Liebe in Zeiten der vorbehaltlichen Vorverurteilung

Manchmal glaube ich, ich wirke zu esoterisch oder öko oder feministisch oder was weiß ich und schreibe meine Gedanken dann eben nicht auf, obwohl es sich eigentlich so anfühlt, als ob ich’s sollte. Vielleicht bin ich manchmal wirklich ein wenig esoterisch, spirituell, gutgläubig; wie auch immer man das nennen will. Aber ich will meine Gutgläubigkeit ja spreaden, also schreibe ich jetzt mehr davon auf. Weil’s eigentlich gar nicht so esoterisch ist, sondern ganz logisch und easy. Und außerdem bin ich manchmal ja auch lustig und ich finde, wer sich selbst verarscht, der darf von Zeit zu Zeit auch pathetisch-salbungsvolle Worte verbreiten. Wem’s zu blöd wird, der muss es ja nicht lesen. Basta.

Heute geht es um: die Liebe! Das Schöne ist, um die Liebe geht es eigentlich jeden Tag, wenn man sie lässt. Wenn man sie jeden Tag bewusst in sich und dann auch nach außen trägt. Es ist an dieser Stelle keine neue Erkenntnis, aber für mich eine sehr wichtige: Lieben bedeutet, sich sehenden Auges auf unschätzbares Risiko einzulassen. Zu lieben braucht Mut. Seine Nächsten zu lieben erfordert, die Verteidigungshaltung aufzugeben, denn wer wirklich liebt, liefert sich schutzlos aus. Nur, wer sich selbst, sein Innerstes, seine kindliche, verletzbare Seele offenbart, kann wirklich lieben und zurückgeliebt werden. Die Familie lieben, den Partner lieben, die besten Freunde lieben – das ist schon schwer genug, aber es gibt etwas vielleicht sogar noch schwierigeres: das ist die Liebe zu Fremden, zu jedem, der einem auf der Straße, in der Bahn, im Restaurant, im Club oder wo auch immer über den Weg läuft.

Für mich wurde vor wenigen Jahren klar: ich will jedem Menschen bewusst mit Liebe entgegentreten. Ich will dieses ständige Gegeneinander nicht. Ich will Miteinander. Weil ich glaube, dass man miteinander viel mehr Energie in Lösungen stecken kann, als wenn im Gegeneinander ständig Reibungverluste entstehen. Reibung ist grundsätzlich gut, Reibung macht warm und aus Spannung kann auch Innovatives und Kreatives entstehen; aber nur, wenn diese Spannung auf einem positiven Grundgefühl aufgebaut ist. Dieses Miteinander funktioniert dann, wenn irgendetwas Verbindendes da ist. Und was bitte verbindet Menschen mehr als der klebrig-süße Sirup der Liebe? Eben. Ich habe mich also ganz bewusst dafür entschieden, Menschen zu lieben (also Tiere auch, ich trag’ ja so derartig viel Liebe in mir, das reicht für alle). Das fordert vor allem eines: den Versuch, vorbehaltlos zu sein. Das ist ein Versuch, weil das ein ständiges Erinnern erfordert, weil wir alle ununterbrochen dazu tendieren, andere zu be- und verurteilen, uns eine Meinung zu bilden, noch bevor der erste Satz gesprochen wurde. Dann entstehen Lästereien, Herabsetzungen, unverrückbare Urteile. Wie kann man es wagen, so über andere Menschen zu urteilen und denken, wo man deren Geschichte, deren Vergangenheit, deren Erlebtes nicht kennt?

