Vom Ende des Lebens

Der Tod ist ein Thema, das kaum stattfindet. Natürlich, wir sind umgeben von Nachrichten über Tote in Kriegsgebieten, wir schauen Filme mit brutalen Ermordungen und dass wir alle mal sterben müssen, wissen wir auch. Aber mit dem Tod im näheren Umfeld umgehen? Das müssen wir alle noch lernen.

Immer, wenn ich meine Großmutter besuche, nehme ich das kleine Holzkreuz in die Hand, das auf dem Glastisch in ihrem Wohnzimmer liegt. Wenn ich dieses Kreuz zwischen meine Finger lege, kann ich ihn spüren. Im letzten Jahr musste ich von meinem Großvater Abschied nehmen. Dieses Kreuz hatte er in jenem entscheidenden Moment in der Hand; in der anderen hielt er meine. Ich spüre, dass das Holz etwas von ihm aufgesaugt hat und will ihm nahe sein, indem ich es stundenlang in der Hand halte. Es ist nicht nur dieses Kreuz; es sind all die Worte, die er mir hinterlassen hat, Geburtstagskarten, Weihnachtskarten; so viele Worte, die ich von Zeit zu Zeit hervorhole und die Sätze in seiner spitzen Schrift lese, wieder und wieder. Noch immer kommen mir die Tränen, noch immer zieht sich etwas in mir zusammen. Weil ich ihn vermisse. Und weil ich gleichzeitig Angst davor habe, dass ich irgendwann aufhöre, ihn zu vermissen und die Erinnerung an ihn verblasst wie eine alte Fotografie. Ich habe Angst zu vergessen, wie seine Stimme geklungen hat, den Wortlaut seiner Witze, wie ich mich bei ihm gefühlt habe, wie er aus strahlenden Augen gelächelt hat und wie sein Gesicht aussah, wenn der Schmerz unerbittlich ich seine Nerven gefahren ist. Eigentlich möchte ich die Traurigkeit gar nicht gehen lassen. Aber ein bisschen weniger Schmerz wäre auch in Ordnung.

Allein mit Dämonen

Letztes Jahr, kurz nach diesem für mich durchaus traumatischen Erlebnis, als ich wieder ins Büro gegangen bin und auch sonst wieder versucht habe, ein normales Leben vorzutäuschen, war ich ein wenig enttäuscht. Was ich gebraucht hätte, wären Menschen gewesen, die mich in den Arm genommen hätten, von denen ich mich verstanden gefühlt hätte. Nichts und niemand kann den Schmerz nehmen, aber ein wenig Liebe kann ihn für einen Moment lindern, ein ganz kleines bisschen wenigstens. Natürlich hatte ich einige Personen um mich herum, die genau das getan haben, aber im alltäglichen Leben hatte ich sehr stark mit meiner Trauer und den mit ihr auftauchenden inneren Dämonen zu kämpfen.

Trauer ist nicht messbar

Meine Kollegin, deren Katze ein halbes Jahr zuvor gestorben war, hat zu diesem Anlass mehr Mitgefühl bekommen als ich nach dem Tod meines Großvaters. Monate nachdem die Katze verstorben war, wurde sie immer noch darauf angesprochen. Nach meinem Großvater hat nie wieder jemand gefragt.

Ich will nicht die Trauer über eine Katze mit der Trauer über meinen Großvater vergleichen. Jeder trauert auf seine Weise, Schmerz ist nicht groß oder klein, Schmerz ist individuell. Niemand hat das Recht, darüber zu urteilen, welcher Schmerz erlaubt ist und welcher nicht. Ich habe aber viel darüber nachgedacht, warum die Reaktionen so ausfallen, in meiner Vorstellung war doch mein Verlust viel größer. Mein Großvater, der Mann, von dem meine Mutter und damit auch ich abstamme, war nicht mehr da. Und ich war enttäuscht über die Reaktion – oder vielmehr: über die nicht vorhandene Reaktion. Nach meiner anfänglichen Enttäuschung mischte sich Wut bei, aber als die Trauer mir ein paar Minuten Ruhe ließ und ich darüber nachdenken konnte, ist mir klar geworden, dass man niemanden dafür verantwortlich machen kann. Tod ist ein Thema, über das nicht gesprochen wird, gestorben wird hinter verschlossenen Türen, Trauernde bleiben unter ihresgleichen. Ich bin also zu dem Schluss gekommen, dass das nicht daran liegt, dass irgendjemand mich doof findet und nicht für mich da sein will oder dass es die Leute nicht interessiert oder ähnliches. Ich glaube, das liegt schlicht und ergreifend daran, dass viele nicht wissen, wie sie mit der Trauer eines Mitmenschen umgehen sollen. Provoziert man mit zu viel Aufmerksamkeit Tränen? Was macht man mit diesen Tränen? Ist man dann verantwortlich dafür, die wieder zu trocknen? Es gibt keine Kurse in der Schule, sowas wie Trauer begegnen für Unbeteiligte, man lernt das nirgendwo und hat schnell das Gefühl, mehr falsch als richtig machen zu können. Denn tatsächlich ist es ja so: weil Trauer so individuell ist, gibt es kein richtig oder falsch.

