Dancing with myself

Vor ein paar Jahren saß ich mit drei Kolleginnen in der Kantine bei einem welken Kantinensalat und einem trockenen Brötchen (das war immer so, wenn es nicht gerade matschige Nudeln gab) als wir auf das Reisen zu sprechen kamen. Die eine erzählte von ihrem bevorstehenden Urlaub in Irland, wohin sie alleine fliegen würde und sie sagte, sie reise gerne alleine, sie wäre schon hier und dort alleine gewesen, wochenlang, und das sei wunderbar gewesen.

Ich – zu dieser Zeit die einzige unter den jungen Kolleginnen in einer langjährigen festen Beziehung – habe mich gewundert. Ich konnte das absolut nicht nachvollziehen. Niemals, sagte ich, niemals im Leben würde ich alleine in Urlaub fahren. Mit wem sollte ich denn meine Eindrücke teilen, mit wem über den gewaltigen Sonnenuntergang, über das scharfe Essen, die weißen Sandkörner vor dem türkisblauen Meer sprechen?

Wenige Jahre später haben sich unser aller Lebensumstände vollkommen geändert: zwei von den Kolleginnen sind mittlerweile verheiratet, eine davon ist Mutter, eine ist schwanger und die dritte in einer langjährigen Partnerschaft. Und ich: ungebunden, unabhängig, kinderlos. In ein paar Tagen fliege ich in Urlaub. Alleine. Von diesem Alleinreisen liest man ja gerade überall, in diesem Internet, das ist ja schon fast zum Trend geworden, als wäre es wahnsinnig cool, alleine zu verreisen und jeder, der in einer Beziehung ist und nicht alleine wegfährt, ist ja sozusagen überhaupt nicht auf dem aktuellen Stand jener Dinge, die man gerade unbedingt machen muss. Wer nicht alleine in Urlaub fährt, der kann ja schon von Haus aus sozusagen gar nicht zu sich selbst finden, der wird sich immer und jederzeit fragen, wer er eigentlich ist, weil er ja nie die Gelegenheit hatte, sich mit dem Schnorchel im Mund auf dem Grunde des Pazifiks selbst zu finden, im Antlitz eines lächelnden Clownsfisches (keine Ahnung, ob es im Pazifik Clownsfische gibt, das habe ich mir jetzt nur so ausgedacht). Ich finde gar nicht, dass man alleine in Urlaub fahren muss, wenn man nicht will – so wie man grundsätzlich gar nix muss außer sterben und manchmal aufs Klo, wie die liebe V immer zu sagen pflegt. Aber seit ich letztes Jahr alleine in Moshi war und in Tansania herumgefahren bin, habe ich einige Dinge über das Alleinreisen gelernt. Das hat schlussendlich dazu geführt, dass ich – ohne lange darüber nachzudenken – alleine ein Reiseziel für dieses Jahr ausgesucht habe und dann auch alleine den Flug gebucht habe. Das war gar keine Entscheidung, die von dem Gedanken ausging, ich will alleine verreisen, wegen Selbstfindung und so, sondern sich eher so ergeben hat, weil ich ein paar Ziele im Kopf hatte, die auf meiner Liste der Must-See-Destinationen standen und ich mich als Single naturgemäß nicht mit jemandem darüber absprechen muss. Ich habe schon ein paar Freunde, auch relativ flexible Singles unter ihnen, und ich glaube, nein, ich weiß, dass ich mit einigen von denen auch gut und gerne drei oder vier Wochen in Urlaub fahren kann. Aber da müssen schon einmal die Rahmenbedingungen passen, die Urlaubsplanung im Job, die haben ja schließlich alle Arbeit, und dann muss man sich über das Reiseziel einig werden und wie viel Budget man hat und ob man mit dem Rucksack auf dem Rücken oder mit dem Koffer in der Hand loszieht. Ich habe das auch in der Vergangenheit schon mal versucht, mit Kurztrips klappt das ja immer problemlos, aber wenn es um größere Reisen geht, wird das schon schwieriger. Um ganz ehrlich zu sein: ich hatte keine Lust darauf, wieder hin und her zu überlegen, Pläne zu machen, die wieder zu verwerfen, alle Wenns und Abers mit jemandem zu diskutieren, zu warten, bis jemand sich entschließt, die gleiche Tour zu machen und dann am Ende ohne Reiseziel und Flugbuchung da zu stehen, weil man sich nicht einig werden kann (nicht einmal, weil man nicht will, sondern weil es die Rahmenbedingungen einfach nicht zulassen) und dann doch am Bodensee zu landen, wo es auch schön ist, aber das nicht das war, was ich ursprünglich mit Fernreise gemeint hatte.

Und dann gibt es so Kommentare wie: “Da braucht man sich ja nicht wundern, wenn was passiert!” Diese Aussage passt in die Kategorie “Kein Wunder, dass die vergewaltigt wurde, die hatte ja auch einen kurzen Rock an!”. Unverschämt finde ich das, und dumm. Ich spiele ja nicht bei den Hunger Games mit, ich werde nicht in einem Regenwald im Nirgendwo in die Wildnis geschmissen, wo ich als Freiwild um mein Überleben kämpfen muss. Ich fahre doch nur in Urlaub!

