Malen nach Zahlen oder: Politik für alle

Ich bin kein politischer Mensch. Ich meine, natürlich – ich interessiere mich für Politik, ich sehe das als Pflicht als Bürgerin eines demokratischen Landes. Aber ich mache keine Politik. Andererseits: Bringen die Rechte, die diese Staatsform schafft, nicht auch Pflichten mit sich? Sollte ich mehr Politik machen? Sollten wir alle mehr Politik machen?

Ich werde jetzt nicht über die Frage referieren, warum Menschen diese braunen Fritzen beklatschen, denn Fakt ist: ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Aber darum geht es mir an dieser Stelle nicht. Denn eigentlich macht es mir einfach nur Angst. Ich höre diese Nachrichten, diese menschenverachtenden Reden, mir kommt fast das Kotzen und ich komme immer wieder auf dieselbe Frage zurück: Was kann ich tun, damit wir nicht in ein paar Monaten von einer braunen Scheißewelle überschwemmt werden? Was kann ich tun, damit das Horror-Szenario, dass die Rechten – wenn es ganz, ganz blöd läuft – zweistellige Prozentpunkte verzeichnen könnten, nicht eintritt? Was kann ich persönlich tun, um meine Stimme zu nutzen? Was so hoch gegriffen klingt, basiert nicht auf meiner Annahme, dass ich meine, die Welt verändern zu können. Ich bin da recht pragmatisch. Auch wenn ich ziemlich stark bin und echt viel ins Fitness-Studio gehe, kann ich sie nicht alle mit meinen Händen zerquetschen. Aber als Teil der Gesellschaft, als Teil der Demokratie, möchte ich zumindest im kleinen gesellschaftlichen Rahmen einen Beitrag dazu leisten, dass wir in einem nach meiner Auffassung gerechten Land leben. Aber wie?

Ich hatte in den letzten Wochen und Monaten viele Gespräche über Politik und Gesellschaft – ich meine: wer nicht, es gab ja genügend Anlässe dafür. Ich habe in Tansania mit ein paar Locals dort über die politische Lage und Präsidenten Magufuli gesprochen. In Israel habe ich in einem jüdischen Museum und im Gespräch mit einem amerikanischen Juden, der der israelischen Armee beigetreten ist, viel über die Lage dort gelernt. Mit einem US-amerikanischen Journalisten habe ich über – na was wohl – Trump gesprochen. Wir leben im Paradies, wenn ich das so vergleiche. Das sind vielleicht extreme Beispiele, aber dennoch, so oder so, wir hatten’s bisher doch wunderbar, es war alles ganz bequem eingerichtet, wir lümmelten alle auf unseren durchgesessenen Sofas, haben manchmal Nachrichten geschaut und uns ein bisschen aufgeregt, aber das hatte doch alles gar nicht so richtig viel mit uns und unseren Leben zu tun. Aber: Die derzeitige Lage macht mir Angst. Ich sehe das Paradies wankend. Vielleicht war es zu gemütlich auf dem Sofa, in der Horizontalen, vielleicht haben wir einmal zu oft in den leicht zerschlissenen Stoff gepust. Vielleicht fängt es langsam an zu stinken. Es ist wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns aufrappeln sollten, um das Fenster öffnen und frische Luft reinzulassen.

Ich lebe nach einem relativ klar definierten Wertesystem. Naja, zumindest arbeite ich dran. Die Maxime menschlichen Handelns sollte meiner Meinung nach Nächstenliebe sein. Bedingungslose Nächstenliebe. Im ersten Moment mag das wohl naiv klingen. Wir lieben uns alle, wir beten für Weltfrieden, bla bla bla. Im zweiten Moment, und wenn man genauer drüber nachdenkt, ist das weder naiv noch einfach. Das ist überhaupt nicht einfach, mitnichten. Auf Basis dieses Wertes muss ein politischer Vertreter meines Erachtens ein Menschenfreund sein. Denn er vertritt die Meinung anderer Menschen und sollte zu deren Wohl entscheiden. Das funktioniert dann schon nicht mehr, wenn jemand Schwarze, Syrer, Schwule oder andere nicht ganz in sein Schema passende Gruppen ausschließt, denn dann ist diese Nächstenliebe nicht mehr bedingungslos. Trump handelt nicht aus Nächstenliebe, sondern aus Egoismus, das kann man recht deutlich erkennen, das zeigt er ja immer wieder und gerne, er kokettiert ja schon beinahe damit, genauso wie all diese europäischen rechten Parolenschwinger. Auf der anderen Seite wurden sie gewählt – von Menschen, die ganz offensichtlich ein anderes Wertesystem als ich leben, und zwar eines, das mit Nächstenliebe so rein gar nicht zu tun hat. Das halte ich für enorm bedauerlich. Und darüber hinaus für sehr gefährlich. Man kann das im Prinzip sogar als Verstoß gegen Paragraph 1 unseres Grundgesetzes interpretieren. Die Würde des Menschen, heißt es da, nicht die Würde eines Deutschen oder die Würde eines in geordneten Verhältnissen lebenden, verheirateten Familienvaters.

