#22 Freude schenken

Sie stellt ihre Sachen in meiner Wohnung ab, den kleinen Koffer, den großen Rucksack und die große Tasche. Dann hat sie plötzlich einen schwarzen Karton in der Hand, er ist mit einer breiten, roten Schleife umwickelt. Es ist ein Schuhkarton und der Name, der darauf steht, lässt Großes erwarten. Ich bin eben doch ein Marken-Opfer, was soll man machen. Manchmal stehe ich sogar dazu.

Ich miste aus, sagt sie, und diese Schuhe trage ich nicht mehr, während sie mir den Karton entgegenstreckt. Die schwarzen Sneakers sehen aus wie neu, völlig ungetragen. Und ich will nicht wissen, was die gekostet haben (später google ich das dann doch und sinke demütig auf meinem Stuhl zusammen). Sie gibt mir die Schuhe, einfach so. Statt sie zu verkaufen und ein klitzekleines Vermögen dafür zu bekommen, überlasst sie sie mir und sagt, es wäre ihr eine Ehre, wenn ich sie tragen würde.

Angesichts dieser Großzügigkeit weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen soll. Ich streiche liebevoll über den rechten Schuh und nehme sie noch liebevoller in den Arm. Natürlich, das ist was materielles; aber wenn man ganz genau hinschaut, dann geht es um was ganz anderes: nämlich darum, jemandem etwas zu gönnen, etwas herzugeben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, um eine Geste. Das waren jetzt halt zufällig Schuhe, das könnte aber auch etwas ganz anderes sein.

Das hat mich dazu animiert, meinen Kleiderschrank genauer zu inspizieren. Ein Teil hat sie gleich mitbekommen, ein anderes habe ich einer anderen Freundin mitgebracht und ich werde noch weiter prüfen und weggeben. Ich habe – als das Thema gerade so akut war – auch für Flüchtlinge was gegeben. Die Hälfte meines Kleiderschrankes trage ich schließlich nicht und dieses ständige Irgendwann werde ich bereuen, das weggegeben zu haben bringt einen nicht weiter. Selbst wenn ich die Hälfte meiner Kleidung weggeben würde, wäre ich noch immer nicht halb nackt. Und vielleicht gibt es noch mehr in meiner Wohnung, was ich nicht dringend brauche, jemand anderes aber eine Freude macht. Ich werde das mal genauer unter die Lupe nehmen.

Gute Tat also: Etwas verschenken, was man selbst nicht mehr unbedingt braucht, aber jemand anderen glücklich macht. Los, los, los!

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