Und immer bleibt etwas zurück

Während ich durch Colombo laufe, die schwüle Hitze mir auf den Kopf drückt und der dünne Stoff des Kleides auf meiner Haut klebt, bin ich in Gedanken noch immer in Moshi. Wieder habe ich ein Stück meines Herzens dort gelassen – wie oft muss ich wohl wiederkommen, bis es ganz dort bleibt? 

An meinem letzten Tag in Tansania bin ich wieder – wie fast jeden Tag – bei Eva und Baby Ethan, sie oder eine ihrer Cousinen kochen immer für mich mit und ich bringe ihr was aus der Stadt mit; einmal Windeln, einmal Seife, einmal Obst und Gemüse. An diesem Tag bringe ich ihr ein Stramplerset für den Kleinen mit. Wie goldig das Ding aussieht, in der kleinsten Größe, die es gibt, und mit Löwen drauf. Ich fühle mich ein bisschen fiebrig und mache mir Sorgen, dass ich den Kleinen anstecken könnte, also lässt Eva ihn heute im Schlafzimmer liegen. Als sie hört, dass es mir nicht gut geht, kocht sie mir sofort einen Sud aus Ingwer, Limette und Hühnchen (Ja… Nicht so ganz vegetarisch, I know…), packt mir ein Tuch über den Kopf und lässt mich inhalieren. Und danach trinke ich die Brühe mit viel Zucker. Sehr viel Zucker. Irgendwo muss die ganze Süße ja hin, die die da auf der Zuckerrohrplantage anbauen.

Jetzt hast du ein drittes Kind, um das du dich kümmerst, sage ich. Ich soll mich jetzt schlafen legen, damit ich alles ausschwitze, sagt sie, und verfrachtet mich in das Bett ihrer Cousine, die auch gerade im Haus wohnt. Vier Frauen (Eva, ihre Schwester Monica und zwei Cousinen), ein kleines Mädchen und ein Baby leben auf zwei Schlafzimmern und vielleicht 30 Quadratmetern verteilt – und dann liege ich auch noch da herum. Aber wie gut sich das anfühlt, so bemuttert zu werden! Wenn man krank ist und keiner da zum Rücken streicheln, dann ist das das furchtbarste, was es gibt auf der Welt. Das habe ich ja in Deutschland meist auch nicht, ich wohne ja alleine, aber da schlage ich auch immer aus, wenn jemand für mich da sein will. Ich krieg das schon alleine hin, denke ich immer. Und Krieg ist es dann wirklich, aber nur in mir drin. Über Eva will ich gerne an anderer Stelle noch mehr erzählen, aber diese Frau – sie ist vielleicht ein oder zwei Jahre älter als ich – ist gütig und bescheiden und geduldig. Und natürlich lustig, das versteht sich von selbst, ich mag ja von Haus aus keine unlustigen Menschen. Was für ein Glück, dass sie der erste Mensch war, den ich damals in Moshi kennen gelernt habe. Irgendwie hat sie es geschafft, dass ich Hilfe annehme und das schafft sonst kaum einer. Ich lasse mich nicht gerne unterstützen. Aber nicht nur sie, die Stadt, das Land, die Menschen darin – irgendwie haben die das unmögliche geschafft. Hier ist es niemandem lästig, bei irgendwas zur Hand zu gehen, es ist ganz normal. Fünf Leute beschäftigen sich voller Enthusiasmus eine Stunde lang mit meinem Handy, als meine SIM-Card nicht geht, und wenn ich irgendwo in der Stadt herumlaufe, jemanden treffe, den ich kenne, und einen bestimmten Ort suche, dann geht der mit mir da hin. Und niemand würde mich oder eins der anderen Mädels abends oder nachts alleine nach Hause gehen lassen. Das kenne ich so einfach nicht. Da wird auch nicht lange gefragt Soll ich, Darf ich, Willst du, nein, da wird halt einfach gemacht. Widerworte zwecklos.


Wenn ich in Moshi durch die Stadt laufe, treffe ich immer jemanden, den ich kenne. Immer. Hier kenne ich mittlerweile mehr Menschen als in der Stadt, in der ich eigentlich zu Hause bin (ich meine, das liegt an den eher verschlossenen Oberschwaben; die meisten meiner Freunde dort sind nämlich auch Zugezogene). Ich setze mich einfach ins Café und kann mit Sicherheit sagen, dass jemand da ist oder in Kürze kommt, den ich kenne. Man kann sich so wunderbar treiben lassen und in den Tag hineinleben und es ist immer eine Überraschung, wie dieser besagte Tag dann aussieht. Jeder kennt jeden, jeder palavert mit jedem, man genießt das Leben, auch wenn es gar nix zu genießen gibt, weil gerade kein Geld da ist oder kein Job oder irgendwer krank ist, vorzugsweise mit Malaria. Und wie die tanzen! Ich komm nicht drüber hinweg, echt, vor allem die Männer sind unglaubliche Tänzer; und dann kommst wieder daheim in der discokugelbehangenen Spelunke an, wo die Kerle von dem einem großen Zehen auf den anderen wippen, und die können ja auch nix dafür, die haben das nicht mit der Muttermilch aufgesogen und auch nicht mit drei schon im Kindergarten die Hüften gekreist. Aber frustrierend ist das allemal.

Ich will die letzten Tage immerzu sagen In Tansania, da ist das so und so und In Tansania, da tun die dies und das, aber wie oft kann man sowas denn sagen, bis einen alle für nervig halten und für bescheuert erklären und die Augen verdrehen?

