Roadtrip durch Istrien

Da stehen wir also. Mit dem Auto am Meer.
Izola. Piran. Rovinj. Pula. Fažana. 5 Städte. 2 Länder. 3 Tage. 83 Kugeln Eis.

In Izola laufen wir bis in den klitzekleinen Stadtkern und rüber zum Hafen. Wir legen uns auf etwas, das eine Grünfläche sein soll, aber in Wirklichkeit so braun ist wie der eingetrocknete Weihnachtsbaum, der noch immer in meinem Garten steht. Ob grün oder braun, ich bin so müde, dass ich auf der Stelle einschlafe. Plötzlich fängt es an zu stürmen, ich wache gerade noch rechtzeitig auf, damit wir uns vom Acker machen können, bevor der Regen kommt; und das tut er dann auch. Gnädigerweise schüttet es erst runter, was geht, als wir Zuflucht in unserem Quartier für diese Nacht gefunden haben. Wieder legen wir uns schlafen, alles andere wäre jetzt zu deprimierend. Denn wer den Regen verschläft, kann so tun, als gäbe es ihn nicht. Wer will schon Regen im Sommerurlaub? So schnell es anfing zu regnen, so schnell wird es abends wieder warm, fast schon schwül, und die Sonne gibt vor ihrem Untergang noch alles – tapferes Mädchen. Also laufen wir wieder zum Meer. Wer so viele Boote braucht, fragt sie mich, als wir vor dem Hafen stehen, und ich habe auch keine Ahnung. Den Sonnenuntergang haben wir fast schon verpasst, aber trotzdem tönt die Sonne den Himmel und die Wolken in goldenes Gelb auf der einen Seite und rosanes Blau auf der anderen.

In Piran verliebe ich mich sofort. Die kleinen Gassen, die bunten, etwas heruntergekommenen Häuser, zwischen denen man sich so herrlich verlaufen kann, bis man wieder den Weg zum Meer gefunden hat. Das Meer, das immer Ankerpunkt und Rückzugsort ist. Es gibt hier Touristen, wir haben den Ort schließlich nicht entdeckt – wir sind ja nicht Kolumbus – aber man kann sich noch bewegen, ohne jemandem auf die Füße zu treten, man kann einfach stehenbleiben, ohne dass jemand aufläuft. Noch bestaunen wir das dunkelblaue Wasser vom Ufer aus, den Höhepunkt wollen wir uns bis zum Schluss aufheben. Stattdessen stellen wir uns auf die Stadtmauer und fotografieren uns gegenseitig wie diese Instagram-Görls und finden uns selbst lächerlich bis zum geht nicht mehr. Aber wir machen uns fast ins Höschen vor Lachen, da ist lächerlich doch gerade gut.

In Rovinj sieht es ein bisschen aus wie in Piran, ähnlich schmale Gassen, ähnlich abgeblätterte, bunte Fassaden. Aber hier sind so viel mehr Menschen, dass wir nicht lange bleiben wollen. Ein kurzer Spaziergang durch die Stadt und wir haben genug davon, ständig deutsche Stimmen im Ohr zu haben, von deutsch sprechenden Kellnern bedient zu werden; wir sind die Art Touristen, die die anderen Touristen scheiße finden. Auf den glatt gelaufenen Steinen schlittern wir mit unseren Birkenstocks ordentlich umher, für vieles kann man sie verwenden – zum Bergsteigen, zum Durchs-Meer-Waten – aber für spiegelglatte Böden fehlt ihnen der Grip. Wir stellen erstaunt fest, dass wir nicht die einzigen sind, die im Hochsommer auf die Idee kamen, ans kroatische Meer zu fahren. Schön ist es trotzdem irgendwie, wenn man sich die vielen Menschen wegdenkt. Die Menschen baden und legen sich danach auf die weißen Felsblöcke am Ufer, am Strand gehen wir nicht mehr vorbei, weil wir beschließen, weiterzufahren. Es heißt ja nicht umsonst Roadtrip.

