neunzehn: heute liebe ich jemanden.

Adventskalender 19

Ich glaube, wenn wir keine Angst vor den Konsequenzen hätten, würden wir andere Menschen viel inniger lieben. Wenn man die vernarbten Wunden auf dem verkümmerten Herzen nicht noch immer spüren würde, wie würden wir dann auf Menschen zugehen, die wir eigentlich lieben wollen, uns aber nicht trauen?

Wir wurden alle schon mal verletzt, da bin ich mir sicher. Jeder von uns hat einmal jemanden geliebt, der das entweder nicht zurückgegeben hat oder irgendwann damit aufgehört hat. Das tut weh. Das hinterlässt immer Narben. Je älter man wird, je öfter man verletzt wurde, desto vernarbter wird dieses Herzgewebe nunmal und desto vorsichtiger und verschlossener wird man.

Ich hatte letztens ein Gespräch mit einem Mann, der mir gesagt hat, er sei geschieden und er würde niemals wieder jemanden an sich heranlassen, deshalb schlafe er sich durch sämtliche Betten in ganz Deutschland. Ich habe zu ihm gesagt: Du wirst es nicht aufhalten können, wenn du dich doch wieder verliebst. Doch, hat er gesagt, das werde ich. Nein, habe ich gesagt, das wirst du nicht. Er hat’s mir nicht geglaubt, aber ich bin überzeugt davon, dass man seine Zuneigung zu jemandem nicht unterdrücken kann, wenn man jemanden wirklich, wirklich gern hat. Und wenn man es doch tut, zerreißt es einen doch innerlich, also macht es die Situation ja auch nicht besser. Das ist dann nur ein weiterer Kratzer auf dem geschundenen Herzen. Also wäre es doch gut, einmal seinen ganzen Mut zusammenzunehmen und nicht darüber nachzudenken, ob man wieder verletzt werden könnte, sondern jemandem einfach zeigt, dass man ihn liebt. Das muss nicht in einer Liebesbeziehung der Fall sein, das kann auch freundschaftlich sein – es geht einfach darum, etwas von sich zu geben. Da kommt nämlich öfter was zurück, als man denkt. Aber wenn alle immer Angst davor haben, verletzt zu werden, Angst davor, dass ihr Herz wieder bricht, dann stehen wir alle immer mit einer unsichtbaren Wand zwischen uns herum und werden nie erfahren, ob vielleicht nicht etwas Wundervolles entstanden wäre, hätten wir uns getraut zu lieben; hätten wir mit ganzem Herzen und vollem Einsatz die Wand zwischen uns zertrümmert.

Heute lassen wir mal ein paar Gefühle jemand anderem gegenüber raus. Wir zeigen jemandem unsere Liebe, überschütten ihn mit unserer Zuneigung und vergessen für einen Moment, dass wir schon mal verletzt wurden und Angst haben, dass das wieder passiert. Heute lieben wir, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Heute liebe ich jemanden.

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