#6 Horizont erweitern

Ally ist ein 16jähriger Junge, dessen Traum es ist, Profi-Fußballer zu werden. Am liebsten in Deutschland. Ally wohnt in Moshi, Tansania, in einem Zimmer ohne Strom, sein Bett steht neben dem seiner Mutter.

Das ist die Geschichte von Ally. Und noch ist das hier keine gute Tat, sondern lediglich die Vorarbeit dazu. Allys Geschichte geht mir seit einigen Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe ihn kennengelernt, als ich von Juni bis September in Tansania war. Er war einer der Jungs in der Fußball-Gruppe Kitayosce und da alle Teammitglieder am liebsten Profis in Deutschland werden wollen, wollen sie von mir Deutsch lernen, damit sie Interviews geben können. Das ist ein hehres Ziel, aber ich nutze die Unterrichtsstunden für die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Zwischen drei und zehn Jungs sind meistens da, wir üben ein bisschen Deutsch und ich stelle Fragen wie Wie beschreibst du dich in drei Wörtern? Welche drei Dinge würdest du dir wünschen, wenn eine Fee käme und dich danach fragen würde? 

Ally fällt mir auf. Er weiß jedes Mal noch genau, welche deutschen Begriffe und Wörter wir beim letzten Mal geübt haben und er gibt die kreativsten Antworten. Ich finde ihn clever und frage den Trainer der Jungs, Elisafi, auf welche Schule Ally geht. Eine öffentliche Schule, sagt er. Nach ein paar Wochen in Tansania weiß ich: Öffentliche Schulen sind kostenlos. Öffentliche Schulen sind nicht gut. An öffentlichen Schulen macht man Computer-Unterricht ohne Computer. Viele Schüler an öffentlichen Schulen schaffen ihren Abschluss nicht. Ich frage Eli weiter nach Ally; wie er wohnt, wer seine Familie ist.

Eli ergreift die Chance beim Schopf und wittert Hilfe für Ally. Also informiert er kurzerhand Allys Mutter und sie erscheint bei der nächsten Deutsch-Stunde. Ich bin etwas vor den Kopf gestoßen, ich weiß doch noch gar nicht genau, was ich tun möchte und wie wir weiter vorgehen können. Aber da sie schon mal da ist, unterhalten wir uns, sie spricht kein Englisch, Eli übersetzt. Um meine Stellung in diesem Gespräch von der großen weißen Retterin in eine sympathischere Position zu bringen, frage ich sie, ob sie mir mal bei Gelegenheit zeigen will, wie man Pilau kocht, Gewürzreis, den liebe ich nämlich. Und schon bin ich für die darauffolgende Woche eingeladen bei Ally und seiner Mutter.

Um zu übersetzen, begleitet Eli mich. Wir kommen in einem Haus an, in dessen deckenlosen Gang die Frauen kochen. Von diesem Flur zweigen Zimmer ab, ich kann aber nicht viel erkennen, es gibt hier kein Licht, weil es keinen Strom gibt. Im Halbdunkel ziehe ich meine Schuhe vor einer der Türen aus und wir werden von Ally und seiner Mutter in Empfang genommen. Allys Mutter hat bereits gekocht, sodass wir uns in dem kleinen Zimmer um einen Couchtisch verteilen; Eli und ich nehmen auf der einen Seite auf einem mickrigen Sofa Platz, Ally und seine Mutter sitzen auf der anderen Seite. Das Zimmer wird lediglich erleuchtet durch eine kleine Solarlampe, die es gerade so erlaubt zu sehen, wem man gegenüber sitzt, mehr ist nicht zu erkennen. Eli erklärt mir, dass Ally aus genau diesem Grund nur tagsüber lernen kann, bei Anbruch der Dunkelheit kann er schlicht und ergreifend nicht mehr lesen. Übertrieben hat er es damit wohl auch schon, denn er klagt über Augenschmerzen. Ich liebe die afrikanische Gastfreundschaft, Allys Mutter tischt ein Festmahl auf, es gibt Pilau und Kartoffeleintopf und sie hat darauf geachtet, dass kein Fleisch irgendwo drin ist. Sie erzählt mir, dass ihr Mann abgehauen ist und sie Ally seitdem alleine versorgt. Einmal in der Woche verkauft sie Essen auf dem Memorial Market, wo Second-Hand-Kleidung angeboten wird. Wir sitzen in einem Raum, der komplett ausgefüllt ist mit den zwei Mini-Sofas und dem Couchtisch. Links von mir hängt ein Vorhang. Eli übersetzt, dass hinter diesem Vorhang ein Bett steht. Dort schläft Allys Mutter und er selbst auch – ein pubertierender Junge übernachtet im selben Raum mit seiner Mutter. Zurzeit schlafe er aber in einer anderen Wohnung, da ein Bekannter der Familie gerade nicht dort lebe. Ich glaube, dieses Zimmer hat nicht mehr als neun Quadratmeter; wenn überhaupt. Ich betone immer wieder, dass ich Ally nicht unter Druck setzen will, dass ich nicht will, dass er etwas tut, was er nicht möchte. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn ich ihn dazu dränge, auf eine andere Schule zu gehen, er es aber nicht möchte. Mein Ziel ist es, ihn zu ermutigen, ihm zu sagen, dass ich glaube, dass er mehr kann und dass ich ihn, wenn möglich, dabei unterstützen möchte. Nach dem Essen und ein bisschen Plauderei fahren wir auf dem Boda Boda (Motorrad) wieder zurück. Das Bild von Ally und seiner Mutter in diesem kleinen Zimmer hängt mir noch lange im Kopf. Bis heute.