Sich selbst betrauern

Wenn man einen Schritt zurücktritt und die Trauer von außen und oben und von der Seite betrachtet, sieht man auch: Trauer ist nicht die Sorge darum, was mit dem Verstorbenen geschieht – zumindest bei mir nicht –  sondern das Beweinen des Zurückgelassen werdens. Man betrauert sich selbst, das Gefühl des Vermissens, das Alleinesein und das Bewusstwerden der Vergänglichkeit des Lebens. Es tut weh, sich die Zukunft mit einem leeren Sessel im Wohnzimmer und einer neuen Sitzordnung am Kaffeetisch vorstellen zu müssen.

Was mir auch klar wurde: Trauer ist nicht mess- oder vergleichbar. Wenn andere sagen: Der Verstorbene war doch schon so und so alt, da ist das doch in Ordnung, wenn er ins Licht geht – dann ist das genau das, was man nicht hören will.

Er wollte 90 werden, mit aller Gewalt. Er hat noch immer Witze gemacht. Er hat sich noch immer für mein Leben interessiert. Er wusste noch immer ganz genau, wie mein Jobtitel heißt (das kann sich noch nicht einmal mein Bruder merken). Er hat mich immer noch gefragt, wie der Verkehr auf der B30 läuft und wie die Weihnachtsfeier im Büro war. Es war mir egal, ob er 28 oder 89 war – er ist nicht mehr da.

Das Leben im Sterben

Ich habe nach der Schule ein Jahr in einem Altenheim gearbeitet. Der Tod ist dort naturgemäß etwas Normales, Alltägliches. Ich habe hin und wieder Verstorbenen meine letzte Ehre erwiesen, bin an ihr Bett getreten und habe ihnen über die Wange gestrichen oder meine Hände auf ihre gelegt. Seit ich das erlebt habe, habe ich keine Angst mehr vor dem Tod. Der Tod sieht friedlich aus, entspannt und ein wenig nach Geborgenheit. Die Minuten und Stunden der Angehörigen am Totenbett sind mit so vielen Emotionen, Ausbrüchen, Stille, Verzweiflung und Erinnerung verbunden, wie vermutlich kein anderes Geschehnis im Leben. Von tiefer Ruhe über schiere Hoffnungslosigkeit bis zu innigster Liebe geschieht hier alles – innerhalb von Minuten und Stunden. Der Tod ist nicht nur Trauer, Traurigkeit, Ende.

Sterben trägt die Essenz des Lebens in sich.

Nach meinen Erfahrungen mit dem Tod versuche ich, aufmerksamer zu sein, was den Umgang mit dem Tod nahestehender Menschen meiner Mitmenschen angeht. Wie möchte dieser Mensch behandelt werden? Was tut ihm gut? Manche möchten darüber sprechen, andere möchten keine Tränen zeigen und tun lieber so, als wäre nichts geschehen. Das kann man nur herausfinden, indem man nachfragt. Willst du darüber sprechen? frage ich jetzt immer, wenn ich mitbekomme, dass jemand jemanden verloren hat. Das ist das, was ich mir gewünscht hätte. Es geht doch eigentlich auch nicht um große Worte, sondern um das Gefühl, dass man zwar jemanden gehen lassen musste, aber andere großartige Menschen immer noch da sind; das man nicht alleine ist. Vielleicht versteht man das erst, wenn man selbst einen wichtigen Menschen verloren hat. Und vielleicht fühlt sich das für jemand anderen ganz anders an. Aber ich glaube so oder so, dass wir den Tod mehr zum Teil unseres Lebens machen müssen, möglicherweise kommt er dann nicht so überraschend und mit voller Wucht.

Die letzten Minuten mit ihm waren das größte Geschenk. Das waren die intensivsten Stunden meines bisherigen Lebens. Die allerschönsten und zugleich allerschlimmsten.

Die Essenz des Lebens.

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