Ich bin zerrissen zwischen dem Ich will hier bleiben und dem Ich kann nicht hier leben. Wahrscheinlich ist es genau das. Wenn mich in Deutschland die Routine erdrückt, wenn ich vom Jeden-Tag-in-die Arbeit-, Ins-Gym- und am Wochenende vom In-die-Dorf-Disse-gehen müde bin, dann weiß ich, dass ich nur einen Flug nach Tansania buchen muss. Hier ist ganz großes Drama, ganz große Leidenschaft, ganz große Freiheit und Musik. Hier zu leben wäre großartig, aber ich arbeite gerne strukturiert und effektiv. Die tansanischen Männer sind toll, aber ich halte sehr viel von Gleichberechtigung. Die Einfachheit der Lebensumstände ist reinigend, ich bin aber nicht gerne limitiert.

Ich bin süchtig nach einer Stadt am Fuße des Kilimanjaro. Irgendwas muss dort in der Luft liegen – es gibt viele andere, die Moshi erlegen sind. Aber wie das wohl bei jeder guten Sucht so ist, sollte man sich am besten hin und wieder einen Entzug gönnen, um dann schon von einer kleinen Dosis so richtig high zu werden. Das ist dann wohl ein kalter Entzug, den ich da gerade mache. Wenigstens hilft mir Sri Lanka, darüber hinwegzukommen. Es ist nicht Tansania und nichts wird jemals für mich genauso sein, aber ich gebe der Insel wenigstens eine Chance, mich zu überwältigen. Drunter kommt mir nämlich nix in die Tüte. Tüte – um bei der Rausch-Metapher zu bleiben, verstehste, ne?! Hahaha!

Und wieder habe ich es geschafft, eine Geschichte mit einem dämlichen letzten Satz zu ruinieren. Ich bitte um Verzeihung.

+++English version (obviously)+++

As I walk through Colombo, the humid heat strains my head and the thin fabric of the dress sticks to my skin, my mind is still in Moshi. Once again, I left a piece of my heart there – how often do I have to return until it remains there?

On my last day in Tanzania I am with Eva and baby Ethan – like almost every other day – she or one of her cousins ​​always cooks for me and I bring her something from town; once diapers, once soap, once fruits and vegetables. This day I bring her a set of trunks for the little boy. How cute the thing looks, in the smallest size that exists, and with these lions on it. I feel a bit feverish and worry that I could get the little one infected, so Eva leaves him in the bedroom. When she heard that I was not doing well, she immediately cooked ginger, lime and chicken (yes, not quite vegetarian, I know …), put a piece of cloth over my head and let me inhale. And after that I am drinking the broth with lots of sugar. Very much sugar. Somewhere the whole sweetness must go that they grow there on the sugar cane plantation.

Now you have a third child you are caring for, I say. You’re supposed to go to sleep now, so you’ll sweat it all out, she says, and puts me in the bed of her cousin, who is also living in the house. Four women (Eva, her sister Monica and two cousins), a little girl and a baby live on two bedrooms and maybe 30 square meters – and now I’m also lying around there. But how good it feels to get spoiled like that! If you are sick and no one is there for you, it is the most terrible thing in the world. I do not have that in Germany either, I am living alone, but I always refuse help when someone wants to be there for me. I will do it alone, that’s what I always think. I would like to tell you more about Eva in another article, because this woman – perhaps a year or two older than me – is kind and humble and patient. And, of course, funny, as I do not like people who are not funny. What a blessing she was the first person I met in Moshi. Somehow she has managed to help me although I do not like to be supported. But not only her, the town, the country, the people in it – somehow they have managed the impossible. Here, it is not annoying to get support with anything, it is quite normal. Five people are enthusiastically busy with my mobile phone for an hour when my SIM card does not work, and when I walk around in town, meet someone I know, and I am looking for a specific place, that person goes there with me and no one would let me or one of the other girls go home alone in the evening or at night. They just do, they don’t ask a lot.

When I walk through town in Moshi, I always meet someone I know. Always. Here I know more people than in the city where I am actually at home. I just sit down in the café and can say for sure that someone that I know is there or coming soon. You can go with the flow so wonderfully and live into the day and it is always a surprise how this day will turn out. Everyone knows everyone, everyone palavishes with everyone, one enjoys life, even if there is nothing to enjoy, because there’s no money or no job or someone is sick, preferably with malaria. And like the dancing! I do not get over it, really, especially the men are incredible dancers; And then I come back home where the guys wipe from one big toe to the other and it’s not even their fault, they just don’t have it in their blood. But it is frustrating.

The last days I wanted to start alI my sentences with In Tanzania, it is so and so and In Tanzania, it is like this and that, but how often can you say something like this until one thinks you’re annoying and stupid?

I am torn between “I want to stay here” and “I can not live here”. Probably that’s what it is. When I am exhausted by my daily routine in Germany, when I’m tired of going to work, going to the gym and the same old fucking club on the weekends, I know that I just need to book a flight to Tanzania. Here is great drama, great passion, great freedom and music. Living here would be great, but I like to work structured and effective. The Tanzanian men are great, but I prefer equality. The simplicity of the living conditions is cleansing, but I don’t like to be limited.

I am addicted to a town at the foot of Mount Kilimanjaro. Something must be in the air – there are many others who have succumbed to Moshi. But with any good addiction, one should get a rehab from time to time in order to get high from a small dose after that. This is probably a cold turkey that I am doing right now. At least Sri Lanka helps me get over it. It is not Tanzania and nothing will ever be the same for me, but I am giving this island at least a chance to overwhelm me. 

The last joke that I used in the German text is not working in english. I am sorry. But this may be the best ending anyway. Haha. 

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