#16 Egozentrum verschieben

Ich kenne niemanden, der so selbstlos ist wie meine Mutter. Natürlich, Mütter sind immer irgendwie selbstlos und stellen das Wohl ihrer Kind über das eigene. Aber auch objektiv und aus der Perspektive eines Außenstehenden betrachtet, ist meine Mutter ein sehr selbstloser Mensch. Warum? Lies!

Ich kann so etwas über meine Mutter sagen, ich habe nämlich ein aus meiner Sicht äußerst gesundes Verhältnis zu ihr (das würde an dieser Stelle wohl auch jeder andere behaupten) und kann das durchaus auch aus einer gewissen Distanz betrachten. Meine Mutter ist nicht meine beste Freundin, das war sie nie. Meine Mutter ist meine Mutter. Punkt. Beste Freundinnen habe ich auch, aber die haben mir früher weder gesagt, wann ich zu Hause zu sein habe, noch haben sie mir den Brei aus dem Gesicht gewischt. Wir telefonieren auch nicht täglich oder alle zwei Tage; wir telefonieren, wenn wir uns etwas zu sagen haben. Und zwischendrin schreiben wir uns manchmal. Ich finde unser Verhältnis also optimal. Ich habe ja auch in meinem KomplimentsKalender schon mal über sie geschrieben, aber aus aktuellem Anlass möchte ich sie nochmal in meine #40gutetaten aufnehmen.

Gestern haben wir nämlich mal wieder telefoniert und sie hat mir erzählt, dass sie am Kistenschleppen und Herumräumen ist. In der Kirchengemeinde ist Flohmarkt und sie ist den ganzen Nachmittag beim Aufbau dabei gewesen, hat alten Kram aus dem Keller des Gemeindehauses in den Saal getragen, ausgepackt und farblich sortiert platziert. Das ist keine Tätigkeit, die sie unbändig liebt – das Zeug müffelt und die Kisten sind manchmal ein bisschen schwer – auch wenn sie natürlich die erste ist, die eine der wenigen wertvollen Antiquitäten unter all dem Plunder erstehen kann. Sie macht es, weil es einem guten Zweck dient, letztendlich wird vom Erlös des Verkaufs die Gemeinde unterstützt und damit die Gemeindemitglieder. Sie kriegt also nix dafür. Vielleicht ein kleines Danke, mehr aber nicht. Und heute Abend und morgen steht sie wieder im Saal, diesmal zum Verkaufen. Sie verhandelt Preise, packt Eingekauftes in Tüten und verrechnet Minimalbeträge mit maximaler Gewissenhaftigkeit. Natürlich ist sie ein sehr selbstloser Mensch, nicht nur ihren Kindern gegenüber.

q.e.d.

Gute Tat also: Mal was machen, was selbstlos ist. Irgendwas ehrenamtliches, freiwilliges, unbezahltes. Einfach mal das Egozentrum auslagern und auf jemand anderen projizieren. Altruismus nennt man das.

P.S. Mich hat mal einer gefragt, warum ich mich ehrenamtlich engagiere (weil ich das mal mehr, mal weniger intensiv eben auch mache), statt einen Nebenjob zu machen, mit dem ich Geld verdienen könnte. Zuerst habe ich mich gerechtfertigt; heute ärgere ich mich schon allein über diese Frage, und zwar maßlos. Wenn wir alle nur Dinge tun, weil wir Geld damit verdienen, wo kommen wir denn dann hin? Genau, nirgendwo. Außer vielleicht auf die Malediven. Und lebenslänglich Malediven – nur weil man sich’s leisten kann – klingt ziemlich langweilig, ehrlich gesagt.

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