Tag und Nacht in Tel Aviv

Sodele, jetzatle. Gut Ding will Weile haben. Ob das hier 1 guter Ding ist, kann ich natürlich nicht selbst beurteilen, aber es hat schon ein bisschen Zeit gekostet, den Tel Aviv Guide zu fabrizieren. Ich wollte schließlich auch mal einen Mehrwert neben den debil-romantischen Sonnenuntergangsbeschreibungen der letzten Travel Stories bieten.

Weil vielleicht der ein oder andere selbst mal hin will und da werde ich natürlich mit meinem wahnsinnig umfangreichen Faktenwissen, das ich mir in den vier Tagen Tel Aviv angeeignet habe, nicht hinterm Berg halten. Und weil der Artikel ein wenig länger geworden ist, geht lieber vorher nochmal Pipi und schenkt euch ein Glas Wasser ein. Ich wollte es nur gleich mal gesagt haben.

Wer Shopping-Tipps sucht, wird hier lange suchen, wer aber gerne Cheesecake isst, sich im Flow einer Stadt verlieren oder stundenlang die Wellen im Meer bestaunen kann, findet hier vielleicht ein paar Anregungen für seinen Trip in die israelische Metropole. Während ich diesen Text schreibe, habe ich übrigens schon wieder ultrakrasses Fernweh, schaue nach Flügen, Orten und Möglichkeiten. Die Sehnsucht nach der Fremde fühlt sich wie ein Fieber an, das – einmal infiziert – immer wieder ausbricht, in den unpassendsten Momenten, und stetige unterschwellige Herzschmerzen verursacht. Man sollte damit einfach nicht anfangen, mit dieser Reiserei. Aber dafür ist es jetzt wohl auch schon zu spät. Im Moment stille ich meine Sehnsucht noch mit der Erinnerung an Vergangenes, also lasst uns erstmal nach Tel Aviv fliegen – einsteigen bitte und immer schön den Sicherheitsgurt anlegen!

Wie man hinkommt
Übernachtung
Essen & Trinken
Architektur
What to see
Feiern
Impressionen-Sammelsurium
Rückflug
Mein Fazit

Wie man hinkommt

Das Verkehrsmittel der Wahl lässt sich angesichts der Entfernung von über 3.700 Kilometern relativ schnell definieren, deshalb – Überraschung! – fliegen wir, und zwar von München aus. Wir buchen eine dieser Discount-Airlines, Transavia heißt die, und ist echt okay für den Preis von ungefähr 230 Euro. Ich fliege nur mit Handgepäck, der kleine Koffer reicht mir immer völlig aus, wenn ich bis zu zehn Tage verreise; meist habe ich immer noch zu viel dabei. Gut zu wissen, wenn man wie wir morgens um vier Uhr im Halbschlaf am Flughafen herumirrt: Das Gate ist ungefähr dreiundsiebzig Kilometer vom übrigen Flughafen-Gebäude entfernt; ich schätze mal, aus Sicherheitsgründen. Hätte ich vorher geahnt, dass wir die halbe Strecke nach Tel Aviv laufen, hätte ich mir jedenfalls andere Schuhe angezogen. Das Personal am Sicherheitscheck nimmt seine Sache zwar sehr genau, scheint aber weniger zu arbeiten als mehr zu schlafwandeln. In einer Seelenruhe nimmt der Angestellte die Körbe in die Hand, gibt Anweisungen und kramt in den Besitztümern der Fluggäste herum. Aber wir schaffen es letztlich doch rechtzeitig auf die Sardinenbüchsen-Sitze. Ich schlafe ein, noch bevor wir überhaupt losgerollt sind. Nach knapp vier Stunden erreichen wir Tel Aviv gegen Vormittag und haben so den ganzen Tag Zeit für unser Blind Date mit der Stadt.

Übernachtung

Yarden Beach Apartment

Wir kommen am 30. Dezember in Tel Aviv an und obwohl das jüdische Neujahr Rosch ha-Schana im Herbst gefeiert wird, werden wir auf Airbnb nicht fündig. Vermutlich verbringen doch einige Menschen Silvester in der angeblichen Party-Metropole und haben die meisten verfügbaren Zimmer in Innenstadtlage bereits beschlagnahmt. Ihr könnt es euch vielleicht denken: wir haben trotzdem nicht auf der Straße geschlafen.

