#12 Handy weg

Handy weg. Ja, ich weiß, es heißt Smartphone. Smartphone am Arsch. Das war schon vor zwanzig Jahren ein Handy für mich, das ist es auch jetzt noch. Aus. Ende. Fertig.

Um zu erklären, wie ich jetzt auf Handys komme, muss ich ein wenig ausholen. Gestern war ich auf einem Konzert. Annenmaykantereit haben in der Oberschwabenhalle gespielt und das hätte mich vermutlich nicht weiter berührt, hätte mich mein Bruder nicht vor zwei oder drei Jahren auf die Jungs aufmerksam gemacht. Das war damals, als sie noch auf der Straße auftraten und nicht auf Spotify, sondern nur in verwackelten YouTube -Videos zu finden waren. Ich habe mich in Henning Mays Stimme schockverliebt und als ich dann gesehen habe, aus wem die Stimme rauskommt, habe ich es erst nicht geglaubt und dann war ich einfach nur erstaunt.

Als ich gelesen habe, dass AMK in meine Stadt kommen, wurden der Bruder alarmiert und Karten gekauft. Und dann stehen sie auf und wir vor der Bühne, gerade so weit weg, dass ich noch die Gesichter erkennen kann, und singen viele der Lieder, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Als der Trompeter auf die Bühne kommt, Ferdinand Schwarz, denkt man rein optisch fast Jetzt ist die Schüler-Bigband aus der zehnten Klasse komplett, aber klangmäßig hat’s dann doch nicht so viel mit Schule zu tun. Wobei – der Song Mein neues Zimmer hat schon irgendwie was infantiles. Mays Live-Stimme ist noch viel krasser als die Konserven-Stimme.  Krass im  Sinne von: wie tief kann ein Mensch mit dem Körper eines jungen, drahtigen Mannes eigentlich klingen und darf ich dazu überhaupt sexy sagen? Aber doch, ja, das ist sie, Hennings Stimme: Heiß. Würde mir einer so ins Ohr singen, würde ich mit Sicherheit mal hinschauen. Und er hat eine extrem coole Art zu tanzen, fast sieht er aus, als würde er shufflen, aber ich kann vor lauter schwarz auf der Bühne nicht erkennen, was er da genau mit seinen Beinen macht. Klingt jetzt, als wäre er der einzige Mensch auf der Bühne gewesen, aber tatsächlich fallen die anderen weit weniger auf. Sie machen einen verdammt guten Job, keine Frage, aber May ist für mich der Hauptakteur der ganzen Show – wenn man den Abend überhaupt als Show bezeichnen mag.

So unaufgeregt und unglamourös wie die Jungs sich geben, in ihren lässigen Klamotten, ohne jeglichen Schnickschnack auf der Bühne, als wären sie direkt aus ihrem Probenraum gekommen, sehe ich sie vor meinem inneren Auge in einer kleinen, abgeranzten Keller-Bar mit 50 Zuhörern. Irgendwie wirkt der tosende Applaus vor der Bühne nicht harmonisch mit der unauffälligen Show; das begeisterte Lachen bei Mays gar nicht so übermäßig witzigen Sprüchen übertrieben. Sympathisch ist er, keine Frage, aber für solche Lacher müssen andere härter arbeiten.

Ich glaube, es ist eine schwierige Position,  wenn man als Straßenband angefangen hat und gerade auf dem aufsteigenden Ast ist, wenn man aus dem Probenraum herausgeschleift und reingeworfen wird in eine Halle mit tausenden Zuschauern. So kommt mir das ganze vor. Vielleicht ist es auch ganz anders, aber ist ja eigentlich auch wurscht,  weil trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – finde ich die Jungs geil. Das Konzert macht Spaß. Punkt. Denn wenn das bei Musik nicht das wichtigste ist,  dann weiß ich auch nicht.

Um wieder aufs Thema zu kommen: In einem kompletten Lied widmet May sich dem Handy, und zwar dem Handy beim Konzert.  Er findet’s kacke,  dass Menschen filmend und fotografierend mit dem Handy in der Hand auf einem Konzert stehen. Ich bin peinlich berührt, weil ich gerade für C, die nicht dabei sein kann, Sprachnachrichten aufnehme, um sie direkt zu ihr zu schicken. Und dann denke ich mir: der Typ hat total recht. Mir geht’s auf die Eier, dass der Langhaarige vor mir die ganze Zeit filmt und mich dabei mit dem Handy blendet. Und dass ununterbrochen irgendjemand auf einen Screen glotzt, inklusive mir selbst. Ich nerve mich selbst an mit der Starrerei und der Tipperei. Wenn man sich dann mal auf der Straße umschaut, dann laufen etwa acht von zehn Menschen auf ihr Handy starrend durch die Gegend. Zum einen sieht das aus wie ferngesteuert und zum anderen ist das lebensgefährlich, letztens hat mir eine fast die Schulter ausgekugelt, weil sie, während sie auf ihr Phone glotzte, einfach in mich reingerannt ist. Ich habe das schon kommen sehen und hätte ausweichen können, aber ich wollte einfach mal wissen, ob sie’s wirklich nicht checkt. Hat sie nicht. Ich will jetzt nicht klingen wie meine eigene Großmutter,  aber hey: Das ist doch echt asozial; wenn man sich nicht mehr in die Augen schaut und ständig von den Dingern ablenken lässt. Deswegen ist die nächste gute Tat: einfach mal das Handy weglegen. Und das sage gerade ich – alle, die mich kennen, werden lachen – aber ja, das ist mein Plan.

Du bist überall

Das hört sich jetzt erst mal komisch an,
Aber ich geh’ so verdammt gern alleine auf Konzerte
Das hört sich jetzt erst mal komisch an,
Aber mir ist scheiß egal, ob ich hier Empfang hab oder nicht
Das hört sich jetzt erst mal komisch an,
Aber es ist kein schönes Gefühl, bei ‘nem Liebeslied die ganze Zeit mit einem Handy gefilmt zu werden
Den Scheiß guckst du dir eh nie wieder an
Und jetzt mal ganz im Ernst,
Wenn du die ganze Zeit so dastehst,
Der Typ hinter dir sieht überhaupt nichts und fuckt sich heimlich ab

[…]

Und jetzt mal ganz im Ernst, wenn du dir das Konzert unbedingt nochmal anschauen willst,
Wir nehmen das hier in hervorragender Bildqualität auf und du kannst dir das nachher ganz in Ruhe angucken

Schreibe einen Kommentar