Manchmal geht’s mir auch auf den Sack

Aber manchmal, ich bin da ganz ehrlich, fällt mir das auch unheimlich schwer. Wenn mich jemand abartig aufregt, mir jemand oder jemandes Eigenschaften brutal auf den Sack gehen oder so, dann muss ich mich zur Disziplin rufen. Das schaffe ich manchmal nicht so, wie ich das möchte und dann bin auch gleich noch ein bisschen wütend auf mich selbst. Weil Lieben ist auch anstrengend (sich selbst übrigens auch). Aber es gibt ja zum Glück diesen Herzmuskel, der schafft ordentlich was weg. Ich darf aber auch nicht vergessen, dass ich keine Heilige bin, das sind wir alle nicht (unterstelle ich jetzt einfach mal), es ist okay, wenn man es manchmal eben nicht schafft, so ganz ohne Urteil oder Vorurteil auf jemanden zuzugehen. Aber sich das bewusst zu machen, das sollte man tun.

Das mag naiv klingen. Naiv und ein bisschen dumm. Lieben. Sich schutzlos ausliefern. Man muss doch misstrauisch sein, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Wer geht schon gerne Risiko ein?

Ich bin überzeugt davon, dass man nur, wenn man liebt und seine Mauern runterlässt (auf englisch klingt tear down your walls irgendwie besser), kann man Liebe erfahren und das Wertvolle im Menschen entdecken. Ich habe das zumindest so erlebt. Manchmal muss man diese vorbehaltlose Liebe üben, sich anstrengen, aber für mich hat sich das bisher immer gelohnt. Und erst, wenn man jemanden, den man eigentlich nicht auf den ersten Blick als Freund eingeschätzt hätte, zwei- oder dreimal genauer ansieht, voller Liebe nämlich, dann sieht man tiefer, ein bisschen hinter die Fassade, und entdeckt da Sachen, da kommt man mit ein bisschen Hallo, wie geht’s halt nicht ran. Ich habe schon ein paar Freunde durch den liebenden zweiten Blick gefunden, weil ich meine Vorbehalte einfach mal beiseite geschoben habe. Da sind Menschen dabei, die ich jetzt nicht mehr aus meinem Leben lassen will. Und man bekommt so viel zurück! Menschen, die da sind, wenn man Hilfe braucht, in emotionaler und sonstiger Hinsicht.

Verurteilen geht schnell. Das ist einfach und ungefährlich. Jemanden zu lieben erfordert mehr Mut und Anstrengung. Und die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen.

Natürlich kann das alles auch beschissen enden. Ich bin auch schon verletzt worden und zwar echt tief, aber ich gebe das trotzdem nicht auf, das mit dem Lieben und der Vorbehaltlosigkeit. Ich träume ja immer davon, dass alle Menschen sich gegenseitig lieben. Aber ja, ich weiß. Naiv und dumm. Ich glaube trotzdem, wenn jeder sich das mehr ins Bewusstsein ruft, das mit der Liebe, dann ist ja schon ein kleiner Schritt getan.

Ich würde jetzt gerne wieder einen saublöden Spruch ans Ende des Textes setzen, so einer, der einen vergessen lässt, wie weltverbesserisch dieser Text klingt; ein Satz, der das alles relativiert. Aber mir fällt gerade einfach nichts saublödes ein. Vielleicht ist das jetzt auch mal gut so und ich sollte das so stehen lassen. Wegen Liebe und so. Punkt.

4 Kommentare bei „Liebe in Zeiten der vorbehaltlichen Vorverurteilung“

  1. Ökotante, du musst dich nicht jedesmal zu Beginn eines Text für diesen entschuldigen 😉

    1. Vielleicht hast du recht, R. Is saublöd eigentlich.
      Gezeichnet, die Ökotante

  2. Jemanden seine Liebe und innere Achtsamkeit zu geben bzw. schenken ist manchmal wie Perlen vor die Säue werfen !! Liebe ist das Kostbarste was der Mensch zu geben vermag aber auch am meisten schmerzhafte … du schreibst schön und fließend … LG

    1. Danke dir, Siniša. Ich weiß, was du meinst. Hat man ja alles schon erlebt. Ich finde, man darf das trotzdem nicht aufgeben, egal wie dumm es ist, weil irgendwann lohnt sich’s.

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