Abseits von Airbnb finden wir das Yarden Beach Apartment, ein kleines Boutique-Hotel, das rein optisch voll meinen Geschmack trifft. Dass bei unserer Ankunft am Freitag der Sabbat kurz bevorsteht, sozusagen der jüdische Sonntag, der bereits am Nachmittag zuvor beginnt, merken wir an der Hotel-Rezeption. Da ist nämlich bei unserer Ankunft niemand. Der Zimmerschlüssel ist in einem Safe gelagert, dessen Zahlenkombination ich vorab per Mail bekommen habe. Als wir endlich das richtige Zimmer finden und aufschließen, wollen wir nur schnell unser Gepäck loswerden und sofort losziehen. Das Zimmer sieht allerdings aus, als hätte da gerade noch jemand geschlafen. Dummerweise ist aber niemand da, dem wir das mitteilen können, die angegebene Nummer des Managers ist nicht erreichbar. Wir setzen uns also in die Lobby und warten; nach einer gefühlten Ewigkeit und einer realen halben Stunde kommt jemand vorbei, der in Nullkommanix das Zimmer klarmacht und wir können endlich los.

Alles in allem haben wir ein schnuckeliges Zimmer mit einem schönen Bad, leider macht in den vier Nächten, die wir hier verbringen, keine alte Sau sauber. Nicht einmal, als wir an einem Abend vom Regen völlig durchnässt unsere Sachen im Zimmer aufhängen und trocknen wollen, kommt der Herr an der Rezeption (ja, es war dann doch mal einer da!) auf den Gedanken, uns irgendeine Art von Service anzubieten, neue Handtücher, einen Fön oder ähnliches, er bringt uns erst auf Nachfrage bereitwillig zwei neue Handtücher aufs Zimmer. Nur schön aussehen reicht halt dann doch nicht.

Florentine Hostel

Nach einem Abstecher nach Jerusalem verbringen wir noch eine weitere Nacht in Tel Aviv. Diesmal in einem Hostel, dem Florentine Hostel. Als wir dort ankommen, landen wir in einer großen Familie. Da sind etwa dreißig Leute, einige arbeiten als Volunteers dort, einer kocht für alle Nudeln mit Gemüse und Elay, der Babysitter der ganzen Gruppe, führt uns ein, als würden wir für Wochen einziehen. Die Zimmer sind schlicht, sauber und für eine Nacht völlig ausreichend. Für längere Aufenthalte wäre mir die familiäre Atmosphäre zu viel, ich brauche dann doch hin und wieder meine Ruhe, aber für unsere letzte Nacht in Tel Aviv ist das hier der perfekte Ort. Wir gehen (fast) alle zusammen weg – das ist der würdigste Abschluss für Tel Aviv, den ich mir hätte vorstellen können. Aber mehr dazu weiter unten.

Essen & Trinken

Ganz wichtig und absolute Prio zwei, wenn man die Frage nach dem Wohnen geklärt hat, ist natürlich das Essen. Also zumindest für mich, denn ich liebe ja bekanntermaßen das Essen. Restaurantbesuche sind hier aber zu meiner Überraschung unerfreulich hochpreisig. Da ich zum Essen auch gerne ein Glas Wein trinke, bin ich schnell mal 20 Euro los, ohne wirklich satt (oder betrunken) zu sein. Wein für unter 8 Euro das Glas ist eigentlich kaum zu finden. Aber israelisches Essen ist so unglaublich gut! Shakshouka, Hummus, Pita-Brot, Falafel – alle Klassiker der israelischen Küche machen mich einfach nur glücklich. Und natürlich alles weitere vom Wildreissalat bis zum Cheesecake.

