Lesbaar im Mai – Max Frisch: Homo Faber – Ein Bericht

In der Schule war es Andorra. Ich lese nicht gerne Dramen, ich mag die Aneinanderreihung von Textblöcken nicht, die gelesen gestückelt wirkt und erst auf der Bühne ein harmonisches Ganzes ergibt. Theaterstücke sehe ich eben lieber im Theater. Trotzdem wird das hier vielleicht eine klitzekleine Liebeserklärung an Max Frisch – oder besser gesagt, seine Sprache. Ihn kenne ich zugegebenermaßen ja nicht so richtig gut.

Max Frisch: Andorra – Stück in zwölf Bildern.

Mich hat das Stück und die Geschichte von Andri in Andorra trotz der äußeren Form nachhaltig beeindruckt. Nicht so nachhaltig, dass ich mehr von Frisch hätte lesen wollen, aber irgendetwas blieb hängen. Ich meine, welcher Schüler will schon über die Schullektüre hinaus noch mehr Schullektüre lesen? Irgendwann, fast zehn Jahre später, entdecke ich Homo faber im Regal einer Freundin. Schullektüre. Da ich immer und überall auf der Suche nach Lesestoff bin, frage ich, ob ich es mir ausleihen kann. Grundsätzlich ist das bei mir so: Ich könnte wohl einen dreihundert Seiten langen Roman lesen, in dem überhaupt nichts passiert, wenn die Sprache gut ist. Wenn es einfach nur um kluge Gedanken in guten sprachlichen Bildern geht. In einem für mich richtig guten Buch ist die stilistische Ausarbeitung beinahe wichtiger als die Geschichte. Und was soll ich sagen, Frischs so genannter Bericht katapultiert mich in den Prosahimmel, da stimmt nicht nur die Sprache, da gibt es sogar noch eine Geschichte. Und die ist so gut erzählt, dass sie berührt, spannend ist,  mitleiden lässt und überhaupt und sowieso. Ich war ab dem ersten Moment begeistert, ich schwelgte in Frischs Formulierungen und Sprachbildern wie andere in ihrer pisswarmen Badewanne und wollte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Herrlich. Einfach nur herrlich. Er schreibt weder schwülstig noch technisch, für meinen Geschmack beherrscht er die Gratwanderung zwischen Einfühlsamkeit und Pragmatismus in Perfektion. Ich meine, ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin, bei Weitem nicht, aber für meinen ganz persönlichen Literaturgeschmack für den Hausgebrauch ist das schon allererste Pflanzensahne, wie der vegane Leser sagen würde.

Max Frisch: Homo Faber – Ein Bericht.

Worum es in dem Buch also geht? Hauptfigur des Romans ist Walter Faber, der Titel steht in Bezug zum anthropologischen Begriff des homo faber, des schaffenden Menschen – wie der kleine Philisoph in uns allen ja eh schon wusste, ganz klar. Das kommt auch gut hin, schließlich ist Faber ein Ingenieur mit einer höchst rationalen und technisch orientierten Weltanschauung.

Wir leben technisch, der Mensch als Beherrscher der Natur, der Mensch als Ingenieur, und wer dagegen redet, der soll auch keine Brücke benutzen, die nicht die Natur gebaut hat.
Max Frisch: Homo faber

Doch durch eine Verkettung von unwahrscheinlichen Ereignissen wird dieses Weltbild in dessen Grundfesten erschüttert: Bei einem Flugzeugabsturz lernt er den Bruder seines Jugendfreundes Joachim kennen, der vor Jahrzehnten Fabers Jugendliebe Hanna geheiratet hat. Er begleitet den Bruder nach Guatemala, um Joachim zu finden; der allerdings hat sich dort auf seiner Plantage erhängt. Auf seinem Weg zurück nach Europa lernt Faber eine junge Frau namens Elisabeth kennen. Er beschließt, sie auf ihrer Reise zu ihrer Mutter nach Griechenland zu begleiten und geht eine Liebesbeziehung mit ihr ein. Er weiß aber im Laufe der Reise, dass Sabeth Hannas Tochter ist, kommt aber nicht auf den Gedanken, dass er der Vater sein könnte. Nach einem tragischen, tödlich endenen Unfall Sabeths erfährt Faber, dass die junge Frau seine eigene Tochter ist. Das Buch hört zwar nicht so auf, aber was danach kommt, müsst ihr – erstens – selbst lesen oder – zweitens – euch an eure Schullektüre erinnern.

Ich sitze nochmal auf den Uferblöcken und rauche nochmals eine Zigarre – ich filme nichts mehr. Wozu! Hanna hat recht: nachher muss man es sich als Film ansehen, wenn es nicht mehr da ist, und es vergeht ja doch alles – Abschied.
Max Frisch: Homo Faber

Yo, harter Tobak. Habe auch erstmal durchschnaufen müssen, nachdem ich das Buch beendet hatte.

Max Frisch: Fragebogen.

Übrigens: Manchmal springen mich auch Bücher an der Kasse meines Lieblingsbuchladens (Anna Rahm, btw, ganz zauberhaft ist es da; tolle Auswahl, nette Chefin) an. Sie schreiben mich an Nimm mich mit und heulen und betteln und jammern, bis ich mir vor lauter peinlicher Berührtheit ob der lautstarken Szenerie nicht anders zu helfen weiß, als das Buch zu kaufen. Max Frischs Fragebogen hat mich genauso brutal und unangenehm angeschrien, also landete er in meiner Tasche. Und bald auf meinem Küchentisch, um mir hin und wieder eine der klugen und fordernden Fragen zu stellen. Es geht um Freundschaft, Ehe, Frauen, Hoffnung, Humor, Geld, Vatersein, Heimat, Eigentum, Tod, Erhaltung des Menschengeschlechts. Vor allem aber geht es darum, sich selbst Antworten zu geben auf Fragen, die möglicherweise ein wenig unangenehm sind. Antworten findet man hier allerdings keine – denn wer kann schon sagen, was auf dieser Welt richtig und falsch ist?

Einen guten Überblick über Frisch gibt es natürlich bei seinem Haus- und Hofverlag Suhrkamp.

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