Das ist so cool, dass die bimmeln, Alter!

Ich war am Wochenende auf dem Pfänder. Der Pfänder ist der nächste von meiner Heimat aus zu erreichende Berg. Ich mag Berge. Ich habe mir vorgenommen, in jedem Land, das ich besuche, auf einen Berg zu steigen. Das sind allesamt keine Fünftausender; aber was gibt es schöneres als über allem zu stehen, die Aussicht zu genießen, in der Natur zu sein? Eben.

Um den Pfänder zu erreichen, habe ich immerhin eine Landesgrenze überquert. Auch der Pfänder ist kein großer Berg, mit seinen 1064 Metern eher eine mittelgroße Erhebung. Gerade so, dass man oben ankommt und denkt Ach schade, schon vorbei. Trotzdem ist die Aussicht grandios, auf der einen Seite der Bodensee, wie er sich ganz majestätisch und ruhig zwischen Berge und Städte schmiegt, auf der anderen Seite unzählige Alpengipfel.

Mein Auto stelle ich irgendwo in Lochau am Berg ab, in der Nähe des Restaurants Fritsch. Weil Orientierung nicht meine Stärke ist, muss ich mir den Standort auf google maps markieren, sonst besteht die Gefahr, dass ich meinen Ausgangspunkt nicht wiederfinde. Meine Horrorvorstellung ist es, alleine nach meinem Auto zu suchen, während die Dunkelheit über den Berg zieht. Von meinem Parkplatz aus leiten mich Schilder nach oben, 1 1/4 Stunden sagen sie. Auf dem Weg durch den Wald bin ich meistens alleine, ein paar Wanderer kommen mir entgegen. Wahrscheinlich sind sie mit der Bahn hochgefahren und nutzen jetzt die eigenen Füße, um wieder nach unten zu kommen.

Immer, wenn der Wald sich lichtet und die Aussicht unbegrünt ist, kann ich den See sehen. Weiße Segelboote treiben auf dem Wasser, es sind viele; ich wundere mich, dass sie nicht zusammenstoßen. Der Himmel ist perfekt blau, die Wolken in klarem Weiß, die Sonne ist kräftig, aber nicht heiß, und das Grün hat das Maximum seiner Strahlkraft für dieses Jahr erreicht. Alles hier ist auf dem Höhepunkt. Schöner kann es nicht werden.

Nach weniger als einer Stunde komme ich an der Bergstation der Pfänderbahn an. Hier ist wieder Zivilisation, aber ein bisschen unzivilisiert, trotzdem. Das ist so cool, dass die Bimmeln, Alter! sagt ein junges Mädchen in Jeans-Hotpants und schwarzem Crop Top, als sie die Glocken der Kühe am Waldesrand hört.

Hier oben ist es voller Menschen. Kaum zwei Meter, die man geradeaus laufen könnte. Es ist laut und ich hätte es wissen müssen. Es ist der erste warme Tag nach dem Regen und der Kühle der vergangenen Tage. Auf dem Gipfel leidet Jesus; vielleicht unter der Hitze, vielleicht unter den lärmenden Touristen, vielleicht hat er sich ganz allgemein am Leben aufgerieben.

Ich laufe durch den Wildpark, ein Kind schlägt mit einem Stock gegen das Wildschweingehege. Das Wildschwein sieht ohnehin schon schwer verhaltensgestört aus und dann noch das. Neben den Nicht-füttern-Schildern sollten hier Nicht-asozial-verhalten-Schilder platziert werden.

Parfümierte Frauen in Kleidern, steinenbesetzten Sandalen und kleinen, mit teurem Logo versehenen Handtaschen spazieren neben verschwitzen Menschen in Funktionskleidung mit Walking-Stöcken in der Hand. Ich bin die mit den Laufschuhen und dem Sport-Bra, der unter dem halbdurchsichtigen Top leise Servus flüstert. Ich erkunde ein bisschen die Gegend hier oben, laufe von Hütte zu Hütte und blicke neben drölfundneunzig anderen seufzend auf den Bodensee.

Mir ist das hier zu voll, zu laut, zu unerzogen. Ich gehe wieder ein Stück bergab. Kurz nach der Baumgrenze – dort, wo die Sonne gerade noch hinkommt – setze ich mich auf den Waldboden, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, und esse zwei Karotten und eine halbe Gurke. Mein Rücken schmiegt sich ergonomisch perfekt an den bemoosten Baum, ich könnte glatt hier einschlafen. Als ich wieder aufstehe, klebt mir der halbe Waldboden an den Beinen, ich habe mich vielleicht ein wenig zu viel eingecremt heute morgen. Ich klopfe Nadeln, Rindenstücke, kleine Äste und ein wenig Erde von meiner Haut. Ich bin wie ein Schnitzel, von dem die Panade abfällt.

Während die Oberschenkel von der Erinnerung an den Aufstieg lamentieren, stehen jetzt die Knie laufend in der Pflicht. Mein Auto finde ich wieder, ich muss nicht einmal google maps bemühen. Weil ich – wie immer – viel zu schnell gelaufen bin und zu wenig getrunken habe, bin ich erschöpft.

Ich setze mich in mein Auto und denke mir Das sollte man öfter machen.

 

2 Kommentare bei „Das ist so cool, dass die bimmeln, Alter!“

  1. Hey wir waren auch erst an Ostern dort!
    Ist wirklich cool wie schnell man oben ist und wie weit man schon nach kurzer Zeit sieht 🙂

    1. Ich finde wirklich, man sollte sowas öfter machen! Immerhin wohnen wir ja im Paradies. Deins ist hügeliger und meins ist halt seeiger 😛

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