Vegetarierin gemacht hat. Zweimal in der Fastenzeit habe ich mich sechs Wochen streng vegan ernährt, das habe ich mir zumindest teilweise beibehalten. Flexanerin nannte mich letztens jemand – das mag meine Ernährungsstrategie wohl ganz gut beschreiben.

Ich habe ein Problem damit, mich von irgendetwas abhängig zum machen.

Und dieses Jahr waren’s eben nur Süßigkeiten, Chips und sowas, Dessert, Kuchen, Alkohol, Zigaretten und Shopping. Das war auch bitter nötig, denn in den zwei, drei Wochen vor der Fastenzeit war ich emotional etwas angespannt (ich berichtete) und proportional zum Ansteigen meines Stresslevel ist der Usus, abends zum Runterkommen ein Gläschen Wein oder Gin Tonic zu trinken oder mal eine Zigarette zu rauchen oder mir nachmittags im Büro am Automaten Schokolade zu ziehen, zum Abusus angewachsen. Es geht ja gar nicht grundsätzlich darum, dass ich Alkohol und Schokolade verteufle (Zigaretten schon, das ist nämlich so ziemlich das dümmste, was irgendwer irgendwann erfunden hat, das muss man mal ganz klar so sagen), aber wenn das dazu dient, irgendwelche emotionalen Löcher zu stopfen, dann wird es schwierig. Wenn man das Glas Wein abends trinkt, um runterzukommen. Wenn man die Schokolade isst, um sich zu entspannen. Wenn man die Zigarette raucht, um überhaupt mal fünf Minuten rauszukommen. Dann kommen wir nämlich vom Genuss- zum Suchtmittel. Ich habe ein Problem damit, mich von irgendetwas abhängig zu machen. Von meinem Handy, von einem Mann, von den Lieferzeiten der Post. Es gibt vielleicht ein paar Abhängigkeiten, die man nicht vermeiden kann, vom Arbeitgeber zum Beispiel, denn ohne Gehalt würde ich mir doch schwer tun (Selbständige sind halt von ihren Kunden abhängig, das ist ja im Prinzip das gleiche Spiel). Völlige Unabhängigkeit ist im Leben – so glaube ich – nicht zu erreichen. Und das ist ja auch okay, aber sich von einem Glas Wein abhängig zu machen? Von einer Zigarette oder von einer Tafel Schokolade? Wo kämen wir denn da hin, würde ich mich davon steuern lassen? Alle drei haben kein Gehirn und keinen Willen (wobei ich schon manchmal das Gefühl habe, die rufen mich), ich dagegen schon, auch wenn ich’s manchmal selbst bezweifle.

Das ist ein harter kalter Entzug.

Dieser bescheuerte Spruch Schokolade fragt nicht, Schokolade versteht, ist von vorne bis hinten falsch. Wenn diese Schokolade mich so gut verstehen würde, dann würde sie sich nicht auf meine Hüften setzen, sie würde keine Pickel verursachen, sie wäre nicht schon nach drei Minuten restlos aufgegessen. Und der Alkohol ist ja auch nicht besser, irgendwann verliert man seine Sinne und wird ultra peinlich. Und zum Thema Zigaretten brauche ich wohl überhaupt nichts zu sagen.

Und dann musste ich von einem Tag auf den anderen auf alles verzichten, was zuvor herhalten musste, um mich zu entspannen. Das klingt nicht nur nach kaltem Entzug, so hat es sich auch angefühlt. Zu Beginn kam es häufig vor, dass ich, wenn ich mich mit jemandem getroffen habe, das Bedürfnis hatte, ein Glas Wein zu bestellen, aus Gewohnheit und weil ich das Gefühl hatte, dass ich runterkommen müsste. Ich habe es dann aber doch geschafft, einen 90., einen 60. und einen 30. Geburtstag ohne einen Tropfen Alkohol zu feiern und sogar ohne deshalb in einer Ecke zu sitzen und zu weinen. In den vergangenen Jahren habe ich ja auch gelernt, wie man an solchen Feiern mit den Menschen umgeht, die auf einen einreden Ach komm, nur einmal, heute kannst du doch mal eine Ausnahme machen! Nur: wenn ich so oft Ausnahmen machen würde, wie Menschen mich dazu auffordern würden, dann hätte ich vermutlich jedes Wochenende zweimal getrunken. Auch auch um 14 Uhr nachmittags (und ich finde, am helllichten Tag Alkohol trinken geht eh nur in Ausnahmesituationen). Was ich aber – Schande über mein Haupt – nicht geschafft habe: ich habe an zwei dieser Geburtstage zum Dessert gegriffen und es dann auch genussvoll verspeist. Oh Gott! Wie schön das war! Ich habe mich fast ins Dessert-Buffet gelegt, mich darin gesuhlt und mit der weißen Schokoladencreme eingerieben. Ich konnte mich gerade noch zurückhalten. Mit diesem Sündenfall muss ich jetzt halt leben.

Ich will ja nicht fasten, um die Passion Christi nachzufühlen, sondern um mich ein bisschen zu sortieren.

Aber abgesehen davon habe ich das Fasten ja schon voll durchgezogen, egal wie laut die Stimmen in meinem Kopf und außenrum waren. Natürlich sucht man sich dann Maßnahmen, die die vermeintliche Entspannung ebenso herbeiführen. Was habe ich also stattdessen gemacht? Golden Latte bis zum Erbrechen getrunken, zur Maniküre gegangen, drei Flüge gebucht. Das war jetzt zwar insgesamt trillionenmal teurer als meine anderen Laster, aber zumindest nicht gesundheitsschädlich. Ja gut, man kann sich ja alles schön reden. Fakt ist aber, dass es mich glücklich gemacht hat und ich will ja nicht fasten, um die Passion Christi nachzufühlen, sondern um mich ein bisschen zu sortieren.

Mittlerweile, so ungefähr eine Woche vor Ende der Fastenzeit, fühle ich mich gut damit. Ich habe das Bedürfnis abgelegt, Wein bestellen zu wollen und wenn alle um mich herum rauchen, habe ich da auch keine Lust drauf. Die Kunst ist doch dann, sich ein wenig Zurückhaltung aus der Fastenzeit mitzunehmen in den Alltag nach dem Fastenbrechen. Diese sechs Wochen haben mir gezeigt, wie abhängig man sich von bestimmten Genussmitteln macht und das sollte man durchaus mal in Frage stellen. Und manchmal sollte man Menschen, die einen zum Alkoholtrinken oder ähnliches überreden wollen, auch einfach mal sagen:  Halt den Mund.

Ist auch gut, wenn die Fastenzeit jetzt mal vorbei ist, sonst buche ich noch mehr Flüge und ich bin doch ganz unbestritten abhängig von der Zahl auf meinem Konto.

Achso, ja, was ich an dieser Stelle noch betonen wollte, was mir noch ganz wichtig ist zu sagen: Ich habe natürlich kein ernsthaftes Alkoholproblem. Auch keines ohne.

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