Bar Ochel

Am ersten Abend laufen wir auf der Suche nach etwas Essbarem über den Markt, die Stände sind gerade dabei, zu schließen. Nach zweimaligem Durchqueren des Marktes setzen wir uns in die Bar Ochel, das heißt, in stimmt nicht ganz, wir sitzen schließlich draußen. Hier gibt’s in cooler Atmosphäre und mit Blick auf das Markttreiben typisches israelisches Essen und eine Kellnerin, die so trinkfest ist, dass ich zwischen Bewunderung und Sorge schwanke. Während wir dort sitzen und essen, trinkt sie mit den anderen Gästen bestimmt fünf Arak innerhalb von einer halben Stunde und man weiß ja nicht, wie viele es davor und danach gab. Und sie läuft immer noch völlig gerade.

Landwer Café

Im Landwer Café am Rothschild Boulevard frühstücken wir ausgiebig, ein bisschen israelisch, ein bisschen klassisch. Dort (wie auch sonst überall) sind die Kellner super freundlich und ich glaube, das liegt nicht nur daran, dass wir zwei junge Frauen sind, sondern weil die halt einfach so sind. Außerdem gibt’s hier guten Kaffee in allen Variationen, denn Kaffee können die Israelis. Ob Siebträger, Filter, wie auch immer, das läuft hier. Vom Landwer Café gibt es sehr viele Filialen und es ist auf jeden Fall ein empfehlenswerter Frühstücks-Place – gemütlich, entspannt, cool.

The Prince

An Silvester wollen wir irgendwo schön essen gehen und haben was von einer Dachterrasse gehört. Den Eingang des The Prince findet man kaum, wir laufen einmal ums Haus, bis wir ihn entdecken. Und als wir eintreten, sind wir uns sicher, dass wir richtig sind. Der Treppenaufgang ist über und über bemalt und mit einer Lichtprojektion beleuchtet. Egal, was da oben jetzt kommt, ich find’s jetzt schon gut.

Wir kommen tatsächlich auf einer Dachterrasse an, die ist jedoch angesichts der winterlichen unter zehn Grad vollständig mit Planen abgehängt, aber der Terrassen-Charakter bleibt, es zieht schließlich ein bisschen. Auch hier wieder ein unfassbar netter Kellner, wir sitzen nämlich an der Bar und haben genug Gelegenheit, uns mit ihm zu unterhalten. Das Essen ist zwar wirklich überteuert (für die Größe der Portionen zumindest), aber geschmacklich wirklich der Hammer. Ich esse einen Wildreissalat mit Mandeln und Petersilie und Quark und einen Gemüseteller und zum Nachtisch eine Schokomousse, die so lecker und gleichzeitig schwer und fett ist, dass mir erst einmal übel wird. Cs Allheilmittel bei Magenproblemen ist Schnaps, also fragen wir nach einem Arak, der wie Ouzo oder Raki schmeckt (klar, ist ja auch ein Anisschnaps). In Israel ist es üblich, nach dem Essen noch einen Kurzen aufs Haus zu bekommen – wenn ich mich richtig erinnere, haben wir es auf drei geschafft. Und natürlich trinken die Kellner immer mit. Weniger schlecht ist mir dadurch nicht unbedingt, aber es lässt mich den Zustand meines Magens kurz vergessen.

Rothschild 12

Irgendwie hat es sich bei mir eingebürgert, dass ich im Urlaub Cheesacake esse, das mache ich zu Hause nie und ich habe auch keine Ahnung mehr, wie das zustande kam. Auch im Rothschild 12 bestelle ich ein Stück zu einem Glas Weißwein (macht man das? Darf man das?). Der ist himmlisch, also der Kuchen und der Wein. Der Kuchen cremig und zugleich irgendwie frisch, der Wein leicht und fruchtig. Ich bin so leicht glücklich zu machen! Auch sonst ist es in der Bar gemütlich, leger, cool und ein bisschen hip. Kann man mal einen Abstecher hin machen.

Falafel-Imbisse

Abseits von all den supercoolen Restaurants und Bars isst man eigentlich am besten und günstigsten an den ganzen Falafel-Imbissen. Was kann es schöneres geben, als Falafel im frischen Pita-Brot zu essen, wenn einem der Salat langsam in den Jackenärmel spaziert und der Hummus sich’s auf der Nasenspitze gemütlich macht; wenn man ganz zur Einheit mit der Speise wird und ein Erlebnis für den ganzen Körper schafft? Eben, nichts.