In Pula kommen wir am späten Nachmittag an und alles, was wir zustande bringen ist, uns etwas zu Essen zu suchen. Wir wohnen ein wenig vom Stadtkern entfernt und schaffen es an diesem Abend nicht ganz bis dorthin. Ein Restaurant läuft uns vorher über den Weg und wenn man Hunger hat und eine sehr gute Bewertung bei Tripadvisor im Kopf, dann bleibt man einfach dort. Und obendrein kostet das Glas Wein keine zwei Euro. Am nächsten Tag betreten wir die heiligen Tore der Innenstadt, durch die sind vor uns allerdings schon drei Millionen andere Menschen gegangen und nicht mehr wieder herausgekommen. Man kann sich kaum durch die Stadt bewegen, weil man immer Gefahr läuft, jemandem auf die Füße zu treten oder durch ein Bild zu marschieren, das gerade jemand vor irgendeiner Sehenswürdigkeit machen will. Vor lauter Ausweichmanöver komme ich kaum dazu, die Stadt wirklich wahrzunehmen; und schaffe es dann doch irgendwie. Größer ist es hier, weiter, die Gebäude wirken schwerer als in den kleinen Fischerorten zuvor. Herrschaftlicher thronen die Häuser am Straßenrand und lassen römische Kolonialzeit erahnen. Davon spricht auch das antike Amphittheater, das nicht weit vom Ufer entfernt die Besucher in seinem Inneren verschluckt. Wir haben schon wieder genug von all den Menschen und setzen uns ins Auto, denn was wir jetzt wollen ist: den Höhepunkt. Nicht mehr und nicht weniger. Ins Meer springen, das Salz auf unserer Haut fühlen, bis sich kleine Kristalle bilden und unsere Haare sich von ganz alleine in Beachwaves legen, das ist der höchste Punkt unserer Gefühle, bevor wir wieder zurückfahren zu unserer Basisstation in Slowenien. Nachdem ich in diesem Jahr die Strände Sansibars und Sri Lankas mit meinem Wassermelonen-Bikini bereits beglückt hatte, war Meer für mich mit feinstem Sandstrand verbunden. Die steinigen Ufer der kroatischen Adria-Küste sind für mich ungewohnt, erinnern mich an einen See; bis ich etwas Wasser auf den Lippen schmecke und das Salz mich daran erinnert, dass das hier Meer ist. Nach ein paar Stunden auf dem harten, steinigen Untergrund habe ich überall auf dem Körper rote Abdrücke und mein Rücken schmerzt. Ich bin halt keine 17 mehr und wenn ich mich länger auf einen festen Untergrund lege, fällt mir das Aufstehen schwer. Nachdem wir unser Ziel erreicht haben, das Salz sich auf unserer Haut absetzt und meine Haare lockiger und beachiger sind, als je ein Stylingprodukt es schaffen könnte, brechen wir auf und such im nächsten Ort noch einen Platz zum Abendessen.

In Fažana sind auch recht viele Menschen unterwegs, aber es ist wieder eines dieser Fischerdörfer; klein, gemütlich, schnuckelig, fast schon idyllisch. Hier essen wir das dritte Eis für heute. Aber was soll’s. Es ist Sommer, der Himmel blau, das Essen in Kroatien bisher eigentlich gar nicht mal so gut. Kein Hauptgericht auf der Karte ist vegetarisch, also gibt’s Salat. Feine Gewürze und raffinierte Rezepte sind nicht so deren Ding hier. Aber Eis, das geht immer. Immer und immer wieder. Jetzt ist es Zeit, zurückzufahren. Noch ein Städtchen mehr, und ich wüsste gar nicht mehr, wo ich wann gewesen bin und wie all diese Städte hießen und wie sie aussahen. Ich brauche Pausen, wenn ich reise, das merke ich auch hier wieder. Viel sehen in kurzer Zeit ist zwar effektiv, aber irgendwann, zwischen dem fünften Eis und dem zwölften Kirchturm, hört mein Gehirn auf, die Eindrücke zu verarbeiten und ich genieße nicht mehr, sondern bin nur noch eine Hülle, in der sich Augen bewegen, aber die Verbindung zum Gehirn fehlt.

Und dann fahren wir wieder gen Hauptstadt. Despacito hören wir, wir Banausen, und Ed Sheeran darf mal übernehmen und zwischendurch gibt’s deutschen Hip Hop. Lautstark tönt es aus den Boxen und lautstark aus unseren Hälsen. Eine Band werden wir gründen, wenn wir wieder zurück sind.

Wir sind’s, die Atomic Pillow Girls.

Schreibe einen Kommentar