Challenge: Handgepäck

Ich hab’s ja schon gesagt – ich verreise vier Wochen. Und irgendwie kam ich im Vorfeld auf die glorreiche Idee, nur mit Handgepäck zu verreisen. Wann und wie ich darauf kam, kann ich nicht mehr genau rekonstruieren, aber zum einen bin ich immer für eine Challenge zu haben und zum anderen bin ich vielleicht auch ein bisschen traumatisiert. 

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr nach der Landung am Gepäckband steht, müde seid von den vorangegangenen Stunden im Flugzeug, in denen man eh nie richtig Schlaf findet und dann dreht sich das Band zum achthundertfünfundzwanzigsten Mal und euer Koffer oder Rucksack kommt und kommt einfach nicht vorbei? Ich kenne das. Ist mir zweimal passiert. Da macht man dann emotional vier Phasen durch: 

  1. Freude. Man freut sich unbändig darauf, in Kürze mit dem Koffer durch den Ausgang laufen zu können ergo den Flughafen hinter sich zu lassen und irgendwo schlafen zu können. Schlafen, einfach nur schlafen.
  2. Ungeduld. Man will einfach nur sein Gepäckstück haben. Jetzt. Sofort. Und ein fremder Koffer nach dem anderen schiebt sich langsam an einem vorbei. Jetzt aber, jetzt kommt er sicher. Oh, doch nicht.
  3. Trauer. Man muss sich eingestehen, dass – nachdem das Gepäckband bis auf einen türkisblauen Kinderrucksack vollkommen leer ist, und zwar schon seit etwa einer halben Stunde – jedenfalls, man muss sich eingestehen, dass das eigene Gepäck dem unerbittlichen Schlund des kofferfressenden, im eine gelbe Warnweste gekleideten schwarzen Lochs zum Opfer gefallen ist. Das ist der Moment, indem man gerne die ein oder andere Träne vergießen würde, man will doch eigentlich nur SCHLAFEN und nicht den schmerzlichen Verlust der Kleider und Kosmetik ertragen müssen.
  4. Aggressivität. Man stellt sich also am Schalter an, um den Verlust zu melden, was ja auch wieder ewig dauert, weil da noch einhundertdreiundneunzig andere Trauernde vor einem stehen und die Müdigkeit sorgt dafür, dass man unterschwellig bis sehr deutlich aggressiv wird, von passiv aggressiv kann man an dieser Stelle schon kaum mehr reden. 

Zurückbekommen habe ich mein Gepäck bisher zwar immer, aber gerade dann, wenn sich im Gepäck wichtige Medikamente befinden, von denen man anderswo keine mehr gelagert hat (ja, dumm, I know), geht erst mal eine Odysee zu diversen Ärzten los, um Ersatz zu beschaffen. Habe ich schon mal gesagt, dass ich nur schlafen wollte? 
All das hat jedenfalls dazu geführt, dass ich dieses Mal nur mit Handgepäck-Rucksack unterwegs bin. Ich habe mir vor Jahren im Outlet von Vaude mal ein richtiges Schnäppchen geschossen, der Crystal Rock 30+6 Kletterrucksack. Und gepackt habe ich den dieses Mal mit ganzen sieben Kilogramm (so viel erlaubt Etihad im Handgepäck, manche Airlines haben bis zu zwölf Kilo). Darüber bin ich immer noch erstaunt; jetzt, wo ich schon seit einem Tag in Tansania bin.  

Als ich einer Kollegin von meinem Handgepäcks-Vorhaben erzählt habe, war ihre erste Reaktion: kann man sich bei dir gar nicht vorstellen, dass du mit so wenig Kleidung auskommst und vier Wochen das gleiche trägst. Da hat sie tatsächlich gar nicht mal so ganz Unrecht. Als ich drei Monate in Tansania war, hatte ich einen Koffer mit 16 Kilo plus den Vaude-Rucksack dabei, das finde ich eigentlich auch ziemlich wenig. Da hatte ich tatsächlich nach ein paar Wochen große Sehnsucht nach meinem Kleiderschrank. Ich habe mich dann mit maßgeschneiderten Stücken von einer diesen zahlreichen Straßenschneidereien über Wasser gehalten. Ich meine, immer eine leise Furcht in den Augen meiner Stammschneiderin wahrgenommen zu haben, wenn ich wieder mit Stoff ankam mit den augefallensten Kleiderwünschen. Dieses Mal geht das nicht. Wenn ich etwas neues haben möchte, müsste etwas altes weichen, schließlich habe ich keinen Platz mehr. Das gleiche gilt auch für Souvenirs, aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, gibt es da doch eh oft nur kitschigen Schrott zu kaufen. 

