Ich war kurz in Marokko

Ich war kurz in Marokko. Also wirklich nur kurz. Vier Tage nur. Ich habe mich nämlich daran erinnert, dass ich ein paar Jahre über meinen Geburtstag weggefahren bin und das war eine sehr schöne Erinnerung. Also hab ich die Curly Connection eingepackt und bin in den Orient gedüst. Jetzt gibt’s neue schöne Erinnerungen. 

Ach Gottchen, ich hab’ mich schon wieder verliebt. Echt jetzt. Wie oft kann man sich in einem Leben eigentlich verlieben? Diesmal ist es ganz schnell und heftig passiert, denn ich hatte schließlich nur vier Tage Zeit. Ich habe mich in all diese Gassen, in denen man sich so schön verlieren kann, in all die Mosaiksteine, die überall verlegt sind, in all die Gerüche auf den lauten, bunten Märkten verliebt. Ich sage das nicht jedes Mal, aber zu einigen Orten will ich dann doch zurückkehren. Und das, ob wohl ich noch nicht einmal einen Sonnenuntergang gesehen habe – und wer schon ein paar meiner Reise-Posts gelesen hat, weiß, wie abartig verrückt ich nach Sonnenuntergängen bin.

Man braucht nur drei Stunden nach Marokko. Also mit dem Flugzeug, zu Fuß wäre es sicherlich länger. Ja und dann fahren wir vom Flughafen in Fès mit einem Taxi zum Bahnhof und dann weiter zur Medina, der weltweit größten mittelalterlichen Altstadt, die seit 1981 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Wir finden sogar auf Anhieb zu unserem Riad, dem Haj Palace, und das, obwohl alle gesagt haben, dass man sich in den kleinen Gassen gern und gut verlaufen kann. Das verschieben wir auf später (und machen’s dann tatsächlich noch). Ich bekomme ja kein Geld dafür, das zu sagen, deshalb könnt ihr mir glauben, dass das ein ganz zauberhaftes Riad ist. Wenn ihr mal nach Fès kommt – geht da hin! Es ist alles genau so, wie man sich ein marokkanisches Riad vorstellt: bunt, aber doch irgendwie harmonisch, viele Stoffe, Vorhänge, Kissen, Mosaiksteine überall und der Typ, der das Haus managed, ist ganz goldig und hilfsbereit, er organisiert mit CC für meinen Geburtstagsabend eine Torte und eine Flasche Rotwein; und Alkohol ist in Marokko bekanntlich nicht gerade an jeder Ecke zu erstehen.

Moha sagt uns, wir sollen zum Essen zu Chez Rachid gehen, malt uns den Weg auf eine Karte und erklärt alles ganz genau. Wir haben beide schon Löcher in den Mägen, ganz große schon, weil wir seit drei Uhr nachts auf den Beinen sind und das Frühstück am Flughafen eher spartanisch ausgefallen ist. Wir laufen da hin, wo wir denken, dass dieses Restaurant ist und finden es einfach nicht. Wir laufen die ganzen kleinen Gassen außenrum ab, aber nichts. Bevor der Hunger unsere Mägen auffrisst, gehen wir einfach zu Chez Hamid, der ist gerade auf dem Weg. Eigentlich ist es sowieso egal, weil es überall das gleiche gibt, nämlich Couscous mit Gemüse (und auch mit Fleisch, aber das ist für mich ja bekanntlich nicht von besonderem Interesse) und Tagine. Und zur Vorspeise gibt’s immer Oliven mit Brot. Das ist jetzt auch gar keine Kritik, weil ich liebe nämlich Couscous und Gemüse liebe ich auch. Das konnte ich durchaus auch vier Tage essen, ohne es über zu haben.

