Gestundete Entfremdung

Der Tag kommt heute ohne Wetter aus. Es ist weder Wärme noch Kälte zu spüren, die Sonne ist kaum zu sehen und die schmutzigen Wolken haben sich mit dem Grau des Himmels vereint. Ich sitze auf einem mittelmäßig bequemen Sitz in einem Bus, neben mir meine fast neunzigjährige Oma. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich ihr Kopf von Zeit zu Zeit in Richtung der Illustrierten neigt, aus der sie, wie sie immer sagt, “so viele Gesundheitsratschläge” bekommt. Wir sind schon seit Stunden unterwegs, ich habe das Zeitgefühl vollständig verloren und ich kann nicht begreifen, wie sie es schafft, mit ihrem von Osteoporose geplagten Rücken so lange zu sitzen. Fliegen wollte sie nicht, obwohl es so viel schneller gegangen wäre, Flugzeuge sind für sie nicht viel mehr als Bombenwerfer. “Ich habe Heimweh” hat sie gesagt, immer wieder, jahrelang, seit ich denken kann. Ich habe das nie verstanden. Wie kann man Heimweh nach einem Ort haben, den man nach Anbruch der Pubertät verlassen hat; wenn man seit weit über einem halben Jahrhundert wo ganz anders wohnt. Dennoch habe ich mich neben sie in diesen Bus gesetzt. Ich kann meine Neugier nicht verhehlen, ich will sehen, nach welcher Stadt sie eine solche Sehnsucht hat.

Ich beobachte, wie der Rauch aus meiner Lunge in hauchzarten Fäden leise nach oben steigt und sich im schmutzig-grauen Himmel verliert.

In einer kurzen Pause an einer Raststätte irgendwo im Nirgendwo werfe ich ein paar Münzen ein, damit sie durch die Drehtür zur Toilette gelangt, und zünde mir eine Zigarette an. Während ich beobachte, wie der Rauch aus meiner Lunge in hauchzarten Fäden leise nach oben steigt und sich im schmutzig-grauen Himmel verliert, denke ich daran, wie sie mir Geschichten erzählt hat. Sie hat immer gleiche Sachverhalte stundenlang wie einen Rosenkranz heruntergebetet; lediglich mit mehr emotionaler Beteiligung und sprachlichem Variantenreichtum. Seit wir in den Bus gestiegen sind, scheinen die Worte sie jedoch verlassen zu haben. Vielleicht hat sie aber auch einfach nur alle aufgebraucht.

Als wir nach einigen weiteren Stunden endlich am Busbahnhof ankommen, fühlen wir uns nahezu glückselig – also ich zumindest, sie muss ich erst einmal aufwecken. Ihr Serbisch ist ein wenig eingerostet, aber es reicht gerade noch so, um dem Taxifahrer holprig begreifbar zu machen, wohin wir wollen. Zumindest schließe ich darauf; denn wir sind bald dort, wo wir ein paar Tage bleiben werden. Das Apartment liegt in einem schäbigen Hinterhof, alles darin sieht abgegriffen und antik aus – jedoch nur wegen des Alters, nicht der Wertigkeit wegen. “Hotel Moskva wäre auch schön gewesen,” sagt sie. “Mit ihrer Rente und meinem Studentenlohn hätten wir da genau eine Nacht bleiben können,” denke ich. Der Hunger übermannt uns beinahe zeitgleich. Nebenan gibt es ein Restaurant mit Ćevapčići, die fast so gut sind wie die, die sie immer sehr geübt und in Unmengen in ihrer Küche rollt. Die Anspannung, die ich flirrend vernehme, ist momentan noch zwischen ihrem halb leeren Magen und dem halb vollen Pils, das sie gegen ihren übersäuerten Magen trinkt (Illustrierten-Ratschlag!), angesiedelt. Aber jetzt scheint sie zu müde für Nostalgie zu sein und ihr Rücken verlangt zu sehr nach der wärmenden Salbe, als dass sie selbst die Anspannung wahrnehmen würde.

Ich kann von Glück reden, dass sie die fast unerträgliche Herrlichkeit dieser Darbietung der Natur mit Wort gewordenen Fermaten versieht.

