Paranoia oder: Lasst mich mit euren Keimen in Ruhe

Ich bin paranoid. Wussten wir doch, werden jetzt einige sagen. Meine Paranoia hat mittlerweile aber ein ganz neues Level erreicht. Ich habe nämlich Panik davor, krank zu werden. Ja, richtige Panik!

50 Prozent der Menschen um mich herum sind krank, da wird es euch ähnlich gehen – es sei denn, ihr seid Teil der 50 Prozent, die selbst schon befallen sind. Dann bleibt mir bitte einfach vom Leib. Ich will das nicht. Weil diese Menschen sind dann nicht nur ein bisschen mit Schnupfen und Hüsteln beschäftigt, sondern in den meisten Fällen mindestens zwei Wochen komplett ausgeknockt und ans Bett gefesselt. Versteht mich nicht falsch. Ich mag mein Bett, ich schlafe dort gerne, das ist mein Nest. Aber eben auch nur dann, wenn ich selber entscheiden kann, ob ich nun dort liegen will oder nicht. Kann ich mich nicht mehr frei entscheiden, weil ich eben krank bin, fühle ich mich nutzlos und depressiv und schaue zu viel Hartz-TV und verblöde. Das ist jedes Mal, wenn ich krank war, wieder intensive Aufbauarbeit am Gehirn, bis ich da wieder auf meiner alten geistigen Höhe angekommen bin. Von den Langzeitschäden mal ganz abgesehen.

Jedenfalls, ich sehe überall Bazillen, sie sind meine mich täglich begleitende Bedrohung; das ist, als würden die überall sitzen und mich angrinsen und um ihnen zu entkommen, müsste ich einen Ninja Warrior Parcour um sie herum absolvieren. Ich will niemandem mehr die Hand geben und auch mit niemandem mehr eine Gabel oder ein Glas teilen, ich bin komplett umzingelt! Bei jedem kleinen Kratzen im Hals, jedes mal, wenn meine Nase läuft, holt mich die Panik wieder ein. Hat’s mich jetzt doch erwischt? Bin ich jetzt etwa doch krank? Und je länger das Warten auf die Ansteckung dauert, desto unpassender wird das Ganze halt. Weil wenn ich in etwa einer oder zwei Wochen krank werde, dann kann ich den Flug nicht nehmen, den ich gebucht habe. Das ist für mich keine Option, weil ich mich doch schon seit ganz vielen Wochen darauf freue, mal rauszukommen. Dann denke ich daran, dass bei vielen die Krankheit erst ausbricht, wenn der Stress vorbei ist und sie sich innerlich entspannen und dann, zack, bricht der Virus aus ihnen heraus. Das wäre nix. Der Flug kostet ja auch nicht nur dreimarkfuffzig und wenn ich dann mal wieder geografisch so weit weg bin, will ich ja wenigstens körperlich und geistig nah bei mir sein. Sich in Quarantäne zu begeben ist aber auch keine wirkliche Alternative, denn ohne mich würde zum einen im Büro natürlich alles zusammenbrechen, Menschenleben wären in Gefahr, und zum anderen muss man sich, so glaube ich, auch immer ein bisschen den Viren aussetzen, damit das Immunsystem gefordert wird und wie bei einer Impfung dann im richtigen Moment gestählt aus dem Angriff herausgeht. Ja! Das ist medizinisch gesehen vermutlich eine äußerst plausible Erläuterung.

Und bisher bin ich ja tatsächlich noch verschont geblieben. Jedes Mal, wenn ich das sage, klopfe ich auf Holz. Das führt zwar zu arthrotischen Fingerknöcheln – und die bleiben mir vermutlich länger als eine zweiwöchige Grippe – aber ich muss in jeglicher Hinsicht Vorkehrungen treffen. Abergläubisch sein zum Beispiel, das hilft ja immer. Klopf, klopf. Ich desinfiziere zur Zeit alles. Jede Türklinke, meine Tastatur, ich wasche ständig meine Hände. Denn ich überlasse nun nichts mehr dem Zufall. Ich dusche meine Beine täglich eiskalt ab (das war doch dieser Kneipp oder so). Ich ziehe Öl. Ich nehme außerdem alle gängigen Nahrungsergänzungsmittel zu mir, die es derzeit auf dem Markt so gibt. Ich müsste vermutlich gar keine feste Nahrung mehr zu mir nehmen, weil ich mit den ganzen Pülverchen und Pillen, die ich da täglich so einwerfe (aber alles streng vegan natürlich!), ausreichend mit sämtlichen Mikro- und Makronährstoffen versorgt wäre. Wenn die Dinger wirklich helfen, werde ich in ein paar Wochen unfassbar volles Haar und unzerbrechliche Fingernägel haben, außerdem wird meine Haut glatt und strahlend sein und meine Mineralstoffversorgung meine körperliche Leistungsfähigkeit auf ein Vielfaches multiplizieren. Wenn mir allerdings bald ein Alien aus dem Bauch wächst, liegt das vielleicht daran, dass es doch eine Pille zu viel war. Aber egal! Hauptsache, keine Grippe! Wenn ich also nicht körperlich krank werde, werde ich definitiv einen geistigen Schaden von dieser Grippewelle davon tragen.

Hey, ihr Bazillen! ICH. WERDE. EUCH. BESIEGEN.

Und die Grippe so: Hey, ihr Gehirnzellen. ICH. WERDE. EUCH. BESIEGEN.

 

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