Lesbaar im Juni – Elfriede Jelinek: Die Liebhaberinnen

Es ist egal

ob die Jelinek in der Zeitung steht

oder im Regal

solange ich bei dir bin ists egal.

Wanda – Jelinek

Ich hatte mal eine ganz harte Wanda-Phase. Ganz, ganz hart. (Im Moment ist Toto-Phase und meine Nachbarn tun mir sehr leid.). Ich habe Wanda gehört, bis allen Menschen um mich herum die Ohren geblutet haben. Es gibt einen Song, der sich Jelinek nennt und weil ich ja so ein Lyrics-Fanatiker bin, muss ich immer gleich danach googlen. Elfriede Jelinek, Schriftstellerin. Könnte man sogar kennen, hat mal einen Literaturnobelpreis gewonnen. War mir nicht unbedingt ein Begriff. Und dann habe ich, vielleicht ein oder zwei Jahre nach meiner Wanda-Obsession, mit einer Kollegin – einer Literaturwissenschaftlerin – gesprochen und wir haben festgestellt, dass wir beide gerne lesen (was für eine Literaturwissenschaftlerin ja durchaus von Vorteil sein kann) und daraufhin haben wir ein paar Bücher ausgetauscht. Und da war dann zufällig die Jelinek dabei mit Die Liebhaberinnen. Ich hab’s am ersten Wochenende gleich verschlungen, ist ja auch nur etwa 150 Seiten lang.

oft heiraten diese frauen oder sie gehen sonst wie zugrunde
Jelinek, die Liebhaberinnen

Ich habe vor diesem Text extra keine Kritik über das Buch gelesen, sondern wollte mir meine eigene Meinung bilden und sie notieren. Falls das literaturwissenschaftlich wenig Qualitäten hat, ist mir das – gelinde gesagt – nicht so wichtig. Ich lese ja nicht, um einwandfreie objektive Berichte darüber zu erstatten, die sich an den gängigen Literaturkritiken orientieren. Na jedenfalls, die Geschichte im Buch ist schnell erzählt, es gibt nämich eigentlich keine großartige Geschichte darin.

Es geht um Brigitte, die ist irgendwas um die 16, 17 Jahre alt und Paula, sie ist 15. Brigitte will um jeden Preis Heinz rumkriegen und von ihm geheiratet werden, weil er irgendwann einen Elektrofachladen aufmachen wird und das der höchste denkbare gesellschaftliche Aufstieg für Brigitte ist. Wenn sie mit ihm schläft, geht es nur darum, dass sie endlich, endlich! schwanger wird von ihm, was er eigentlich gar nicht so gut fände. Klappt dann schließlich doch. Und es wird geheiratet, juhu! Paulahat erstmal andere Pläne, sie will was lernen und reisen und so und Dann trifft sie aber Erich. Erich ist genau genommen hummeldumm, aber sie steht halt auf ihn. Erich schwängert Paula zwar, aber er will und will sie einfach nicht heiraten. Irgendwann macht er’s dann doch, aber sie betrügt ihn auf eine prostituierende Art und Weise, sodass die Ehe scheitert. 

wie jeden tag wartet die abtreibende hausarbeit schon. die mutta hofft, dass das enkerl doch noch unausgebildet und nicht lebensfähig aus paula herausflutschen wird, wenn sie sich nur recht fest auf den knien herumwälzt, wenn sie schwere eimer mit dreckiger lauge hebt, wenn sie sich nur recht plagen tut, die paula. aber nichts rutscht und flutscht, außer dem schweiß, der aus allen poren quillt. 

Jelinek, die Liebhaberinnen

Jelinek schreibt ihren ganzen verdammten text in kleinbuchstaben und benutzt nur zur betonung einzelner begriffe auch mal VERSALIEN oder in der direkten ansprache Sie oder Ihre. solche spirenzchen wirken ja oft total aufgesetzt und gewollt, aber bei ihr passt es irgendwie zum inhalt.

Ich lache ob der bitterbösen, schwarzen Beschreibungen der untersten Arbeiterklasse in mich hinein, in der die Heirat das Höchste anzustrebende Lebensmodell ist und schäme mich zugleich. Wie kann eine Jelinek, eine Schriftstellerin, Intellektuelle, solch ein Bild einer Gesellschaft zeichnen, die sie mit Sicherheit nur von ganz weit außen kennt? Und wie kann ich, die Hochschulangestellte, von Professoren und Studierenden Umgebene, mich erdreisten, darüber auch noch zu lachen? Es bleibt ein schaler Nachgeschmack und ein Erschrecken über das Verurteilen von Menschen, die ganz andere Kämpfe austragen müssen als ich – oder die Jelinek. Als ob wir zwei besser wären als die oder klüger. Man ist hier nicht mittendrin sondern neigt dazu, von oben herab auf die Charaktere zu schauen und das ist eigentlich gar nicht meine Art, von oben herab auf Menschen zu blicken. Aber Jelinek nimmt einen ungefragt mit auf diese Höhe und manchmal fragt man sich, zwischendurch, ganz zaghaft, ob das nicht auch die Fallhöhe vergrößert. Wenn man das im Hinterkopf hat, diese moralische Ungerechtigkeit, fällt es schwer, das Buch noch uneingeschränkt gut zu finden.

du hast dich in keinem punkt vom tiere im walde unterschieden, denn junge werfen kann ein jedes, geheiratet werden kann dagegen keines, mahnt auch ernst eine tante, die aus der stadt, wohin sie geheiratet hat, an das paulabett geeilt ist. paula liegt im geburtsbett, hört auf die ermahnungen und heult.

Jelinek, die Liebhaberinnen

Und doch liebe ich die Sprache, ich komme nicht dagegen an. Und folgendes: Das hier ist ein unverfilmbares Buch. Weil nichts geschieht, alles zwischen Titel und Rücken ist Gedanken, Sprache, Sinnbild.

Würde man einen Film draus machen, wäre er schlecht. Das ist für mich Inbegriff guter Literatur: Die nur in ihrem Medium funktioniert, nicht als Film oder Hörbuch oder Computerspiel ohne den Charakter des Werkes nachhaltig zu beschädigen.

Dieses Buch ist Buch. Einfach nur Buch. Die Essenz seines Daseins, aufs Geringste komprimiert.

Übrigens: wer das Buch lesen will, das ist wirklich nix für Menschen, die gerne Geschichten lesen, denn das findet man hier nun wirklich nicht. Wer aber auf Sprache steht und Gedankenknoten und rüschenlose sprachliche Bilder, der kann das durchaus mal in die Hand nehmen und aufschlagen.

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