#3 Einen Besuch abstatten

Für das Wochenende hatte ich verschiedene Pläne für gute Taten. Ich wollte jemandes Socken stopfen, ich wollte mal schauen, ob ich jemandem im Zug mit irgendwas helfen kann und ich hatte den festen Plan, den ganzen Samstag über alle Menschen, die mir begegnen, anzulächeln.

Ich habe all das nicht gemacht. Die Wahrheit ist: Ich war zu faul. Ich hab’ lieber meine Fingernägel lackiert als einen Socken genäht und ich hatte keine Lust zu lächeln, ich konnte meine Mundwinkel am Samstag nicht künstlich nach oben ziehen, ich wollte einfach mit meinen Freundinnen einen schönen Tag haben und mich auf sie konzentrieren. Da hab’ ich natürlich auch gelächelt, aber das kann man nicht als gute Tat bezeichnen. Das hat sich halt so ergeben. Am Sonntag habe ich dann auf dem Rückweg einen Abstecher zu meiner Großmutter gemacht. Es sollte völlig normal sein, seine Großeltern zu besuchen. Da brauchen wir nicht von einer guten Tat zu sprechen. In Tansania zum Beispiel, da ist das normal. Da wohnt die Familie zusammen, da gibt es niemanden, der den Opa oder die Oma pflegt, das macht man selbst; und wenn irgendjemand in der Familie gerade keinen Job hat, wird er finanziell von den anderen mitgetragen. Familie ist dort ein festes soziales Netz, das aus Geben und Nehmen besteht und bedürftige Mitglieder auffängt. Hierzulande funktioniert das nicht, nicht selten wohnen Familien weit auseinander, die Pflege wird outgesourced – dahinter steckt kein abfälliger Ton, ich habe selbst ein Jahr in der Altenpflege gearbeitet, das ist eine logische Konsequenz aus dem Individualitätstrend unserer Gesellschaft.

Seine Großeltern zu besuchen sollte also eigentlich völlig normal sein. Ist es aber leider oft nicht. Meine beiden Omas können nicht zu mir kommen, sie sind darauf angewiesen, dass Menschen den Weg zu ihnen suchen. Die eine konnte mich leider noch nie in meiner Wohnung besuchen. Auch wenn ich ihr so gerne mal mein Zuhause zeigen würde; ich würde gerne wissen, wie sie meine Wohnung findet, sie hat einen so guten Geschmack, was Einrichtung angeht; ich würde sie gerne durch die Stadt führen, in der ich lebe, aber das geht nicht. Wenn ich sie sehen will, muss ich zu ihr fahren und wenn sie mich sehen will, dann muss sie darauf warten, dass ich mir die Zeit nehme. Aus ihrer Perspektive betrachtet, ist das ziemlich blöd. Vielleicht gewöhnt man sich auch irgendwann dran, aber ich stelle mir das wirklich blöd vor, wenn man immer auf andere warten muss. Ständig. Jeden Tag. Am Sonntag also, nach schätzungsweise zwei Monaten, bin ich endlich mal wieder hingefahren. Wir haben Kaffee getrunken, wir haben Fotos angeschaut, über den Tatort gefachsimpelt und über dies und das geplaudert. Und wenn man genau zuhört, dann kann man richtig was lernen. Übers Leben und über die Liebe und über Zusammenhalt. Genug Zeit hat man ja nie, für gar nix. Man ist ja immer ausgebucht und eng getaktet und es gibt so viele wichtige Dinge, die man erledigen müsste. Und gerade weil man nie genug Zeit hat,  sollte man sich selbst zumindest mal überlegen, ob man sich mehr Zeit nehmen sollte. Ob man es vielleicht irgendwann bitter bereuen wird, wenn man nur einmal im Jahr mal ein Hallo losgeworden ist. Ich kann auch nicht jede Woche hinfahren und ich rufe nicht jeden Tag an, aber ich will mich nicht irgendwann fragen müssen, ob ich zu wenig da war.

Und wisst ihr, wann mir das besonders bewusst geworden ist? Als ich nach dem Besuch bei Oma am Grab meines Großvaters stand: Ich habe mir beim Betrachten der Grabkerze überlegt, ob ich wohl genug Zeit mit ihm verbracht habe. Ob ich ihm gesagt habe, wie wichtig er mir ist, ob ich ihn all das gefragt habe, was ich über ihn wissen wollte, ob er wusste, dass er ein Vorbild für mich ist. Er kann mir diese Fragen nicht mehr beantworten und ich kann es auch nicht; ich weiß nur, dass mehr geblieben ist als ein Name auf einem Holzkreuz. Viel mehr.

Geht einfach mal wieder eure Großeltern besuchen oder ruft sie an. Das würde ich mir für heute wünschen.