Lesbaar im Juli – Ludwig Fels: Ein Unding der Liebe

Hier lesen wir das Psychogramm eines Versagers in sprachlicher Eindringlichkeit und verworteter Hoffnungslosigkeit. Selten war die Brutalität des Lebens schöner ausgebreitet. 250 Seiten, die weh tun.

Während meinen Urlaubs habe ich es in vier Wochen auf sechs Bücher gebracht (den Reiseführer außer Acht gelassen). Ich war dennoch nicht tagtäglich stundenlang mit Lesen beschäftigt; vor dem Schlafengehen habe ich ein paar Seiten gelesen, am Strand, auf den Busfahrten und an Flughäfen und in den Flugzeugen. Also dort, wo man sich ansonsten langweilen würde oder Filme schauen. Unter diesen Büchern war vorwiegend Schund. Kitschige Liebesromane, die ich teilweise nur deshalb fertig gelesen habe, weil ich genauestens analysieren wollte, warum dieses Werk so grandios furchtbar ist. Von diesen Büchern werdet ihr hier nichts zu lesen bekommen. Nach dem Urlaub verzichte ich nun schmerzlich auf Strand und Meer, doch Bus- oder Zugfahrten geben mir immer noch genügend Zeit und Raum für Literatur. Mittlerweile dürfte auch das letzte Sandkorn aus den Ritzen des Readers gekrochen sein. Jetzt lese ich wieder Gehaltvolleres mit ein wenig mehr Tiefgang. Aus dem Leih-Fundus einer Kollegin habe ich Ein Unding der Liebe von Ludwig Fels gekramt. Es hat mich voller Melancholie zurückgelassen.

Georg Bleistein ist 27 Jahre alt, fett, hat einen scheiß Job in einer Kantine, lebt bei Tante und Großmutter, Frauen finden ihn recht unbedeutsam bis bemitleidenswert und auch sonst kriegt er nichts auf die Reihe. Nach und nach schält sich die Widerwärtigkeit des jungen Mannes in dünnen Häuten von ihm ab und zu Tage tritt ein aufs Tiefste verletzter Mensch, der nichts weiter will als geliebt werden, aber gleichzeitig alles tut, um das zu verhindern.

An seinem Bauch schleppte er wie an einem überquellenden Sack, der bei der geringsten Bewegung sulzige Falten warf.

Tante und Großmutter haben Georg im Kindesalter vor seiner Mutter gerettet, eine Alkoholikerin mit Knast-Erfahrung. Seitdem wurde die Liebe durch Essen ersetzt, der Junge kann fressen wie ein Scheunendrescher, er ist ein Nimmersatt, ein schwarzes Loch. Lieber hätte er Liebe und Sex, aber da er die nicht bekommt, weiß er seine innere Leere anderweitig zu stopfen. Irgendwann hat er seinen Kantinenjob satt, führt sich auf wie ein Irrer und (wird ge-)kündigt. Auch seine Tante und Großmutter kündigen ihm das Zusammenleben, als die Tante Pornohefte in seinem Zimmer findet. Nach einigem Hin- und Herirren, viel Sauferei, einigen unbezahlbaren Hotelnächten und mehrmaligem Randale versucht er, seine Mutter zu finden, weil er sich von ihr die Rettung aus seiner Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit erträumt.

Dann wachte er wieder auf. Vom Morgen war noch nichts zu sehen. Um sich Mut zu machen, sagte er laut: “Erika, das ist das Hochzeitsbett, dein Brautlager, das ich dir wünsch: mit grünen Röhrenknochen sollst du geschwängert werden, der Teufel soll dir dein Arschloch schminken!”

Wie ein roter Faden ziehen sich Georgs Träume durch das Buch, er träumt von Sex mit Frauen, die er eh nie haben wird, er träumt von seiner Mutter, die ihn in ihrer Luxus-Villa epfängt, die ihn von seiner Einsamkeit erlöst. Das ist deshalb so traurig, weil man doch ganz genau weiß, dass all das nie eintreten wird. Und tatsächlich: seine Mutter ist ihm keine Rettung, sie ist noch viel weiter unten als er. Sie säuft noch viel mehr als er, lässt sich von einem Mann aushalten, der sie gegen (Sex-)Arbeit bei ihm wohnen lässt und ist die meiste Zeit eigentlich nicht ansprechbar. Und ihren Sohn will sie nicht haben.

Stilistisch ist dieses Unding eine Wohltat. Ich habe das einmal angedeutet, glaube ich: gute Sprache löst bei mir auch ein tatsächliches körperliches Wohlgefühl aus. Gute Sprache wärmt mich von innen. Schlechte tut mir weh: Mein inneres verkrampft. Das mag verrückt sein, dass die Kraft des geschriebenen Wortes eine solche physikalische Wucht auf meinen Körper hat, aber so ist es nunmal.

Die Kapitel beginnen meist mit einem poetischen Gemälde der äußeren Umstände. Das tut eigentlich nichts zur Sache, das sorgt allenfalls für einen eng gewobenen Gefühlsteppich, auf dessen Stimmung man durch das Buch getragen wird. Und mich umfängt sie gut, diese Stimmung. Für mich sind diese Einleitungen der Gegenpol zur detailliert ausgeführten Widerwärtigkeit des zeitweise übel stinkenden, ständig onanierenden Bleisteins.

Bald schäumt Blut im Sektkelch. Gleich landen Raketen im den Dachrinnen. Frost bäckt den Schnee, die weiße Hefe hügelt sich. Blaue Blitze reißt es aus der Nacht, wenn Sterne dort oben zerspringen.

Und mittendrin steht da Poesie, einfach so. Gedichte, die wie Blüten in einem schmutzigen Hinterhof in den Ritzen zwischen den Pflastersteine wuchern; ein wenig willkürlich, aber doch aufbrechend. Sie müssten nicht dort sein, aber jetzt, da sie schon mal da sind, kann man sie auch genießen.

Wie ein blinder Schäfer träumend
das Wort Freiheit
Sprechblasen, Spielräume
fast schon wie einen Satz
mit Störungen, Unterbrechungen
unbegreiflich, unangreifbar.
Freiheit, nachts
wenn wahrste Wirklichkeit
auf der Seele hockt und drückt
und Schweiß in die Gehirnzellen preßt.

Im gesamten Buch – in den Gedichten ohnehin – steht die Sprache im Kontrast zur Tristesse und Trostlosigkeit Bleisteins Lebens. Manchmal ist es hier brutal, oft widerwärtig und ekelerregend, manchmal unerträglich hoffnungs- und ausweglos, doch über all dem liegen die sprachlichen Bilder wie ein zarter, kaum berüschter Vorhang.

Das hier ist eine Empfehlung. Definitiv. Es tut aber weh, Obacht!

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