Himmel über Jerusalem

Terror in Jerusalem: Vier Soldaten bei Lkw-Anschlag getötet
Bei einem Anschlag mit einem Lkw in Jerusalem sind vier Menschen getötet und 17 verletzt worden. Der Fahrer war absichtlich in eine Gruppe von Soldaten gerast und wurde kurz darauf erschossen.

(Quelle: tagesschau.de)

Fünf Tage zuvor. Ich liege in einem müffelnden Hostelbett am Jaffa Gate in Jerusalem. Ich schlafe selig ein, während C mir irgendetwas erzählt, an das ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann. Ich bin zu müde zum Zuhören. Ich versinke in meinen Träumen in dieser Stadt, die mich völlig vereinnahmt hat. Eine Stadt, in der die Spannung zwischen den Bevölkerungsgruppen so dicht ist, dass man sie beinahe greifen kann; zwischen all der Spiritualität, die mich in jedem Winkel jeder Gasse umfängt, fühle ich mich an manchen Stellen von der Ungewissheit bedroht.

Aber lasst mich von vorne beginnen.

Blick auf Jerusalem
Blick auf den Tempelberg und den Ölberg, wo sich der jüdische Friedhof befindet.

Ein Tag und eine Nacht in der heiligen Stadt. Wir starten unsere Reise nach Jerusalem von Tel Aviv aus, wo wir die letzten vier Tage verbracht haben (Bericht folgt). Ich freue mich auf den Ort, von dem ich mir so viel verspreche, von dem ich so viel im Religionsunterricht in der Grundschule gehört habe und der für meine von christlichen Werten geprägte Lebenseinstellung eine irgendwie unbestimmte Bedeutung hat. Ich bin im Christentum zu Hause, dennoch hatte ich niemals den Gedanken, nach Jerusalem zu pilgern – und nun wird daraus ein Tagesausflug, eingebettet in eine Reise voll Essen, Lernen, Architektur und Feierei.

Reise nach Jerusalem

Mit dem Bus ist man etwa eine Stunde von Tel Aviv aus unterwegs. Was für eine lustige Busfahrt! Neben C sitzt ein junger Kerl in grauer Jeans und schwarzem Hoodie mit einem Maschinengewehr auf dem Schoß, den Gurt ganz casual geschultert. Ich sehe das erst nach der Hälfte der zurückgelegten Strecke; meine Versuche, ihr per Gedankenübertragung mitzuteilen, dass ich das sehr creepy finde und sie mental unterstütze, scheitern kläglich. Ich kann ja schlecht mit dem Finger auf das Ding zeigen und schreien: Alter! Guck mal, der trägt ein Gewehr mit sich rum! Hoffentlich erschießt er uns nicht alle gleich! Ich denke nur die ganze Zeit: Nicht wütend machen. Ganz ruhig bleiben. Nicht, dass er ausrastet. Aber nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Maschinengewehre sind hier überall, mindestens die Hälfte aller Fahrgäste gehört dem Militär an, und mindestens die Hälfte davon sind wiederum Frauen. In Israel sind nämlich Männer und Frauen wehrpflichtig. Aber die tragen zumindest Uniformen und man bekommt den Eindruck, dass das schon passen wird, dass die hier mit Tötungsmaschinen herumlaufen. Hier ist das Normalität, aber für einen Deutschen, der nicht einmal mehr zum Wehrdienst muss, der mit Krieg und Waffen und Verteidigung so viel zu tun hat wie mit Pest und Cholera, ist das im ersten Moment beängstigend. Na jedenfalls, wir fahren. Im Bus. Eingebettet in ein Meer automatischer Handfeuerwaffen. Als wir der Stadt näher kommen, scheint es fast, als würde sie sich etwas schüchtern vor uns verstecken. Die beigen Bauten schmiegen sich organisch in die sandfarbenen Hügel; man kann gar nicht so genau erkennen, wo der Berg anfängt und die Bebauung aufhört.

Unterkunft

Als wir unser Hostel endlich finden, freuen wir uns. Zum einen, weil die Suche in den kleinen abzweigenden Gassen eine Ende hat. Zum anderen, weil wir nur eine Nacht dort bleiben. Ja, wir sind mitten in der Altstadt. Ja, wir haben ein ziemlich geiles Gewölbe in unserem Zimmer. Aber es müffelt nach Moder und Feuchtigkeit, die Wände und Deko-Artikel sind verstaubt und es sieht aus, als hätte hier in den letzten Jahrhunderten niemand geputzt. Geschweige denn die Bettlaken gewechselt. Ich bin nicht empfindlich, was das angeht, ich war drei Monate in Tansania, da habe ich auch in so einigen Absteigen gehaust, aber das hier ist echt… Naja… Etwas widerwärtig, um ganz ehrlich zu sein. Vielleicht wird hier auf die Rückkehr des Messias gewartet, denn dann werden wir eh alle im Himme leben und da ist doch alles weiß und hygienisch rein und riecht nach Blumenwiese. Also glaube ich. Während wir den Tag über in Jerusalem herumschlenderten, kam dieser Jesus leider nicht zurück, ergo war das Zimmer beim Zubettgehen immer noch modrig und eklig.