Bevor sich der Tag dem Ende neigt, lassen wir uns von müden Beinen durch die Stadt zum Fuße ihres höchsten Punktes tragen. Ab hier nehmen wir diese Beine in die Hand und tragen sie mitsamt unseren letzten Kräften nach oben. Vom Kalemegdan hat sie mir hundertunddrei- oder viermal erzählt, ich habe in meinem Kopf ein Bild davon konstruiert – jetzt sehe ich allerdings, dass das nicht annähernd herankommt. Wir betrachten die weißen Steine der Festung: Sie sind zwar von den Jahrhunderten beschmutzt, scheinen jedoch der Ewigkeit die Stirn zu bieten. Oma hat ihre Sprache wiedergefunden und lässt es mich während des Sonnenuntergangs wissen. Ich kann von Glück reden, dass sie die fast unerträgliche Herrlichkeit dieser Darbietung der Natur mit Wort gewordenen Fermaten versieht; es ist ein Farbenspiel in orange-rot-lila-gelb, ein hemmungsloses Aufeinandertreffen zweier Flüsse, Salutieren der umstehenden Bäume. Es sieht aus, als wäre diese Inszenierung ein Geschenk an sie und als hätte der Himmel all seine Farben und Reflexionen jahrelang eigens für sie gesammelt und in genau diesem Augenblick in die Freiheit entlassen. Vielleicht hat sie mich angesteckt mit ihrer Nostalgie oder ich habe vorhin ein Glas Wein zu viel getrunken, aber ich meine, die Steine zu ihr sprechen zu hören, denn: einige haben irgendwann einmal ihre kindlichen Füße getragen (nur nicht barfuß, das mochte ihre Mutter nicht). Kurz bevor die Dunkelheit die Anhöhe vollständig umfängt, geleite ich sie am angewinkelten Arm wieder hinunter und lausche ihren sprachlichen Skizzen. Und plötzlich ist es nicht schlimm, dass ich sie alle schon einmal gehört habe. In meinem Kopf male ich die Skizzen großzügig aus und bin ganz bei ihr. Beinahe kann ich das Heimweh spüren, von dem sie immer erzählt.

Wir teilen uns das Doppelbett im Apartment. Entgegen meiner Befürchtungen schnarcht sie eigentlich kaum; gerade so leise, dass ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf sinken kann. Nach einem kleinen Frühstück – wieder im Restaurant nebenan – wandeln wir durch die Gassen der Stadt (ich zumindest wandle und sie bemüht sich redlich, Schritt zu halten), bis wir fast an unserem Ziel ankommen: Strahinjica Bana. So steht es in weißen Lettern auf blauem Grund. Das sieht kunstvoll aus, wenn man kyrillisch nicht lesen kann, und sehr konkret, wenn man es kann. Sie kann. Silicon Valley nennen sie diese Straße, so steht es im Reiseführer, weil da die aufgemotzten Damen von schnieken Herren in sportlichen Autos angesprochen werden. Das behalte ich jedoch für mich. Ihr Kopf bewegt sich suchend von links nach rechts, von oben nach unten. Von Zeit zu Zeit meine ich, in ihren Augen irgendein Anzeichen von Wiedererkennen aufblitzen zu sehen, aber an was sie sich an dieser Stelle erinnert, scheint keine große Bedeutung zu haben. Weil wir aber beide erwarten, dass sie hier gleich etwas Bedeutendes wiedererkennen wird, stehen wir alsbald vor Nummer drei. Ich blicke sie an, bemüht hoffnungsvoll, hebe die Augenbrauen in Richtung meines Haaransatzes und warte auf ein Zeichen des Glücks. Sie aber blickt nach unten, schüttelt langsam den Kopf. Nein. Nein. Nein. Sie findet das Haus nicht wieder, es ist nicht das, was vor über siebzig Jahren hier stand. Sie haben es ersetzt durch eine triste, unbedeutende Fassade und wahrscheinlich haben sie sogar den Keller zugeschüttet, in dem so viele Tränen versickert sind, während die Sirenen schrillten und die Flugzeuge Bomben warfen. Der Angstschweiß auf dem Boden des Kellers wurde womöglich mit Estrich übergossen und mit Wohnlichkeit gefügig gemacht.

Ich sehe, wie diese Fremdheit, die in den letzten Jahren stets höflich hinter ihr her schlich, sie plötzlich unsittlich umfängt.

Von ihrer Heimat hier hat sie erzählt, aber ich spüre, dass sie sich jetzt gerade nicht fremder fühlen könnte. Ich sehe, wie diese Fremdheit, die in den letzten Jahren stets höflich hinter ihr her schlich, sie plötzlich unsittlich umfängt, durch jede Pore in ihr Inneres dringt und sich in ihrem Körper festsetzt. Und dann ist da ein Tropfen, der vor lauter Fremdheit keinen Platz mehr in ihr findet. Er bahnt sich den Weg nach draußen, vom Auge über die Wange zum Kinn, um sich dann gen Boden zu neigen. Ich fange ihn auf; in letzter Sekunde. Mit der anderen Hand nehme ich ihre Hand und lege in diese Berührung sämtlichen Trost, den ich zu geben vermag. Ich behalte die Träne in meiner Faust und beobachte, wie ein Windstoß ihr weißes Haar streift und die Vergänglichkeit leise durch die Stadt treibt, bis sie in den Gassen verblasst.

“Heimweh”, denke ich, “was ist schon Heimweh”; und ich sehe unsere verschränkten Finger an und ein Gefühl von Heimat überkommt mich.

 

Diese Kurzgeschichte hat den ersten Preis des Schreibwettbewerbs des Isnyer Kulturforums erhalten. Unter dem Thema Das Unsägliche geht, leise gesagt, übers Land, einem Zitat aus Ingeborg Bachmanns Gedicht Früher Mittag, wurde der Schreibwettbwewerb Isny im Rahmen der Literaturtage Isny 2017 ausgeschrieben.

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