Ally schreibt mir einen langen Brief, in dem er darlegt, wie er mit einer guten Ausbildung seine Mutter unterstützen will (den tippe ich noch ab, wenn ich die Zeit finde). Er ist natürlich so vernünftig zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, Profi-Fußballer zu werden, sehr gering ist, dass er etwas mit Recht studieren möchte. Bei unserem letzten Treffen, bei dem er mir den Brief gibt, sagt Eli, dass er sich darum kümmern wird, Schulen für Ally herauszusuchen und nachzufragen, ob ein Wechsel möglich ist und wie hoch die Schulgebühren sind. Wir verbleiben mit der Übereinkunft, dass Eli sich meldet, wenn er mehr weiß. Das ist kurz vor meiner Abreise.

Als ich wieder zurück in Deutschland bin, höre ich ein paar Wochen nichts und ich will keinen Druck aufbauen, frage also nicht nach. Dann meldet Eli sich doch noch. Ally sei krank gewesen, deshalb konnten sie nicht die Schulen besuchen und Informationen sammeln. Dann höre ich wieder ein paar Wochen nichts. Schließlich eine Nachricht von Eli:

Finally I can report back to you after going to a number of schools we failed to get admission as they have already registered their exams students (last year) students and said will take a while and cost to revert the process and resend a new list to the ministry of education hence we got refused because Ally is in his last year.

I talked with Ally about it and advise him to finish his last year in his current school amd then next yeqe when he joins form 5 and 6 which known as Advanced Level we will find a better school for him, so we both and his mom agree on that context before writing to you so we may have your view on the matter and what would you advise.

I think its important to mention that on our agreement with Ally since his current school doesnt teach well we both agreed that Ally should stop playing football for this year so he will go for extra classes or well known here as tuition.  He has to attend 5 subjects tuition of which one cost 20,000 per month. As an advisor to you and him I think he should attend the tuition for 5 months to sharpen his mind and to have excellent preparation. The numbers would be 5 subects @ 20,000 for 5 months = 500,000 equivalent to USD $.250.

May I kindly request to help Ally in this context of tuition so he may pass his exams…am afraid our schools witjout extra classes hard for students to pass. Last year results just came out this week and all of my players have failed with division 4 and division 0 which are considered FAIL where they wont be able to go to advanced level. […]

Er erklärt mir in dieser langen Nachricht auch, dass er sich mit den den Eltern Abschlussschüler getroffen hat und mit ihnen Strategien besprochen hat, wie sie die Schule schaffen können, außerdem habe er die Trainingstage reduziert, damit sich mehr auf die Schule konzentrieren können. Ally geht gar nicht mehr ins Training. Da ich weiß, wie gern er Fußball spielt, tut mir das sehr leid.

Ich plane, im Mai wieder nach Moshi zu fliegen und bis dahin möchte ich geklärt haben, wie ich helfen kann. Und ich möchte auch euch fragen: Was würdet ihr tun? Möchtet ihr auch einen Beitrag zu Allys Schulbildung leisten? Wenn ja, freue ich mich über eine Nachricht. Ich würde mich im Mai direkt vor Ort um alles weitere kümmern, wäre live dabei und könnte ebenso live berichten. Nach bestem Wissen und Gewissen möchte ich mich darum kümmern, dass ein Junge eine Chance bekommt, von dem ich glaube, dass er sie verdient hat. Ob er das erfüllen kann, weiß ich nicht, aber wenn man es nicht versucht, kann man es auch nicht rausfinden, oder?

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