Da ich ja nicht der erste Mensch bin, der nur mit Handgepäck verreist, konnte ich mich an bereits bestehenden Listen zu diesem Thema orientieren. Der Unterschied meist: ich nehme keine Kamera mit. Ich fotografiere nicht so richtig gern und ich hasse kaum etwas mehr, als nach dem Urlaub dreitausendfünfhundertundeinundachtzig Bilder zu sortieren. Mir wird jetzt schon ganz schlecht, wenn ich drüber nachdenke, dass da noch drei Urlaube ausstehen, deren Bilder von mir sortiert werden wollen. Ich habe auch keinen Laptop oder ein Tablet dabei, ich tippe gerade ganz unkommod am Handy. Bevor ich also etwas auf den Stapel der mitzunehmenden Dinge gelegt habe, habe ich zehnmal überdacht und überlegt, ob das Teil wirklich notwendig ist oder ob’s nicht auch ohne geht. Bei 50 Prozent muss man halt ganz klar sagen: brauchste nicht. Echt nicht. Man kann auf Reisen waschen. Und ich gehe zwar abends weg, aber sicher nicht in irgendwelche Nobel-Clubs (die gibt’s doch da, wo ich hingehe, gar nicht). Außerdem bin ich ja wieder in warmen Ländern unterwegs, da hat man eh nur dünne und leichte Stoffe am Körper. 

Das Prozedere hat an den Flughäfen wunderbar funktioniert, mein Handgepäck wurde nicht ein einziges Mal gewogen oder gemessen. Ich konnte Zeit sparen, indem ich online eingecheckt habe und ganz elegant-charmant an der kilometerlangen Checkin-Schlange vorbeispazieren konnte. Und nach der Landung konnte ich einfach aus dem Flughafen rausgehen, vorbei am Gepäckband, vorbei an den vier Phasen der Gepäckverlusttrauer. Gott, was hab ich mich entspannt gefühlt! Das muss Freiheit sein, oder? Der einzige Wermutstropfen: nachdem ich meine Nagelschere problemlos durch die Kontrollen in München und Abu Dhabi bekommen hatte, musste sie in Daressalam dann doch noch der Ordnungswut eines Security-Mitarbeiters zum Opfer fallen. Lustig, die sind doch sonst nicht solche Korinthenkacker in Tansania. 
Wen’s also jetzt interessiert: ich kann gerne meine Liste veröffentlichen, im Großen und Ganzen richtet die sich an der von Conny von Planet Backpack, nur eben ein klitzekleines bisschen mehr fäschn und weniger Technik. Zum Beispiel trage ich eher selten Surfshorts (und damit meine ich nie, denn weder surfe ich, noch trage ich Shorts, außer sie sind aus abgeschnittenen Jeans), aber häufiger Kleider, ich liebe, liebe, liebe lange Kleider. Die sind auch super praktisch, weil es sich in vielen Ländern einfach nicht gehört, kurze Shorts oder Röcke zu tragen. Und auch wenn ich Touri bin, halte ich mich immer an solche kulturellen Maßgaben, einfach aus Respekt. Wer’s genauer wissen will (also das mit der Liste, nicht das mit den langen Kleidern), schreibt mir einfach, ich freue mich doch immer, mein äußerst umfangreiches Wissen teilen zu können!
Um das Thema abzuschließen: Gepäck ist Gepäck und das will geschleppt werden. Ich will aber nichts unnötiges mit mir herumschleppen, weder auf den Rücken noch sonst wo an und in Körper und Seele. Es ist ja nur ein Rucksack, von dem ich spreche, aber eigentlich ist es so viel mehr. Amen. 

Schreibe einen Kommentar