Architektur

Die Architektur finde ich deshalb so spannend, weil es hier in Tel Aviv mehr Bauhaus-Gebäude gibt als in Deutschland selbst. Nach der Machtergreifung der Nazis wanderten deutschstämmige Juden nach Israel aus, unter anderem, weil sie in Deutschland viele Berufe nicht mehr ausüben durften; so auch die Architekten. Viele von ihnen hatten ihre Ausbildung am Bauhaus Dessau absolviert und wollten im neuen Stadtviertel ihren Stempel aufdrücken. Die so genannte Weiße Stadt, wie die Gebäudesammlung heißt, gehört seit 2003 zum UNESCO-Welterbe, seit 2009 sind etwa 1.000 der rund 4.000 Gebäude unter Denkmalschutz.

What to see

Was man machen kann, wenn man nicht gerade isst oder schläft.

Free Walking Tour

Am Samstag treffen wir uns um 11 Uhr am Rothschild Boulevard zur Free Walking Tour. Ich hab’s nicht so mit dem Schätzen, aber ich schätze trotzdem, dass da bereits an die 100 Personen stehen. Der Guide ist irritiert, mit so vielen Menschen hat er nicht gerechnet; er überlegt kurz, ob er noch einen weiteren Guide anrufen soll, tut das aber doch nicht. Weil er dann mit weniger Trinkgeld rechnen kann? Ich weiß es nicht, aber er ist zumindest ein sehr fähiger Guide. Wir reisen gedanklich in die Ursprünge Tel Avivs, er erzählt übers Judentum, über die Bauhaus-Architektur. Allerdings legen wir kaum mehr als 500 Meter zurück, manchmal höre ich ihn trotz des Mikrofons nicht gut und nach anderthalb Stunden lösen wir uns von der Gruppe, um unser eigenes Ding zu machen. Trotzdem haben wir jetzt ein bisschen Basis-Wissen, v.a. zur Architektur der Stadt, vermittelt bekommen und alleine deshalb hat es sich schon gelohnt. Eigentlich hat mich das Thema Architektur nie interessiert, aber seit den letzten Walking Touren finde ich es unheimlich spannend, sich einer Stadt über die Architektur zu nähern.

Museum of the Jewish People Beit Hatfutsot

Da ich sehr interessiert an der jüdischen Kultur bin und mehr erfahren will, als das, was man über die Juden im Geschichtsunterricht der Schule lernt und damit natürlich auch immer den Holocaust betrifft, besuchen wir das Museum of the Jewish People an der Uni. Zufällig ist gerade auch eine Bob-Dylan-Ausstellung zu sehen,und da ich mich ja durchaus als Dylan-Liebhaber bezeichnen würde, finde ich das spannend. Dylan ist nämlich auch Jude – wobei die Ausstellung eigentlich eher so wirkt, als wollte man halt mal wen Großes ausstellen und dass er Jude ist, spielt da natürlich in die Karten. Das Herz des Museums ist allerdings die Geschichte des Judentums und jüdisches Leben, eingeteilt in sechs Bereiche: Family, Community, Faith, Culture, Among the Nations und Return to Zion. Durch die mediale Aufbereitung der Ausstellung, in der es Modelle gibt, Filme, Musik, Kunstwerke und vieles mehr, wird man mit beinahe allen Sinnen ins Thema geworfen. Als ich vor der Wand stehe, auf der sinngemäß etwas steht wie: im zweiten Weltkrieg wurden sechs Millionen Juden von den Nazis getötet und die Welt hat einfach weggesehen, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Natürlich kann man jetzt sagen: Müssen die Deutschen immer aufarbeiten und in solche Museen gehen?! Man muss gar nix, aber ich finde die Ausstellung richtig gut aufbereitet und spannend und finde durchaus, dass man sich das ansehen sollte, nicht, weil man Deutscher ist, sondern Mensch.

