Weißer Sand im Getriebe

Als ich im Flugzeug meinen E-Book-Reader öffne, rieselt mir Sand entgegen. Ich komme gerade von einem Kurztrip nach Sansibar, was man halt so macht – mal schnell übers Wochenende ins Paradies.

Wie das alles so lief bisher, wie erfolgreich meine Challenges waren; das hab ich mich gefragt, als ich die feinen Körner von Display puste. 

Die letzten Tage in Moshi war ich so busy, dass ich nicht einmal ansatzweise erledigen konnte, was ich erledigen wollte. Man schafft hier kaum mehr als drei Termine am Tag; entweder, einer ist zu spät, oder der Bus fährt einfach nicht los oder die anderen sagen Nein, geh noch nicht, lass uns noch eine Runde Pool spielen, nur eine oder einer redet zwei Stunden ununterbrochen oder es gibt was zu essen und das ist noch nicht fertig, wenn man ankommt, sondern muss noch drei Stunden gekocht und zwei Stunden gegessen werden oder sowas eben. Und ich liebe das ja, deswegen bin ich so gerne hier, aber ich sehe wieder: hier arbeiten – das könnte ich nicht. Also renne ich (was man hier so als rennen bezeichnen kann), von einer Verabredung zur nächsten, muss das Baby besuchen, die Jungs vom Fußball, die Kinder will ich eigentlich auch besuchen, Wäsche muss ich waschen und dann habe ich noch eine Deutsche kennengelernt, mit der muss ich auch mal zum Abendessen gehen, schließlich trifft man in Tansania selten Menschen, die einem in breitem schwäbisch erzählen, dass sie eine halbe Stunde entfernt von der eigenen Hometown wohnen, und natürlich muss ich die Freunde vom letzten Jahr wieder sehen. Ach was: Ich muss nicht, ich will.


Und nachdem ich einiges davon abgearbeitet habe und mich ein Freund fragt, ob ich mit ihm übers Wochenende nach Sansibar gehe, da denke ich: boah, ne, haste keine Zeit für, musste ja noch dies und das und dann denke ich mir: ich bin doch hier im Urlaub und nicht auf der Flucht, dass wäre doch gelacht, wenn ich das nicht machen könnte. Ehe ich weiter drüber nachdenken oder es mir gar anders überlegen könnte, sind meine Finger schon dabei, ein Ticket zu buchen und zack – hab ich die Bestätigung im Mail-Account liegen. So läuft das hier also. 

Es ist also Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen für die zwei Teilprojekte meines Trips. 

1. Wie läuft’s mit den Handgepäck?

Ich bin begeistert. Ich musste bisher einmal waschen – per Hand, wie man das hier halt so macht – aber da habe ich ja schon ausreichend Übung. Bevor ich nach Sansibar abreise, brauche ich fünf Minuten zum Packen, ich schmeiße einfach all mein mitgeführtes Hab und Gut (natürlich ordentlich mit einem ausgeklügelten System, den ausgeliehenen Backpack-Taschen meiner lieben Freundin D nämlich), in den Trekking-Rucksack und hüpfe ins Taxi. Ich muss mir nicht lange überlegen, was ich mitnehme, was ich brauche, ich habe ja nicht viel und das kann alles mit. Wieder bin ich nach der Landung ultraschnell aus dem Flughafen raus, lächle innerlich den Menschen am Gepäckband mitleidig zu und freue mich meines Lebens.   

Hier in Moshi ist das mit dem wenigen Gepäck ergo den wenigen Klamotten sowieso nicht so wichtig, obwohl hier ein neuer Night Club aufgemacht hat, selbst da reichen die Oberteile, die ich dabeihabe, um nicht völlig asozial unterwegs zu sein. Als ich aber auf Sansibar am Strand sitze und die aktuellen Sommerkollektionen der High street brands vorgeführt bekomme, bin ich in Gedanken kurz etwas wehmütig in meinem Kleiderschrank, wo auch viele schöne Sachen hängen. Aber die durften ja nicht mit und sind jetzt bestimmt traurig, mindestens so sehr wie ich. Aber dann schaue ich mich nochmal genauer um und ich sehe, dass ich, mit der Shisha in der Hand, dem romantischen  Pragmatismus im Kopf und den lustigen Gesprächspartnern am Tisch irgendwie ausgeglichener scheine als die Mädels mit den Cocktails in der Hand, die vom Instagram-Boyfriend geschossen werden und sonst weiter nicht viel tun (außer sich mit Öl einzuschmieren und dem Hautkrebs Vorschub zu leisten). Nein, hab ich mir gedacht, darauf kommt’s jetzt wirklich nicht an, hab ich mir gedacht, auf diese Klamotten. Morgen wird nochmal gewaschen, damit bis zur Weiterreise auch alles wieder trocken ist. Ich finde schon beinahe Gefallen daran, an dieser Wascherei. 


2. Wie läuft’s mit dem Alleinreisen?

Wie gesagt, Moshi ist ja meine Hood, da bin ich nicht alleine, aber auf Sansibar sieht das schon ein wenig anders aus. Auch wenn ich zum dritten Mal da bin, da bin ich halt nicht zu Hause. Und als der Freund, mit dem ich hier bin, noch Business machen muss und ich fast den ganzen Tag auf mich allein gestellt bin, kommt zwischendurch kurz eine klitzekleine Einsamkeit auf, aber als ich mit drei schwedischen Mädels, die ziemlich cool drauf sind, an der Strandbar in Kendwa rocks rumhänge, geht das schon wieder klar. Kendwa rocks auf Sansibar ist keine typische Backpacker-Location, hier sind viele Paare und einige Teenie-Reisegruppen, man setzt sich ja auch nicht gerade zu Honeymoonern an den Tisch, um sie zu fragen, ob man ihnen Gesellschaft leisten darf. Die Hotels nebenan sind teilweise noch geschlossen, es ist gerade Low season, das flüstert auch der Regen, der immer wieder fällt. Ich sag mal so: Läuft soweit! Jetzt gerade, zurück in Moshi, genieße ich die Allein-Zeit, die Me-Time, um zu reflektieren und festzuhalten, ganz ohne Menschen um mich. Das ist ja auch immer eine Frage der Wahl – wenn ich wählen kann, ob ich alleine sein möchte, oder nicht, fühlt sich das Alleinesein besser an, als wenn ich dazu gezwungen werde. 

Und während der Massai, der Watchman der Hostels, im Zimmer nebenan auf dem Sofa schnarcht, freue ich mich auf alles, was da noch kommen wird. Und das hat dann hoffentlich weniger mit Gepäck als mehr mit Freiheit zu tun.  Und der Wahl über das Alleinesein.

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