Der Markt hier ist beinahe so, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Dass ich wieder nur mit Handgepäck unterwegs bin, bewahrt mich davor, mich tot zu kaufen. Diese Teppiche! Die Lampen! Die Gewürze! Die Poufs! Die Taschen! Der Schmuck! Meine Güte, der marokkanische Stil ist so dermaßen mein Ding, das ist ja völlig verrückt. Ich begnüge mich aber mit ein bisschen Silberschmuck und marokkanischer Minze. Mehr passt ja auch gar nicht in so einen Handgepäcksrucksack rein. Und wenn man dann in den Teil des Marktes kommt, wo die Lebensmittel verkauft werden, muss man – vor allem als Vegetarier – an manchen Ständen hin und wieder tief durchatmen. Obwohl, ne, besser nicht, es riecht nämlich nach totem Tier und da baumeln ganze Ziegen- und sonstige Tierköpfe umher, als wäre das in Ordnung, einfach Kopf und Körper eines Lebewesens voneinander abzutrennen. Ich frage mich ja schon immer, wie das hygienemäßig so aussieht, ich kenne das auch von den Märkten in Tansania zum Beispiel, da können sich Fliegenmaden doch ein großes Festmahl bereiten – kriegt da nicht jeder, der Fleisch isst, Würmer? Bevor es eklig wird, gehen wir wieder zurück. Ein bisschen anstrengend ist das ja schon, über den Markt zu laufen. Ständig wird man angesprochen, ob man dies oder das kaufen will, diesen oder jenen Laden anschauen will. Auch das kenne ich von meinen anderen Reisen, aber so richtig gewöhnen kann man sich daran wohl nie. Immer kommt irgendwann der Punkt, an dem ich alle ignoriere und denke: Lasst mich doch einfach alle in Ruhe, ich will euren Scheiß nicht kaufen! Das mit dem Handeln klappt auch nur so semi-gut und wenn es mir dann zu blöd wird, denke ich immer: Ich habe doch nur noch drei Tage Zeit, ich will doch nicht einen halben davon mit Diskussionen um drei Euro verbringen. Und dann bezahle ich halt wissentlich zu viel. Dem einen Verkäufer habe ich jedenfalls viel Spaß mit seinem Porsche gewünscht, den er sich von dem Gewinn, den er mit mir gemacht hat, nun kaufen wird. Man muss natürlich auch dazu sagen, dass ich einfach viel zu nett bin. Da muss schon viel passieren, dass ich richtig Druck mache.

Am ersten Tag regnet es hin und wieder, am zweiten regnet es den gesamten Vormittag. Da das mein Geburtstag ist, will ich nicht Trübsal blasen, sondern in ein Spa gehen. Wir landen mit diesem Vorhaben im Palais Faraj am Rande der Medina und in Anbetracht meines jetzigen Alters lasse ich eine Gesichtsbehandlung an mir vollführen. Dieses Palais bietet eine grandiose Aussicht auf die Stadt (ich denke kurz an Jerusalem) man kann oben auch einfach nur einen Tee trinken und den Blick genießen. Nachmittags laufen wir wieder über den Markt, der Regen lässt nach, nur manchmal noch muss ich mir mein Tuch über den Kopf drapieren, um nicht wie ein geplatztes Sofakissen auszusehen. Wir laufen kaum drei Meter nichtsahnend durch die Stadt, da stoßen wir auf Chez Rachid. So ist das wohl hier, in Fès, wenn man etwas sucht, findet man es nicht, aber wenn man ziellos umherläuft, findet man die tollsten Sachen. Einmal verlaufen wir uns auch kurz, weil wir so viel quatschen, dass wir vergessen zu schauen, wo wir zum Riad abbiegen müssen. Aber das macht auch gar nichts, denn wenn man sich verläuft, dann sieht man eh viel, viel mehr, als wenn man immer geradeaus geht.

Das mit dem Englisch ist hier nicht ganz so easy, viele Menschen können das nicht so richtig, aber da ich Französisch zumindest verstehe und CC es auch noch ein wenig sprechen kann, kommen wir durch. Und wie ich mich freue, mal wieder französisch zu hören!

