Tapetenstimme

tod, abschied, trauer, liebe

Das große Eisentor empfängt uns weit geöffnet und verschluckt uns sogleich. Zur zweiten Reihe auf der rechten Seite gehen wir in Reih und Glied hintereinander her, ein wenig zögerlich, eigentlich wollen wir dort nicht hin. Ich wünschte, dass es diesen Ort nicht gäbe.

Irgendwann stehen wir doch dort, alle vier verteilen sich um den von Steinen durchzogenen Erdhügel, der bedeckt ist von trösten wollenden Blumenkränzen und -gestecken in rosa, rot, weiß und grün. Sie erfüllen ihre Aufgabe nur unzureichend; als hätte man ein paar Tropfen eines lieblichen Parfums über ein ausgelaufenes Schwefel-Fass geträufelt. Mit einem Mal wird mir die Banalität dessen bewusst, was am Ende eines Lebens geschieht, welche Banalität der Bedeutsamkeit eines Lebens entgegensteht, wenn die Biochemie die Soziobiologie ablöst. Weil ich nicht weiß, wohin mit meinen Beinen und Armen und Gedanken, schraube ich an der Kerze herum, lese die Schrift auf den Bändern zum zwölften Mal und meine, sie beim Verblassen beobachten zu können.

In Liebe und Dankbarkeit.

Schon als mein rechter Fuß das Laminat im Flur zum ersten Mal berührt, spüre ich die klimatische Veränderung in der Wohnung. Es ist alles, wie es immer war, und doch ist nichts, wie es immer war. Im blauen Zimmer das Bett. Eine Leopardendecke verhüllt die kalten Laken, aber sie scheint sich der Tragik ihrer Aufgabe nicht bewusst zu sein. Sie tut so, als wäre nichts geschehen. Im Apricot-Zimmer steht der Sessel und darauf sein Antlitz, noch jung (jünger) und ganz platt und sprachlos, aber es lächelt milde. Der Laminatboden davor ist von seinen Pantoffeln spiegelglatt geschliffen; niemand darf auf dem Sessel Platz nehmen, niemand die Füße auf den Spiegel stellen. Der ganze Raum flüstert, murmelt, schreit von ihm und über ihn – die Kissen auf dem ledernen Sofa, die Bücher im Regal, sogar der sonst so kühle Glastisch. Und die Tapete und der Boden verströmen einen Duft von Weisheit und Güte, der mir in die Nase steigt und die Tränen in die Augen treibt. Ich weine warme Tropfen in mein Taschentuch. Ich weine um die Gespräche, die wir nicht mehr führen werden, um die Geschichten, die er nicht mehr erzählen wird, die Worte zwischen uns, die für immer der Stille der Vergänglichkeit zum Opfer gefallen sind.

Ich weine um ihn und mich, um die Endlichkeit des Lebens und die Bedeutungslosigkeit unseres Daseins.

Als ich irgendwann nicht mehr näher bestimmen kann, warum ich weine, gehe ich wieder zurück ins blaue Zimmer. Sie steht da und sieht einsam und traurig aus und ich weiß auch nicht, wie sie in diesem Augenblick anders aussehen sollte. Die Wohnung ist in Paare gegliedert. Zwei Bettdecken- und Kissenbezüge, zwei Tassen, zwei Teller, zwei Paar Hausschuhe. Alleine für zwei leben oder die Paare zweiteilen, das scheint beides ausgeschlossen, es ist doch eigentlich alles wie immer. Ich frage mich in diesem Moment, wo die Liebe hingeht, die weit über ein halbes Jahrhundert zwischen ihnen war, die sich in Kindern und Kindeskindern vermehrt hat. Wo geht die Liebe hin, wenn einer weggeht, obwohl niemand Goodbye gesagt hat und jetzt auch keiner mehr Auf Wiedersehen sagen kann? Es muss das größte Glück auf Erden sein, so zu lieben und geliebt zu werden, und nur das größte Glück kann zu diesem allergrößten Schmerz führen. Der Schmerz wird übergriffig, wenn man sich eines Tages nur noch ans Glück erinnern darf; mit ihrer Trauer zeichnet sie die Größe und Form ihrer und seiner Liebe nach. Sie haben Ja gesagt und Danke, immer wieder, sein letztes Danke ist kaum im Raum verhallt; man hört es noch schwingen, wenn man ganz leise ist. Die scharfe Kante der zerrissenen Liebe schneidet mir ein bisschen ins Fleisch, wieder muss ich mir ein Taschentuch ins Gesicht drücken, damit ich nicht den Raum flute.

Ich will ihr eigentlich sagen, dass es mir leid tut, dass ich versuche, zu verstehen, und dass ich mit ihr trauere; aber stattdessen umfasse ich mit meinen Fingern ganz zart ihre schmale Hand und lege in diese Geste sämtlichen Trost, den ich zu formulieren imstande bin.

Alles hier atmet ihn aus und nichts daran atmet mehr ein. Ich blicke noch einmal zurück, bevor die Tür ins Schloss fällt, denke still Adieu und fürchte den Moment, in dem ich den Fuß auf das Laminat setze und mir kein Ausatmen mehr entgegenströmt.

Und während ich mich fürchte, kommt mir ein Gedanke und eine Gewissheit: dieser Atem wird nie vergehen. Niemals. Wir atmen ihn weiter, Kinder, Kindeskinder, weiter und weiter, er durchströmt Lungenflügel und Herzkammern, setzt sich an Blutkörperchen und formt die Stimme.

Er hat sein Versprechen an sie eingelöst.

Immer und für immer.

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