Nach dem Besuch bin ich völlig erschlagen. So viele Informationen, aus denen sich mir immer neue Fragen stellen, lassen mich mit weniger Antworten zurück, als ich erwartet habe. Das liegt aber nicht an der Aufbereitung der Inhalte, sondern an der Frage nach der Idiotie der gesamten Menschheit.

Suzanne Dellal Tanzcenter

Vor dem Suzanne Dellal Tanzcenter landen wir eher zufällig, denn als wir ein wenig verplant mit Karte irgendwo in einer Gasse stehen, fragt uns ein Einheimischer, ob er uns irgendwie helfen kann. Hm, ja, keine Ahnung, wir suchen nix Bestimmtes, wir laufen nur so ein bisschen rum… Dann sagt er uns, wir sollen zum Center gehen und wir tun’s, wir haben schließlich nix Besseres vor. Was in dem Gebäude drin ist, spielt eigentlich gar keine Rolle, es geht mir einfach nur um den Garten. Wir laufen in einen mit weißen Steinen ausgekleideten Innenhof und hinter den Torbögen geht es weiter in einen Garten. Hier sind Orangenbäume und Palmen, die herrschaftlich wirkenden Gebäude rahmen das Grün ein. Noch dazu geht gerade die Sonne unter und taucht die Szenerie in einen rosa-hellblauen Aquarell-Traum. Ein Ort zum Hinsetzen, Runterkommen, Wohlfühlen. Hätte ich ein Buch in der Tasche gehabt und wäre die Sonne nicht gerade untergegangen, hätte ich mich glatt zum Lesen da hingesetzt.

Das Fräulein und das Meer

Das Meer, hach. Ich hab so ein Ding mit Städten, die am Wasser liegen. Gar nicht, weil ich gerne drin schwimmen will, sondern aus reinem Ästhetik-Empfinden. Wasser hat immer etwas Sehnsuchtsvolles, Weite, Freiheit und Ungestüm, Wasser ist eine Verbindung zur Welt, von hier aus könnte man mit einem Schiff überall hinfahren. Zur Zeit ist es stürmisch in Tel Aviv, vor allem in der Silvesternacht, das Wasser schiebt sich schäumend den Strand entlang, fast werden meine Stiefeletten vom Salzwasser unsittlich berührt. Hier am Meer sieht man bei etwa zehn Grad Menschen, die zwischen Wintermantel und Bikini alles tragen. Manche schwimmen, andere frieren beim zusehen (ich zum Beispiel). Es gibt einen Sandstrand, man kann wunderbar am Ufer entlang flanieren oder sich einfach hinsetzen. Als es einen Tag lang sonnig und relativ warm wird, schlafen wir Schulter an Schulter kurz zur leisen Melodie des Rauschens ein. Das sind meine Lieblingsmomente im Urlaub, also ja, auch das Schlafen, aber ich meine eher dieses An- und Runterkommen.

Carmel Markt

So wie hier stelle ich mir orientalische Märkte vor. Ich war ja schon auf ein paar Märkten in verschiedenen Erdteilen, aber so laut und unruhig war’s bisher auf noch keinem. Mir hat das Lust auf Marokko oder andere orientalische Länder gemacht, denn genauso stelle ich mir die Märkte dort auch vor. An einem Morgen holen wir uns Frühstück auf dem Markt: klebrige Gebäckstücke, geschnittenes Obst und frisch gepressten Granatapfelsaft. Auf dem Markt gibt es alles an Lebensmitteln, was man sich vorstellen kann, Obst, Gemüse, Backwaren, Fleisch, Israelisches, Arabisches, Kaffee und außerdem Imbisse und Kleidung. Abends, wenn der Markt schließt, wird alles, was nicht verkauft wurde, einfach auf die Straße geworfen, es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld und ich bin ziemlich schockiert angesichts dieser Lebensmittelverschwendung. “Das räumen die Flüchtlinge dann weg”, meint eine Deutsche, die in Tel Aviv lebt. Als wir später in der Nacht wieder vorbei laufen, laden gerade kleine Baggerschaufeln den Müll auf und entsorgen alles in Container. Das tut weh. Meine Oma hat mir schon immer gesagt, dass man kein Essen wegwirft. Meine Oma war im zweiten Weltkrieg auf der Flucht, die weiß, wovon sie spricht.