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich habe alleine gebucht. Der erste Teil meines Urlaubs spielt sich ohnehin in bekannten Gefilden ab, bei meinen Freunden in Tansania nämlich, da bin ich sowieso nicht alleine, das wird vielleicht wie nach Hause kommen oder zumindest wie ein intensiver Flashback. Der zweite Teil der Reise wird neu und aufregend und spannend und es ist nicht Afrika. Wo es hingeht, erzähle ich an dieser Stelle bestimmt auch bald, ich kann ja nicht anders, ihr kennt mich doch.

Die Sache am alleine Reisen ist ja die: Man ist tatsächlich nie ganz alleine. Da gibt es Menschen auf dem Weg, die man trifft, mit denen man ziemlich schnell ziemlich tiefe Gespräche führt. Ganz wundervolle Menschen habe ich kennengelernt auf meinem Weg im letzten Jahr. Ein Weg, der am Anfang nur meiner war und dann war das plötzlich eine Kreuzung verschiedener Wege von unterschiedlichen Menschen und man lernt und geht vielleicht mal einen Schritt zur Seite auf einen anderen Weg und dann ergibt sich ein ganzes Straßennetz, das einem neue Weltsichten ermöglicht, den Horizont öffnet und lauter so spirituelle Dinge, die man nicht immer gut finden muss, aber immer bereichernd sind. In den drei Monaten in Tansania war ich kaum fünf Minuten alleine. Manchmal hätte ich mir sogar gewünscht, mal alleine zu sein, nur für mich, nicht zu reden, zu lächeln, nett zu sein.

Und dann sind da noch die Menschen zu Hause; die, die man vielleicht vermissen könnte. Aber es gibt Skype, WhatsApp, FaceTime, whatever – man hat Kontakt immer und überall. Man hat fast nicht die Möglichkeit, überhaupt Heimweh zu bekommen. Ich zumindest hatte keines, wollte fast nicht mehr nach Hause, aber wenn es hart auf hart gekommen wäre, oder ich doch länger geblieben wäre, wäre das bestimmt irgendwann so gekommen.

On the floors of Tokyo
Or down in London town to go-go
With the record selection
And the mirror’s reflection
I’m a-dancing with myself

Alleine ist ja nicht gleich einsam, das weiß jedes Kind, und alleine wegzufahren, heißt meist nicht, dass man einsam ist. Einsam kann man ja bekanntlich sowieso auch dann sein, wenn man unter Menschen ist, manchmal sogar noch einsamer als mit sich selbst. Man muss beim Alleinreisen immer den schmalen Grat gehen zwischen Skepsis und Vertrauen. Zu wenig Skepsis den Menschen gegenüber bedeutet, im harmlosesten Fall drei Armbänder für zwanzig Euro zu kaufen und im schlimmsten Fall, ausgeraubt zu werden. Wenn man aber nicht vertraut, kommt man kein Stück weiter. Man wird in seinem Zimmer sitzen und nichts erleben, wenn man jedem sofort Betrug unterstellt oder Abzocke.

Man muss alles mit sich selbst ausmachen, niemand nimmt einem Entscheidungen ab, gehen wir heute in diesen Tempel oder an jenen Strand, nehmen wir den Bus oder fahren wir mit dem Taxi, fahren wir zur nächsten Stadt oder bleiben wir noch eine Nacht hier. Entscheidungsfreiheit ist schön, aber manchmal will man nichts entscheiden, manchmal will man sich einfach irgendwo dranhängen, sich aufgehoben und geleitet fühlen. Ein bisschen geht das ja schon auch, wenn man alleine ist und andere Menschen trifft, mit denen man weiterzieht, aber auch dafür muss man sich entscheiden.

Damals hatte ich Angst, ich könnte nicht damit umgehen, meine Erlebnisse nicht mit jemandem zu teilen, den ich wirklich gut kenne. Ich habe in Tansania festgestellt, dass ich das nicht brauche. Ich kann mir den schönsten Sonnenuntergang aller Zeiten anschauen, ohne dass jemand meine Hand hält, ich kann einer Horde Elefanten beim Überqueren der Straße zusehen, ohne dass meine beste Freundin neben mir mitstaunt. Ich brauche meist nicht mehr als einen Stift und ein Papier und dann kann ich all das aufschreiben und manchmal teile ich es sogar hier.

If I had the chance
I’d ask the world to dance
And I’ll be dancing with myself

Alleinesein heißt, seine eigene Stimme nicht mit den Stimmen anderer zu übertönen, sondern sich selbst zu hören, ganz laut, so laut, dass es manchmal fast schon unangenehm wird. Aber das ist nun mal die Stimme, die man am allerlängsten und beständigsten hört – hören muss – weil sie ja in einem drin ist und man nicht entkommen kann. Und manchmal sagt einem diese Stimme auch Dinge, die man sonst gerne überhört oder auch niemals hören wollte. Sich selbst aushalten, das hat der Yogalehrer gesagt, als unsere Muskeln angefangen haben zu zittern und wir alle kurz davor waren, aufzugeben, weil alles weh tat. Und er hat recht. Man lernt im Alleinsein, sich selbst auszuhalten. Das ist eine gute Fähigkeit, schließlich sind wir der Mensch, mit dem wir am meisten Zeit verbringen. Bis zum Schluss.

Fotos: Philipp Feucht

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