Rumeiern

Ostern in Zahlen
5 kg verzehrte Schokolade
1,5 Stunden Fress-Koma
3 Std kirchlicher Aufenthalt
4 Std Frühstückszeit pro Tag
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Ich mag Ostern. Wenn ich so drüber nachdenke, ist es mir sogar lieber als Weihnachten. Das mag zum einen daran liegen, dass es einfach momentan näher ist und zum anderen, weil ich 46 Tage gefastet habe und mein ausgehungerter Körper nach Zucker und Schokolade lechzt.

Am Freitag stehe ich daher den ganzen Tag in der Küche und am Samstag vollende ich einen halben Tag lang mein kulinarisches Werk. Ich mache Brotaufstriche, diverse Experimente, die in dieser oder ähnlicher Art auch in einer Chemie-Küche stattfinden hätten können, und backe eine vegane Torte. Meine Mutter bereitet etwa die gleiche Menge an Frühstückszutaten zu. 

Die Speisung der 5.000 ist ein Witz dagegen, Jesus!

Als ich am Sonntagmorgen, kurz vor dem großen Showdown, den Ring von der Torte lösen will, halte ich sofort inne, denn mir schwant Böses: die Creme hat sich entgegen der Voraussage im Rezept nicht zu einer festen Masse geformt und ich befürchte, wenn ich den Tortenring löse, läuft mir die Creme munter entgegen und ergießt sich über die Arbeitsplatte. Da ich wenig Lust habe, diese abzuschlecken, um wenigstens ein bisschen Mousse probieren zu können, lasse ich das Metallding an Ort und Stelle und schneide innerhalb der Umrandung. Das liegt übrigens nicht daran, das der Kuchen vegan ist, sondern weil ich meine Kreativität beim Befolgen von Rezepten selten im Zaum halten kann. Nach kurzer Zeit sieht die Torte aus wie ein schokoladig-sahniges Schlachtfeld, aber geschmacklich ist das Teil hier brutal! Also – brutal gut.

Wir haben aufgetischt, als müssten wir um unser Leben essen und einer dreijährigen Hungersnot vorbeugen. Als mein Bruder absagt, weil er krank ist, müssen wir notgedrungen auch noch seine Portionen aufessen – die ja auch schon doppelt berechnet sind. Nach dem Frühstück überkommt mich schlagartig eine ganz schwere Müdigkeit, ich kann nicht anders, als ihr nachzugeben und lege mich aufs Sofa, nur kurz. Nach anderthalb Stunden weckt mich meine Mutter auf. Wir sind zu spät für den nächsten Besuch. Das Wetter ist gelinde gesagt ziemlich unangenehm und auch total unangemessen für einen Tag, der was mit Leben und Fruchtbarkeit und Freude zu tun haben soll. Da könnte die Sonne doch auch mal ein bisschen mitspielen und nicht faul hinter ein paar Wolken sitzen. Wir sollten den Regen feiern wie den Schnee zu Weihnachten, dann wird der ganz schnell nicht mehr kommen. Sagt mein Vater. Weiser Mann. Aber mir sind weiße Weihnachten auch ziemlich schnuppe, ehrlich gesagt. Insofern weiß ich nicht, ob ich großen Einfluss auf die klimatische Situation der christlichen Feiertage nehmen kann.

Am Ostermontag greifen wir wieder an, wir haben schließlich noch einiges zu tun. Als wir zu viert innerhalb von zwei Tagen endlich die ganze Torte geschafft haben, blicken wir nicht ohne Stolz auf die noch mit etwas krümeligem Matsch überzogene Tortenplatte. Ich bin kurz irritiert, als mein Vater das Stück vegane Torte auf seinem Teller mit einer dicken Schicht Sprühsahne dekoriert.

Und zu meiner selbstauferlegten Aufgabe: Ich hab’s auf 22 gute Taten geschafft. Mein Fazit: Gute Taten sind gar nicht so einfach. Was ist denn überhaupt eine gute Tat? Was für mich als gute Tat gilt, mag für jemand anderen völlig normal sein und vice versa. Und nur bei der guten Tat ist es ja nicht geblieben. Ich musste sie mit Worten aufbereiten und auf den Screen bringen. Ich habe aber bald gemerkt, dass es meinem Anspruch oft nicht genügt, was ich da fabriziert und fabuliert habe. Schließlich kommt es oft genug vor, dass ich abends um zehn nach Hause komme, müde und erledigt und gedanklich leer bin und alles, was dann literarisch aus meinem Kopf strömen würde, vielleicht einem Roman aus dem Dadaismus zuzusprechen wäre, aber nicht zu dem passt, was ich eigentlich sagen will. Ich habe also irgendwann beschlossen, dass es nichts bringt, gewaltvoll Worte aus mir herauszupressen, denen man ihren Schmerz ansieht und Gnade mit mir selbst walten lassen. Ich habe beschlossen, dass es okay ist, wenn ich nicht mit 40 guten Taten am Ostersonntag aufwarten kann.

Ich komme noch auf vierzig. Ich bleibe niemandem etwas schuldig. Aber vielleicht brauche ich dafür etwas länger.

Und jetzt muss ich mich erst mal hinlegen. Ich kann mich mit fünf Kilo Schokolade intus kaum auf den Beinen halten. 

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