Lesbaar im März – Roger Willemsen: Das Hohe Haus

Zugegeben, wenn man liest, worum es in diesem Buch geht, klingt das zu allererst mal: langweilig. Denn Roger Willemsen sitzt ein Jahr lang als Zuhörer im Deutschen Bundestag und schreibt auf, was er da so zu hören bekommt. 

Roger Willemsen, Das Hohe HausBevor C für viele Monate nach Slovenien geht, gibt sie mir einen ganzen Stapel Bücher, vom Zero Waste Ratgeber über große Dramen und Jugendliteratur bis hin zu Willemsen. Brauch’ ich ja das nächste halbe Jahr nicht, sagt sie und ich schleppe den Stapel zum Auto. Von Willemsen hat man ja mal gehört, nicht zuletzt nach seinem Krebstod im letzten Jahr; er wurde nur 60 Jahre alt. Einer der Intellektuellen Deutschlands hat sich verabschiedet, hieß es. Eine andere Freundin ist großer Willemsen-Fan und als ich über Wer wir waren gestolpert bin, habe ich ihr das mitgenommen und konnte mir natürlich nicht verkneifen, reinzulesen. Ich mag Willemsens Sprache; er beschreibt mit feinfühligen Worten klugen Inhalt, und gerade bei politischen oder gesellschaftlichen Themen mag vielleicht letzteres bei vielen Autoren vorzufinden sein, aber in trockene Satzkonstruktionen oder Plastikphrasen verpackt. Ich wollte mich in diesem Jahr, nicht nur wegen der anstehenden Wahl, mehr mit Politik befassen. Wie passend, dass die C da noch was aus ihrem Bücherregal zaubern konnte.

Sie sind eben schon wieder “auf einem guten Weg”. Die politische Rhetorik schließt den “Weg” notorisch ein. Das entastet; kein Ziel, kein Ankommen muss es geben, doch immerhin sind wir aufgebrochen.

Willemsen schreibt in “Das Hohe Haus” über die Sitzungen des Bundestages, aber er macht kein Protokoll aus dem, was er da so hört, aus seinen Beobachtungen. Es ist, im Gegenteil, ein Lehrstück über Moral und Recht und Demokratie. Denn die funktioniert oftmals so ganz anders, als man sich das vorstellt. Willemsen beobachtet und analysiert messerscharf, ohne die journalistische Effekthascherei, er stellt in Frage, ohne das Parlament an sich in Frage zu stellen. Und er beschreibt entwaffnend ehrlich und schonungslos, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er die Abgeordneten, ihr Gehabe und ihre Sprache darstellt.

Ich bin ernüchtert.

Die Popularität der Selbstkritik ist in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft angekommen, nicht im Parlament.

Die Abgeordneten blöken sich manchmal an wie Schafe, dann ignorieren sie andererseits die Ansprachen der anderen Redner, sie tippen auf ihren Handys und benehmen sich auch gerne mal wie ausgebrochene Kindergartenkinder. An keiner Stelle stellt Willemsen den Rahmen in Frage, das Parlament, den Bundestag, die Regierungsform, aber es scheint, als hätte er diesen Rahmen lieber mit mehr Bedeutsamkeit gefüllt gesehen. Zugleich ist dieses Buch eine Rückschau auf unsere jüngste Geschichte, denn es entstand 2013, als von der Leyen ihre Frauenquote selbst nicht mehr stützte, als de Maizière den Euro Hawk verteidigen musste und als die Regierung noch schwarz-gelb war; bei letzerem Gedanken wird so manchem sicherlich ganz schwer ums Herz. So war das also, darüber haben die verhandelt, denkt man bei all den Themen, die man vor vier Jahren gehört hat, vielleicht am Rande, aber viele davon waren im Bewusstsein und vor allem in den Medien.

Eigentlich ist dieses Buch ein Muss, um zu verstehen, wie bei uns Politik gemacht wird. Ich für meinen Teil sehe heute den Bundestag mit anderen Augen. Ob man dafür allerdings 400 Seiten braucht, ist eine andere Frage.

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