Old Jaffa

Jaffa ist mit seinen 3.000 Jahren der älteste Stadtteil von Tel Aviv. Denn das neue Tel Aviv wurde erst ab 1909 aufgebaut und 1950 mit Jaffa vereinigt. Wenn man hier durchspaziert, fühlt man sich, als wäre man plötzlich in einer ganz anderen Stadt und ein bisschen auch wie in einer anderen Zeit. Schmale Gassen, weiße, mächtige Steine, Kirchen, der Blick von oben auf das Meer – man erkennt die Einflüsse der Epochen und Geschichte auf den Stadtteil. In manchen Gassen sind wir sogar alleine, weil sich die meisten Touristen an der St.-Peter-Kirche aufhalten oder an sonstigen Touristen-Orten, wir verlieren uns aber lieber zwischen den eng stehenden Gebäuden. In Jaffa gibt es einen Flohmarkt, viele Cafés, Restaurants und kleine Läden, zum Beispiel mit handgefertigtem Schmuck und liebevoll gestalteten und bedruckten Postkarten und Textilien. Als die Sonne über dem alten Hafen untergeht, kommen wir gerade rechtzeitig, um mit drölfzig anderen Touristen Ahs und Ohs loszuwerden und die Kamera klicken zu lassen.

Shopping

Wenn’s ums Shoppen geht, müsst ihr euch wo anders informieren. Shoppen waren wir nämlich überhaupt nicht, denn das langweilt mich mittlerweile viel zu sehr. Wenn es nicht gerade Concept Stores gibt, kann man ja doch überall den gleichen Scheiß kaufen. Dazu kommt natürlich, dass der kleine Koffer nicht mehr viel Spielraum für Einkäufe hergibt – das rettet einen ja schon manchmal vor der ein oder anderen im Kaufrausch getroffenen, dummen Entscheidung. Wahrscheinlich hätte ich aus Moshi sonst Holzschemel und unzählige Schüsselchen und Schalen mitgebracht.

Feiern

Meiner gesundheitlichen Verfassung geschuldet, sind wir nachts nur einmal unterwegs. Sogar Silvester verbringen wir nicht feiernd, sondern essend und redend im The Prince. Es ist ein Geschenk, mit einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben bei grandiosem Essen und noch viel grandioseren Gesprächen eine so wundervolle Silvesternacht zu verbringen. Das war an diesem Abend so viel bereichernder als eine Party mit hunderten von Menschen, die man nicht kennt (was ich grundsätzlich natürlich auch grandios finde. Aber alles hat seine Zeit). Selbst in der Silvesternacht also gehen wir nicht in irgendeinen Club oder auf eine Party, sondern beobachten ein mickriges Feuerwerk am Strand, hüpfen durch den Sand, lassen uns von den Wellen überraschen und spazieren vom Meeresrauschen untermalt ins Hotel zurück. Es ist der perfekte Abend. Den letzten Abend vor unserem Abflug nutzen wir aber doch noch. Die Party war wohl ziemlich gut, wenn du morgens nach zwei Stunden Schlaf einen Stempel auf deinem Handgelenk vorfindest und denkst Al Phab Et, häh? Da waren wir?

Lima Lima

Die ganze Florentine-Hostel-Bagage macht sich also auf ins Lima Lima, das dauert bei den etwa zwanzig Menschen erwartungsgemäß unglaublich lange, bis mal alle ihr Bier leer haben und nochmal Pipi waren. Als wir es endlich schaffen, gesammelt ins Lima Lima einzumarschieren, laufen wir an der Tanzfläche vorbei (schade!), begleitet von den üblichen Club-R’n’B-Sounds, direkt in den überdachten Außenbereich, weil die anderen sich lieber unterhalten als tanzen wollen. Ist auch okay, so lerne ich bei einem völlig überteuerten Gin Tonic (wenigstens bekommen wir einen Hostel-Rabatt) etwas über amerikanische Juden und englische Muttersöhnchen. Letztendlich wäre es völlig egal, wo wir säßen, aber nun sind wir halt hier und schlecht ist das auch nicht.

