Musik in meinem Körper

musik patti smith

Irgendwo zwischen der zweihunderteinundsiebzigsten Spotify-Playlist und dem Abhandenkommen der Vinyl-Platten aus meinem Kinderzimmer habe ich meinen Musikgeschmack verloren.

Seit es auf Spotify (und man braucht, wenn man mit Werbeunterbrechungen leben kann, noch nicht einmal dafür zu bezahlen!) sämtliche Musik frei verfügbar gibt und ich auf Youtube fast alle Songs, die mir so in den Sinn kommen, einfach ansehen kann (Danke übrigens, GEMA), bin ich überfordert. Ich springe von Song zu Song, von Playlist zu Playlist und verliere mich in der Fülle an Musik. Ich kann mich überhaupt nicht mehr fokussieren auf etwas wirklich hörenswertes, weil ich bereits nach kurzer Zeit zum nächsten Song hüpfe. Ich möchte mal wieder die Tiefe der Musik wahrnehmen, die Message einer Band interpretieren, ein Album von vorne bis hinten durchhören und die Texte bewusst verstehen.

Und wenn ich an diesem Punkt angelangt bin, dann lande ich regelmäßig bei den Titeln, die ich seit zehn oder noch mehr Jahren kenne. Nein, liebe! Weil ich sie mit etwas verbinde. Mit großen Emotionen, mit Karaoke-Nächten, die zu Cheese-Burger-Morgen wurden (als ich noch Fleisch aß, wohlgemerkt) und Konzerten, die so klein waren, dass ich nur den Arm hätte ausstrecken müssen, um dem Sänger in die Gitarren-Saiten zu greifen; ich kann aber leider nicht Gitarre spielen. Das ist meine musikalische Heimat. Wenn ich dahin zurückkomme, ist alles gut. Geborgenheit für meine kleinen Öhrchen.

Ich saß vor etwa fünfzehn Jahren in meinem Kinderzimmer und habe mit einem dieser Staubkissen (keine Ahnung wie diese Teile heißen), ganz vorsichtig jeden noch so kleinen Fussel aus den Rillen der schwarzen Platte gewischt. Dieses Auflegen, das Platzieren der Nadel und dann das Drücken auf Play, um einen kraftvollen Ton, hinterlegt mit knisternden und knackenden Improvisationen zu hören: Wundervoll; die fragile Zerbrechlichkeit des Vinyls, das zarte Aufsetzen der Nadel auf der Platte und dann diese Energie, die aus den Lautsprechern dröhnt. Ich traue mich kaum, es schwarz auf weiß festzuhalten, aber neben meiner Verehrung der Stones bin ich Elvis-Fan. Ich habe diese zwei oder drei Platten, die ich finden konnte – im Regal meiner Eltern und auf einem furchtbar schlecht sortierten Flohmarkt – so oft angehört, dass ich mir jetzt, in genau diesem Moment, auch erklären kann, warum ich die Scheiben nirgendwo mehr finden kann: das Material muss wohl durch die ständige Reibung mit der Nadelspitze pulverisiert und der Erdatmosphäre übergeben worden sein. Wenn einer was davon findet, her damit, ich stehe immer noch furchtbar auf Elvis Presley. Ich habe sogar die DVD seines Konzerts von ’68 in meinem Sideboard, das mit dem schwarzen Leder-Outfit. Vielleicht ein bisschen peinlich jetzt. Aber ich möchte ja schon gerne die ungeschönte Wahrheit darlegen.

Als wir damals, kurz nachdem wir laufen gelernt hatten – kurz vor dem Abitur also – immer in den zwei Party-Kellern unserer Clique saßen, durchlebte ich einige Musikstile. Als wir bei Bob Marley ankamen, war ich kurz davor, zum Rastafari-Glauben überzutreten und als mein Bruder mit seinen Metal-Freunden den Raum beschlagnahmte, suchte ich irgendwann das Weite. Wenigstens er ist der Musik treu geblieben; und auch dem Metal. Hat sich selbst Gitarre und Schlagzeug spielen beigebracht, spielt in zwei Bands und ist wohl einer der wenigen Menschen, die ich persönlich kenne, die sich so in ihrer Leidenschaft verlieren können, dass sie sich bei deren Ausübung eine Schleimbeutelentzündung zuziehen, ohne es zu merken. Jedenfalls, zwischen Raggae und Death Metal war da noch diese Rock-Phase, in der ein paar meiner Freunde sich zu einer Garagen-Rock-Band formierten und Songs von Juliette and the Licks, den White Stripes, Kings of Leon (als die noch nicht bekannt waren, waren die der Wahnsinns-Kracher, würde ich behaupten) und den ganzen Kollegen gecovert. Das war rhythmisch nicht immer ganz korrekt, dafür aber richtig laut und ziemlich cool. Ja, wir waren tatsächlich extrem cool. Ich vor den Instrumenten, die anderen dahinter. Auf Rock bin ich hängengeblieben. Wenn ich eine Live-Band höre, mit virtuos gespielten Instrumenten, dann spüre ich das wieder, da bin ich zu Hause. Deshalb war eines meiner musikalischen Highlights tatsächlich die beiden Deep Purple Konzerte, in die ich eher zufällig als absichtlich reingeraten bin. Beim ersten Mal hätte bei einem Festival Oasis als Headliner auftreten sollen, aber am Tag zuvor haben sich die Guten überlegt, dass sie sich ja eigentlich ziemlich kacke finden und lieber nicht mehr zusammen auftreten möchten. Das wiederum fanden die meisten Zuschauer ziemlich kacke. Nach dem dritten Song der Ersatz-Headliner Deep Purple, allerspätestens aber nach Smoke on the water war mir klar: das hier, das ist so viel besser als eine Ansammlung zickiger Rock-Diven, die sich nicht um ihr Publikum scheren. Denn das hier sind lauter alte Herren, die seit gefühlten hundert Jahren auf den Bühnen dieser Welt unterwegs sind und ihre Instrumente so unfassbar detailliert beherrschen, dass mir beinahe die Tränen kamen. Als ich wenige Monate später noch einmal Karten für Deep Purple angeboten bekam, habe ich natürlich sofort Ja gesagt.