Durch die Stadt

Um dem Schmutz zu entkommen, fliehen wir in die schmalen Gassen der Altstadt, auf die Märkte und Mauern. Ich liebe es, mich in einer Stadt zum ersten Mal treiben zu lassen. Dieses Gefühl der Fremde, gepaart mit den Erwartungen, die man aus Reiseführern und sonstigen Bebilderungen vermittelt bekommt, die sich zusammenfügen zu einer Stimmung, die einem gleich sagt, ob das hier Liebe auf den ersten Blick ist oder zum Pflichtbesuch wird. Jerusalem ist Liebe auf den ersten Blick. Definitiv. Ich bin schockverliebt. So genau habe ich mir das vorher gar nicht vorgestellt, wie gesagt, das war ja nun nicht von langer Hand geplant, mal hier zu landen. Es ist exotischer, berührender, wunderlicher, ergreifender und so vieles mehr als ich es erwartet hätte. Die Gefühlsduselei stoppen wir erst einmal mit banalen irdischen Tätigkeiten: Auf dem Markt trinken wir frisch gepressten Granatapfelsaft, wir fühlen uns beide ein bisschen angekratzt und Granatapfel hat so viel Vitamin C, sagt sie. Egal, welche Vitamine da drin sind, der Saft ist vom wohl besten Granatapfel, den ich jemals genossen habe. Und ich musste ihn noch nicht einmal schälen und pulen und dann rote Spritzer entfernen. In Nullkommanix hab ich den Saft runtergekippt und fühle mich so süßlich, wie der Saft geschmeckt hat.

Wenig später schließen wir uns einer Free Walking Tour an, die habe ich in den vergangenen Städtereisen sehr zu schätzen gelernt. Zu Fuß eine Stadt erkunden mit einem hoch motivierten (weil auf Trinkgeld angewiesenen) Guide bringt einen immensen Erkenntnis-Gewinn. Wir laufen einmal durch alle Viertel, durchs jüdische, armenische, christliche und muslimische, und während er erklärt, schweifen meine Gedanken immer wieder ab, durchforsten die Geschichte dieser Stadt, die so intensiv und verkrustet ist wie eine tiefe Schnittverletzung; eine Wunde, die schon beinahe den Blick auf den Knochen freilegt. Ich spüre diese Geschichte – überall, in der ganzen Stadt. Jeder Stein singt ein leises Wehklagen.

Jerusalem ist Symbolik. Kreuze, Hamsa-Hände, Rosenkränze, Hilal, Kippa. Anhand der Zeichen erkennt man, in welchem Viertel man sich gerade befindet; rein an den Personen lässt sich das kaum festmachen – in mir wächst der kühne Gedanke, dass die Unterschiede zwischen ihnen vielleicht doch nicht so groß sind. Ich räume ihn aber gleich wieder beiseite, als wir an den Absperrungen und Polizisten mit Maschinengewehren vorbeigehen.