Weil wir noch was anderes sehen wollen und Marrakesch für unseren kurzen Aufenthalt zu weit weg ist, entscheiden wir uns für Casablanca. Weil das am Meer liegt und einen Kontrast zum historischen Fès verspricht und weil Vom Winde verweht (hach, seufz, sabber) dort gedreht wurde. Also nehmen wir früh morgens den Zug nach Casablanca, auch wenn alle sagen, Casablanca ist gar nicht schön. Aber wie sollten wir das beurteilen, wenn wir das nicht selbst gesehen haben? Eigentlich dauert die Zugfahrt vier Stunden, aber das wäre nicht mein Leben, wenn es mich nicht auf eine Geduldsprobe stellen und den Zug eine Stunde stecken lassen würde. Eigentlich bin ich entspannt, aber während ich so vor mich hindöse, diskutiert die gesamte Mitfahrerschaft im Abteil über irgendwas, natürlich auf Arabisch und irgendwie klingt das für mich sehr aggressiv und das wiederum versetzt mich doch irgendwie in Anspannung. Aber mal abgesehen von den anderen Zugreisenden: die Züge sind wirklich modern, ich hatte mit einer singhalesischen Ausstattung gerechnet und war ob der Modernität beinahe enttäuscht. Ist ja fast wie bei uns, denke ich.

Casablanca ist von vorne bis hinten mit Palmen bepflanzt, das liebe ich. Aber stimmt, so richtig schön ist es hier nicht. Die Hotels am Meer wirken wie die Kulisse eines 90er Jahre High Society Movies, von der der Lack abgeplatzt ist und die darin geträumten Träume dem Erwachen gewichen sind. Wir haben auch eines dieser Hotelzimmer direkt am Meer, auch dieses Gebäude ist irgendwie schön, aber vor zwanzig Jahren war es bestimmt noch schöner. Wir genießen den Tag am Meer, ohne schwimmen zu gehen, dafür ist es zu kalt. Das ist noch eines meiner Travel learnings: Ich muss nicht in jedem Ozean gebadet haben. Weil zum einen bin ich Warmduscher und zum anderen sterbe ich immer fast, wenn ich Salzwasser verschlucke oder in die Augen bekomme. Als ich dieses Jahr auf Sansibar war (waren ja auch nur drei Tage), bin ich kein einziges Mal im Wasser gewesen. Mir reicht es, am Strand zu sitzen/liegen/stehen, die Wellen zu beobachten, der Strömung zu lauschen, in den Horizont zu starren. Ich finde Meer geil, aber ich muss nicht in allem baden, was ich geil finde. Jedenfalls, wir sind ja gerade in Casablanca. Auch da gehen wir über den Markt, aber da kommt mir das Angequatsche irgendwie noch aufdringlicher vor und es ist noch fast gar nichts los, als wir da sind, und das macht irgendwie keinen Spaß, also beschließen wir, wieder den Zug zurück nach Fès zu nehmen. Und das ist dann wie nach Hause kommen. Komisch, nur drei Tage hier und schon fühlt es sich so vertraut an. Die Marokkaner kommen mir so entspannt vor wie die Ostafrikaner, aber der Islam steckt dieser Gelassenheit Grenzen. Ich bin begeistert von diesen Gassen, die mich an Stone Town, Sansibars Hauptstadt, erinnern, in denen man sich auch so herrlich verlieren kann. Wenn ich könnte, würde ich meine Wohnung komplett mit marokkanischem Interieur vollstopfen. Gut, vielleicht würde ich, wäre ich länger hier, irgendwann an Überzuckerung sterben, weil der Minztee so übersüß ist, dass mir schon nach einem Gläschen die Zähne wehtun. Aber das wäre mir egal, weil Marokko hat mich einfach eingefangen. Ich spüre da was. Irgendwas richtig schönes. Kann das Liebe sein?

Nach vier Tagen Marokko geht es wieder zurück nach Deutschland ins Kalte, in den Regen. Fest steht aber, dass ich unbedingt nochmal zurückkommen will; zumindest nach Marrakesch und in die Sahara, wenn nicht sogar noch viel weiter. Au revoir, Maroc.

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