Und dann liegen wir da auf der Couch rum. Ich will eigentlich auch aufstehen und lüften gehen, aber ich bin ratlos. Ich habe mit einem deutschen Politikverdrossenen diskutiert, der eigentlich nicht einmal mehr wählen gehen möchte, der enttäuscht von Politikern und deren – wie er sagt – Verlogenheit ist. Das ist die Endstation der Demokratie, oder nicht? Wenn einer so enttäuscht ist, dass er seine Rechte nicht mehr nutzen will. Ich will irgendetwas tun, aber ich weiß nicht, was. Ich möchte keiner Partei beitreten, dafür müsste ich zu einhundert Prozent vom Parteiprogramm überzeugt sein, aber das gibt es für mich nicht. Ich habe den Eindruck, vor zwanzig, dreißig Jahren war es normal, für eine bestimmte Partei zu stehen. Man machte bei jeder Wahl das Kreuz hinter derselben Farbe. Vielleicht liege ich da auch falsch, aber mir scheint es so, als würde man sich heute bei jeder Wahl neu orientieren müssen. Außer diejenigen, die sich diesen Rechtspopulisten an den Arsch gehängt haben, denn die wissen scheinbar immer ganz genau, welches Kästchen sie ausmalen. Mir fehlen irgendwie die klaren Aussagen, alles verschwimmt in einem Brei aus Zurückhaltung, Beschwichtigung, political correctness und Ja-nichts-falsches-sagen-wollen. Vor jeder Wahl beschäftige ich mich intensiv mit den Programmen, klicke den Wahl-o-Maten durch und entscheide mich dann. Es gibt aber in meinen Augen keine andere Möglichkeit, als genau das zu tun, rauswinden geht nicht. Ich finde, als Teil unserer Gesellschaft, als Teil der Demokratie, gibt es nichts schlimmeres, als nicht wählen zu gehen. Nicht wählen zu gehen heißt doch im Umkehrschluss, denen, die nicht zum Wohle aller Menschen handeln, den Weg zu ebnen. Ich bin der Meinung, es ist vorteilhafter, eine Partei zu wählen, die nicht komplett die eigenen Wertvorstellungen vertritt (gibt es das denn überhaupt?), aber zumindest keine Schädigung anrichten.

Aber ist das genug? Ist es genug, hin und wieder mit einem Kugelschreiber ein x in ein Kästchen zu malen? Oder sich auf Facebook über Höcke zu echauffieren? Eigentlich reicht es mir nicht. Aber ich weiß – ganz ehrlich gesagt – nicht, was ich ansonsten machen kann. Ich bin im Kopf schon verschiedene Möglichkeiten durchgegangen. Irgendetwas zur Flüchtlingsintegration? Ganz viel darüber schreiben und sagen, was man scheiße findet? Oder einfach nur ein wenig Nächstenliebe verbreiten? Und – ist das dann genug? Eine Freundin engagiert sich bei der Integration von Flüchtlingen in München, Über den Tellerrand kochen heißt das. Mir gefällt das Projekt, gemeinsam mit Menschen aus aller Welt über das Essen – bekanntermaßen eine meiner Lieblingsbeschäftigungen – ins Gespräch zu kommen und damit Integration zu fördern. Darüber hat sie Kontakt zu Personen geknüpft, denen sie im alltäglichen Leben ein wenig Unterstützung bietet, zum Beispiel bei der Suche nach einer Wohnung. Mit der Integration von Menschen aus anderen Kulturen den Ausländerfeindlichen die Stirn bieten? Halte ich schon mal für einen guten Ansatz. Ist es das, was ich tun sollte? Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Ich bin immer noch ratlos.

Ich habe mich der Politik in verschiedenen Formaten angenähert: Über Literatur, ich beschäftige mich gerade mit Ingeborg Bachmann, die sich ihrerseits wiederum mit der politischen Lage Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg beschäftigt hat, ich interessiere mich für bildende Kunst, die immer auch die gesellschaftlichen Strukturen abbildet, ich informiere mich in Zeitungen, Radio, Fernsehen, online. Und dennoch konnte ich die Frage nach dem, was mir zu tun möglich ist, noch nicht beantworten. Wie ich mich selbst einbringen kann, ohne zur Politikerin zu werden.

Mein Vater sagt, die Regierung ist das Spiegelbild der Gesellschaft. Was die Amerikaner sind, haben wir jetzt gesehen. Wenn die Regierung also wirklich das Spiegelbild unserer Gesellschaft ist, dann sollten wir dringend mal wieder unser schmutziges Gesicht waschen, bevor wir im September diesen Jahres in den Spiegel schauen.

Reinwaschen funktioniert aber bestimmt nicht, in dem man weiter in seinen Sessel pupst, sondern aktiv wird und die Seife in die Hand nimmt. Und wie das aussehen kann, darüber sollten wir alle uns mehr Gedanken machen.

Schreibe einen Kommentar