Klagemauer

Nach der Tour wollen wir eigentlich zum Ölberg laufen und von dort aus den Sonnenuntergang ansehen, denn ich bin völlig verrückt nach Sonnenuntergängen. Das ist kitschig und schnulzig und jedes Mal mache ich wieder tausend Bilder, aber die untergehende Sonne berührt mich. Jedes einzelne Mal. Wir stellen jedoch fest, dass wir es vor der Dunkelheit leider nicht mehr schaffen werden, auf den Berg zu gelangen und laufen auf der Stadtmauer umher, genießen den Blick auf die Stadt, fotografieren, staunen und tun, was Touristen eben so tun. Wir gehen noch einmal zu einem Ort zurück, der mich zutiefst fasziniert und verwundert. Wir gehen zurück zur Klagemauer, die wir während der Walking Tour bereits von oben gesehen haben. Links stehen die betenden Männer und davon abgetrennt ist rechts der Frauenbereich, er ist kleiner, aber um einiges besser besucht. Bevor wir tatsächlich vor der Mauer stehen dürfen, müssen wir durch einen Sicherheitscheck, unsere Taschen und wir selbst werden durchsucht. Dann stehen wir vor den großen, weißen Steinen, deren Zwischenräume mit Klagen, Gebeten, Wünschen, Hoffnungen und Ängsten befüllt sind. Deren Poren Geschichten eingeatmet haben. Die Wucht der Klagen und Gebete schlägt mir entgegen; nicht ich spreche zur Mauer, die Mauer spricht zu mir. Was sie in den vergangenen Jahrhunderten an Worten in sich aufgesogen hat, wie viele Millionen Menschen wohl schon hier gestanden haben müssen – ich erstarre kurz vor Ehrfurcht. In regelmäßigen Abständen, etwa monatlich, werden die Papierchen aus der Mauer gepult auf dem jüdischen Friedhof bestattet. So erzählte es uns der Guide. Ich wage es nicht, direkt an die Mauer zu treten, ich fühle mich falsch, will mich nicht einschleichen. Ich weiß gar nicht, was ich klagen sollte, also sage ich in gebührendem Abstand still Danke. Ich stehe demütig in drei oder vier Metern Abstand entfernt und beobachte, wie die Frauen traditionsgemäß nach dem Gebet rückwärts von der Wand zurücklaufen. Ich bin nicht nur ehrfürchtig, ich habe auch eine leise Angst in mir. Überall stehen Soldaten, ganze Ansammlungen, wieder mit Maschinengewehren. In meinem Hinterkopf schwingt immer die Vorstellung mit, dass jetzt und hier etwas passieren könnte. Dass das Wort zu Gott jäh unter Schüssen und Explosionen verstummt. Es geschieht aber nichts. Als wir aus der Zone um die Mauer treten, bin ich erleichtert.

Grabeskirche

Ich sitze gerne in Kirchen, im geschützen spirituellen Raum, und komme zur Ruhe. Ich dachte, hier in der heiligen Stadt wäre der Ort fürs Runterkommen. Dieser Gedanke ist naiv und beinahe dumm. Wir gehen in die Grabeskirche, die zu den größten Heiligtümern des Christentums zählt. Meine Hoffnung, einen Moment zur Ruhe zu kommen, wird jäh zerschlagen, als wir die Kirchen betreten. Tausende von  Menschen. Am Eingang wird der Boden geküsst. Hier soll Jesus gekreuzigt und begraben sein. Vertreten sind in diesem Gebäude das griechische Patriarchat von Jerusalem, die römisch-katholische Kirche, die armenische apostolische Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien, die koptische Kirche und die äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche. Sie alle haben eigene Altäre. Es ist wunderschön. Aber – es ist auch laut und unangenehm. Die Menschen reden, glotzen neugierig, fotografieren – entehren schon beinahe. Wir zünden trotzdem eine Kerze an. Im griechisch-orthodoxen Bereich, weil wir die römisch-katholische Sektion nicht finden (die mir als Protestantin zumindest die nächste wäre). Ich meine, Kirche ist Kirche, ich nehme das nicht so genau, Hauptsache Glauben, aber da ist gerade ein Gottesdienst und das wirkt alles sehr befremdlich, die Kleidung des Priesters, seine Sprache. Sehr weit weg von meinem Glauben irgendwie. Aber wir gehen mal davon aus, dass Jesus die Kerze schon finden wird, auch wenn ich für die evangelische Kirche in Deutschland Steuern zahle.

Vom Suchen und Finden

Die meisten Menschen, die Jerusalem besuchen, sind aus spirituellen Gründen hier. Das spürt man. Vielleicht sind sie auf der Suche nach etwas, vielleicht wollen sie auf der Suche nach ihrem Gott sich selbst finden, vielleicht wollen sie etwas nah sein oder näher kommen, von dem sie nicht wissen, ob sie es glauben sollen. Ich weiß nicht, ob man in Jerusalem finden kann. Oder ob man hier, in der heiligen Stadt, nicht mehr Fragen als Antworten begegnet. Und wieder habe ich diesen Satz im Kopf: Homo homini lupus est. Er löst sich beim Spazieren durch die Stadt langsam auf und die Wölfe werden in meinen Gedanken handzahm.

Während wir wieder zurück nach Tel Aviv fahren – diesmal haben wir beide keinen Sitzplatz, wir haben scheinbar die Reise nach Jerusalem verloren – denke ich darüber nach, wie wunderbar es ist, dass die Menschen irgendwie doch zusammen leben. Trotz unterschiedlicher Gebete, Bücher und Symbolik. Trotz allem.

Vier Tage danach. Tote. Terror. Trauma. Ich bin traurig, schockiert und voller Fragen. Aber zugleich bin ich noch nicht einmal überrascht.

Homo homini lupus est.

2 Kommentare bei „Himmel über Jerusalem“

  1. Danke für Deinen Bericht und die ihn untermalenden schönen Bilder.

    1. Sehr gerne, Wolfgang. Bald folgen (hoffentlich:-))noch die Berichte aus Tel Aviv und Tiberias.

Schreibe einen Kommentar