Kompliment #19

KomplimentsKalender, WunderbaarerAdvent

Du bist eine starke Frau, die sich – egal in welchem Alter – durchs Leben beißt.

Bei Omi Zuhause war mein zweites Zuhause. Da roch es im Garten nach Dill und in der Küche nach Gulasch, die überfütterte Katze schleifte ihr dickes Bäuchlein über den Teppichboden und in der Speis lag immer was zum Naschen. Ich habe so viele Yes-Törtchen gegessen, dass es nach der Einstellung der Produktion kein Problem für mich war, ich habe schließlich vorgegessen für schlechte Zeiten. Samstag war immer Omi-Tag. Sie hat gekocht und gebacken und wir haben gegessen und gegessen und gegessen. Das ging damals noch problemlos, in dem Alter setzt das ja noch nicht an. Und dann durften wir Fernsehschauen und jederzeit Nutella essen (das war im ersten zu Hause ja nicht so ganz einfach, ich sag’ nur Erziehung und so). Bei Omi durfte man halt immer ein klein wenig mehr. Bei ihr habe ich das Nähen gelernt und ein bisschen auch das Kochen. Ich habe unzählige gestickte Bilder und gestrickte Pullover von ihr bekommen und später das gülden verzierte Geschirr und ein paar Möbelstücke. Omi, die einen ausgesprochen grünen Daumen hat, hat mir auch ein paar Tipps gegeben, wie das mit mir und den Pflanzen vielleicht noch was wird (du musst mit denen sprechen, dann wachsen die viel besser), aber leider bin ich da ziemlich entwicklungsresistent.

Als wir älter wurden, verlegten wir unseren samstäglichen Besuch ein Stockwerk tiefer, luden noch ein paar Freunde ein und belebten in Papas Tradition den Partyraum wieder. Manchmal kam sie im Morgenmantel nach unten und gratulierte, oder wir gingen nach oben und gratulierten, wir hatten die perfekte Feiersymbiose gebildet. Wir waren eine große, feiernde Familie. Was sie da jahrelang an Lärmbelästigung und Zerstörungstendenz unter und über ihrem Fernsehsessel ertragen musste – ohne sich auch nur einmal zu beschweren – das muss große Enkelliebe sein.

Irgendwann ist der Opa nicht mehr in seinem Ohrensessel in der Küche gesessen und sie war auf sich gestellt. Sie kümmert sich seitdem alleine – wobei ich glaube, sie hatte daheim auch schon vorher die Hosen an – um die Organisation ihres Lebens, sie geht zur Krankenkasse und diskutiert für ihr Recht, sie ist die Eventplanerin ihres Altenclubs (ja, das heißt wirklich so!) und wenn mal ein unpassender Werbeanruf kommt und jemand fragt, ob sie, die Frau B am Apparat oder zu Hause sei, dann antwortet sie Wissen Sie, die Frau B ist eine vielbeschäftigte Frau, die ist auch nicht immer daheim. Natürlich, wir kümmern uns alle um die Organisation unseres Lebens, aber sie ist bald 90 und macht noch ihr Ding. Dass jetzt alles so viel langsamer geht, will sie eigentlich nicht akzeptieren, aber langweilig kann es ihr ja eigentlich gar nicht werden, bei diesen ganzen Hobbies.

Danke für das zweite zu Hause und dass du mir zeigst, dass man als starke Frau sein Leben selbst in die Hand nehmen muss.

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