Alphabet

C klärt mich an jenem schlafarmen Morgen, ohne es selbst zu merken, darüber auf, wo wir gestern waren, nämlich im Alphabet. Denn nach dem Lima Lima ziehen wir weiter, ein bisschen Schwund in solch einer großen Gruppe ist wahrscheinlich normal und nicht weiter beklagenswert. Elay behauptet (ich kann das natürlich statstisch nicht nachprüfen), dass das einer der Top-Elektro-Clubs in Tel Aviv sei. Glauben wir’s halt. Es ist klein dort und die Musik eher minimalistisch. Aber die Stimmung ist mega gut, hier wird geraucht (darf man natürlich nicht, kratzt aber niemanden) und getanzt und obwohl minimalistische elektronische Musik ganz unten auf meiner Liste zu Hause zu spielender Musik steht, passt das alles hier zusammen. Und es ist gut. Es ist so gut, dass wir um halb vier in die nächtlichen Straßen zurücktaumeln und dringend Pizza essen müssen. Normalerweise nicht schlimm, aber am nächsten Morgen müssen wir um sechs Uhr aufstehen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Mit der richtigen Gruppe durchaus ein place to be, aber sind nicht alle Orte abhängig von der richtigen Gesellschaft?

Impressionen-Sammelsurium

Toiletten Gendering

Die Deutschen diskutieren ja immer noch darüber, wie Toiletten korrekt gegendert werden können, damit sich keiner dikriminiert fühlt. Die Tel Aviver machen da kurzen Prozess und machen einfach gar kein Label drauf. Kein Schild auf der Toilettentür kann schon niemanden diskriminieren – ob das tatsächlich der Gedanke dabei war, weiß ich nicht, aber es wäre gewissermaßen ein Lösungsansatz; auch, wenn’s mich am Anfang irritiert hat.

Nice Typen vong Atraktivitet her

Rein optisch falle ich in Israel kaum auf. Gefühlte 85 Prozent der Menschen dort haben braune Locken auf ihren Köpfchen, da ist C mit ihrem rotblonden Schopf schon eher ein Hingucker. Abgesehen davon kommt Tel Aviv schon beinahe an Barcelona ran, was den Attraktivitätsgrad der Männer angeht (zumindest auf meiner ganz persönlichen Skala). Ich habe halt eine Schwäche für dunkle Typen mit Dreitagebart und von denen gibt’s hier zwei, drei Exemplare. Leider haben viele von ihnen relativ früh aufgehört zu wachsen, was dann doch wieder schade ist. Es ist aber nicht nur das gute Aussehen, sondern vor allem die unfassbare Freundlichkeit, die ich so genieße. Jeder hat ein nettes Wort übrig, hilft, lächelt. Gut, damit sind wir in Deutschland halt auch nicht gerade verwöhnt, das Delta zwischen hier und dort ist demnach um einiges größer.

Sabbat

Ab dem Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Samstag geht in der Stadt nicht mehr viel, es ist schließlich Sabbat. Natürlich kennen wir das auch, das ist wie unser Sonntag, aber trotzdem ist es ungewohnt, wenn alles um einen Tag verschoben ist. Sabbat ist ein Tag der Familie, alle kommen zusammen zum Festmahl und Gottesdienst. Die Intensität des Festes hängt hier wie auch bei uns natürlich auch davon ab, wie gläubig und traditionell die Familie ist. Aber Sabbat ist ein umfassendes Thema, das kann und will ich an dieser Stelle gar nicht weiter aufgreifen.

WiFi

Ich bin einfach immer wieder beeindruckt, dass es überall auf der Welt – sogar in Moshi, Tansania – in allen Restaurants und Cafés WiFi gibt, nur in Deutschland schient das nicht möglich zu sein. Auch hier kann man in jedem Lokal kostenlos surfen. Es ist ja schon wichtig, dass man direkt alles posten und alle neidisch machen kann und Gespräche mit dem Reisebegleiter auf ein Minimum reduziert. Und Blickkontakt wird eh überbewertet, wenn man seinen Kaffee schlürft.