Ich fand Bob Dylan übrigens schon immer großartig, auch bevor er einen Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat. Wahrscheinlich, weil der Text in einem meiner all time favourites I want you nicht in schnöden Sätzen wie baby I love you so much formuliert sind, sondern Zeilen wie The drunken politician leaps / upon the street where mothers weep / and the saviors who are fast asleep / they wait for you beherbergen. Wie gut ist das denn bitte? Würde man als Frau gerne mal hören. I want youDafür gibt’s nur zwei Erklärungen: Entweder ist dieser Typ dauerstoned oder er ist tatsächlich ein literarisches Genie.

Im CD-Regal meines Vaters habe ich vor Jahren Patti Smith entdeckt, fand es mäßig gut, habe es höchstwahrscheinlich einfach nicht verstanden. Bis mir jemand gesagt hat: Lies mal ihr Buch Just Kids. Gesagt, getan. Wieder Patti Smiths Musik gehört. Ich bin schier durchgedreht, dass ich diese Genialität nicht schon eher erkannt habe. Da meine Mutter sehr aufmerksam meinen musikalischen Schwärmereien zugehört hat, bekam ich kurz darauf eine CD-Sammlung all ihrer großen Alben. Eine CD-Sammlung! Wie schön! Ich habe zwar kurzfristig überlegt, wo in meiner Wohnung es noch einen Schlitz gibt, in den ich diese CDs stecken und der diese dann auch tatsächlich auslesen könnte. Ich fand einen an meinem Laptop. Jetzt liegen die Lieder zwar auf meinem iPod, aber die CDs – sind wir mal ehrlich – mit ihren Covern und der Tatsache, dass man sie anfassen kann, sind einfach so unglaublich viel cooler. Im Regal machen sich Platten sogar noch cooler, aber ich habe es seit Jahren nicht geschafft, den Plattenspieler in meine Wohnung zu transportieren. Liegt vielleicht auch daran, dass meine Platten verschwunden sind und die meiner Eltern ihnen Heiligtum und Leidenschaft sind; wenn auch leider recht wenig benutzt.

Es gibt schon immer noch Bands oder Alben, an denen ich hängen bleibe. Die ich in all ihrer Tiefe genießen kann und die ich mehr als einmal durch meinen Lautsprecher jage oder mit meiner Stimme durch die Dusche. Oder die ich aus Tansania mitgebracht habe. Bongo Flava, geiler Scheiß (pardon). Keine große Kunst, aber bewegungsfördernd. Aber manchmal fühle ich mich in der Musik-Flut ein bisschen verloren und wünsche mir die Zeit zurück, als Musik etwas wertvolles, weil teures war. Mit elf war es das Highlight, die Backstreet Boys CD vom Taschengeld zu kaufen, die vierte in der Musiksammlung, und dann wurden diese vier so lange gehört, bis es eine neue gab. Oder man musste so lange vor dem Radio sitzen, bis das ersehnte Lied kam und hat mit zwei Fingern gleichzeit Rec und Play gedrückt.

Mittlerweile habe ich sogar Menschen gefunden, die Musik nicht nur konsumieren, sondern wirklich anhören. Ich muss da noch ein paar Mal in die Diskussion gehen. Tanzend, das versteht sich von selbst. Oder wie mein Vater: der setzt sich ab und an abends mit Kopfhörern, einem Glas Wein und einer Zeitschrift in die Küche und genießt jeden einzelnen Ton.

Wenn mein Körper sich beim Musik hören mal ruhig verhalten würde, dann könnte ich es genauso machen. Wenn mein Körper sich ruhig verhalten würde. Denn der genießt mehr mit pulsierendem Ausdruckstanz und zumeist schief hervorgebrachten Tönen aus seinem Mund denn mit stillem Lauschen. Warum nur die Ohren mitmachen lassen, wenn es der ganze Körper kann?

2 Kommentare bei „Musik in meinem Körper“

  1. wenn du mal 45 Minuten übrig hast, und Lust verspürst es deinem Vater gleichzutun, dann möchte ich dir hiermit das Album “I forget where we were” von Ben Howard (gilt m. E. für jedes seiner Alben) an’s Herz legen. Ich könnte mir vorstellen das du dich darin genauso verliren könntest wie dein Vater in seiner Musik.

    Liebe Grüße!

    1. Danke! Wird auf jeden Fall gemacht. Die 45 Minuten nehme ich mir.

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