Rückflug

Ein bisschen befremdlich fand ich die Abreise am Flughafen. Es wird empfohlen, etwa vier Stunden vor Abflug dort zu sein und wir finden das irgendwie seltsam, machen es aber. Man weiß ja nie, wird schon seinen Grund haben. Der Grund erschließt sich uns dann auch relativ bald: vor dem üblichen Sicherheitscheck muss man an einem Schalter Fragen beantworten. Was genau gefragt wird, weiß ich nicht so genau, also stehen wir nach zwei Stunden Schlaf, übel verkatert (oder noch betrunken?), am Schalter an. Plötzlich kommt ein junger Mann von rechts und fragt mich nach meinem Pass. Er fragt mich, ob mein Nachname deutsch ist, wie meine Eltern heißen (gut, dass ich in meinem Zustand nicht Mama und Papa gesagt habe) , er will wissen, wer meinen Koffer gepackt hat, wo der Koffer überall war, seit ich ihn gepackt habe, ob C eine Freundin ist, ob mir irgendjemand etwas mitgegeben hat und so weiter und so fort. Schließlich will er noch ein weiteres Ausweis-Dokument sehen, ich sehe wohl nicht aus wie ich selbst. Gut, dass ich meinen Personalausweis auch dabei habe. Der Kerl macht mich echt nervös, ich habe Angst, irgendwas falsch zu sagen, ich bin schleßlich total übernächtigt und kann kaum klar denken. Er guckt mich ganz streng an und sieht aus, als ob er mich einfach verknacken könnte. Da C viel schneller mit der Befragung (die bei ihr ordentlich am Schalter abgelaufen ist) fertig ist, vermute ich, dass es an meinem etwas israelischen Aussehen liegt, dass ich schärfer konrolliert werde. Aber an dieser Stelle ist das seelische und körperliche Filzen noch nicht zu Ende. Eine halbe Stunde lang durchsucht die junge Frau von der Sicherheit meinen Koffer, lässt mich meine ungenutzte Einwegkamera auspacken, fragt immer wieder nach What’s that und zerstört mein minutiös geplantes Packwunder. Meine ganze mühevolle, tetrisartige Falttechnik wird in Nullkommanix zerstört; wenigstens fragt mich die nette Dame noch (wohl eher rhetorisch), ob ich Hilfe beim Einpacken benötige und ich sage schneller Nein, als ich denken kann. Als ob ich wollte, dass sie noch ein zweites Mal meine gesamte Wäsche durchwühlt! Jedenfalls brauche ich jetzt nochmal eine halbe Stunde, um wieder alles zu verstauen, ohne den Reißverschluss zum Zerbersten zu bringen. Ich schaffe es. Mühevoll, aber es klappt und schließlich lassen sie mich sogar aus dem Land ausreisen. Puh. Ist zwar schön da, aber ich bin dann doch lieber wieder zu Hause.

Mein Fazit

Tel Aviv erinnert mich gleichermaßen an Barcelona und Belgrad. Es ist nicht nur das Meer, sondern auch die Internationalität der katalonischen Metropole, gepaart mit der Schwermut der serbischen Hauptstadt; die Sonnenuntergänge beider Städte verschmelzen über dem Kai Old Jaffas zu einem ganz eigenen Lebensgefühl. Es scheint beinahe, als ob ich schon einmal dort gewesen bin und gleichzeitig fühle ich mich so fremd, weil ich die Schriftzeichen nicht einmal annähernd entziffern kann und das Judentum mir so unbekannt ist. So fühlt es sich hier schon fast wieder exotisch an. Tel Aviv ist definitiv ein erlebenswerter Ort und wenn man dann noch bereit ist, sich mit der Religion und Geschichte und Architektur der Stadt und des Landes zu beschäftigen (und dazu gibt es mehr als genügend Gelegenheiten in Tel Aviv), dann kann man den Spirit der Stadt vielleicht noch ein klein wenig besser verstehen. Aber das muss man sich dann doch selbst ansehen. Also – auf geht’s!

Schreibe einen Kommentar