Was bleibt.

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Seit vier Wochen habe ich wieder deutschen Boden unter den Füßen und deutsche Worte im Mund. Und immer wieder die Frage in den Ohren: Bist du wieder so richtig hier angekommen? Das hat mich zum Nachdenken gebracht, ich habe schließlich jedes Mal versucht, eine kluge und inspirierende Antwort zu geben. Da ich Reflexion zu einem meiner größte Hobbies zähle und Aufschreiben ja bekanntlich die Reflexion fördert, mache ich das doch gerade mal.

Zunächst: Jetzt lassen wir mal die Kirche im Dorf. Ich war nur drei Monate weg. Nur drei Monate. Lächerlich. Aber: diese drei Monate waren intensiver als alles, was ich in den letzten zwei Jahren erlebt habe. Ich habe höchstwahrscheinlich in einer Blase gelebt, denn auf eine sehr verwirrende Art war diese Zeit höchst surreal und meines üblichen Raum-Zeit-Kontinuums entrückt. Jeder Tag in Tansania war abenteuerlich, neu und emotional. Und dann bin ich wieder hier, in einer Stadt, die gerne mal schläft; deren Gemütlichkeit dazu führt, dass die Farbänderung der Blätter so kurz vor dem Herbst die einzige Veränderung zu sein scheint.

Vor vier Wochen hat mich also dieses Flugzeug unsanft aus seiner kleinen Tür in die Realität zurückgeschubst. Zu dieser Realität gehört auch, dass mein Koffer sich dazu entschieden hat – und ich kann es ihm nicht verdenken, ich kann ihn vielmehr sogar verstehen – noch ein wenig länger auf Reisen zu bleiben. Ich hätte nur gerne früher als am Münchner Flughafen von dieser Entscheidung erfahren. Da stand ich dann. Vor dem Schalter. Eine halbe Stunde (oder war das eine ganze Stunde?). Mein Gehirn war nicht mehr zu klaren Gedanken fähig nach über 13 Stunden an Flughäfen und in Flugzeugen. Schlafen im Flugzeug ist nicht gerade etwas, das ich zu meinen Stärken zähle; drei Minuten einnicken ist für mich das Höchste der Gefühle. Aber dann laufe ich irgendwann, traurig über den schmerzhaften Verlust, aus dem Gepäckband-Käfig in die freie Wildbahn und da steht mein großer Bruder mit einem Freund und meine schlaftrunkenen Augen und mein gebrechlicher Körper wollen sich noch im Stehen von der Umarmung und großer Wiedersehensfreude direkt in einen Schlafzustand auf der Schulter des Bruders begeben. Doch zur gleichen Zeit bin ich so voller Adrenalin, so voller Aufregung, dass ich auf dem Rücksitz im Auto hin- und herrutsche – soweit der Sicherheitsgurt das eben zulässt. Ich sitze in einem Auto, das schneller als 60 Stundenkilometer fährt, auf einer deutschen Autobahn, auf der rechten Fahrbahnseite – Wahnsinn. Als wäre ich nie woanders gewesen. Das Wetter ist nicht besonders gnädig mit mir, ich komme aus einer Stadt mit Temperaturen von derzeit über 30 Grad Celsius und fröstele jetzt in kühlem Nieselregen. Zuhause großes Hallo und Wie geht’s, Schön, dass du wieder da bist und Annäherung. Viele, viele Worte wechseln den Besitzer. Kleine Feier am Wochenende, aber eigentlich nicht meinetwegen, sondern weil der große Bruder unfassbar alt geworden ist. Dennoch darf ich auch mit Freunden und Familie sprechen, essen, lachen. Ich sitze am Lagerfeuer, bin noch nicht richtig angekommen, lasse aber meinen Körper in der Wärme der Flammen ankommen. Ich will erzählen, von allem und jedem, aber wo fange ich an und wo höre ich auf? Kann man drei Monate in drei Sätzen zusammenfassen?

Geld verdienen wär mal wieder gut

Und dann geht es gleich los. Ich laufe Montagmorgen ins Büro und es ist, als hätte ich am Freitagnachmittag die Tür zuletzt zugeschlossen. Es fühlt sich an, als wäre ich nie weg gewesen. Nach ein paar Tagen Arbeit habe ich ein kleines Motivations-Loch. Ich weiß noch nicht so richtig, wohin mit mir und meinen Erinnerungen, mit den Eindrücken, die sich in den Nächten durch mein Gehirn fressen, weil sie das durch ständig neue Zufuhr in Tansania noch nicht konnten. Ich wache um drei oder vier Uhr nachts auf und manchmal weiß ich nicht, wo ich bin. Das legt sich nach knapp zwei Wochen wieder, auch das Tief verzieht sich langsam. Neue Aufgaben im Büro, neues Projekt zu Hause – Hallo, mein Name ist Wunderbaar, ich bin wieder da.

Mensch…

Und jetzt sitze ich hier und versuche, moralischen und kulturellen Input durch ein Sieb zu pressen und zu Worten zu verarbeiten. Ich höre meine Afrika-Musik (wie den Tag zuvor und den Tag davor und den Tag davor) und frage mich, ob ich jemals müde davon werde, ob ich jemals satt bin, mich mit der Köchin tanzend in der Küche oder mit Rhythmus im Daladala durch die Stadt fahren zu sehen. Da ich mich für Menschen begeistere und mein Interesse an meinen Mitmenschen schon fast an Neugier grenzt, gibt es natürlich etwas dazu zu sagen. Ich weiß nur nicht, wie ich in wenigen Sätzen über die Menschen dort schreiben soll, denn ich habe solche getroffen, die liebevoll und fürsorglich waren, die ihr letztes Hemd gegeben hätten, die sich aufgeopfert haben und ich habe andere getroffen, die gelogen und betrogen haben, die den Hals nicht voll bekommen haben und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren. Und alles andere zwischendrin. Mit einigen schreibe ich noch, das sind die, die Heimweh verursachen.  Fremdheit verbindet, Fremdheit macht Zungen locker und Gespräche tiefgründig. Ich weiß nicht, wie lange die Freundschaften halten, die ich dort geschlossen habe, vielleicht hören und sehen wir in einem halben Jahr nichts mehr voneinander. Wer weiß das schon?

Eines kann ich über die Menschen fast problemlos verallgemeinern: Leichtigkeit und Entspanntheit. Ich vermisse das, das fehlt mir hier und manchmal vermisse ich das an mir selbst. Selten wurde mir so unkompliziert Hilfe angeboten; hier mal ein Telefonat, da noch ein Handgriff und schon war alles geregelt, ohne dieses Ja, aber, das man hier nur allzu oft hört. Es gibt irgendwie keine Probleme, die nicht auf findige Art und Weise sofort und unprätentiös gelöst werden könnten. So ist das doch auch: Man kann natürlich drei Stunden jammern. Man kann aber auch einfach machen. Das muss ja nicht immer perfekt sein, aber vom gar nix tun ist auch noch nie eine Lösung vom Himmel gefallen.

Ich habe zum Thema Menschen übrigens auch einen Wunsch mitgebracht. Ich wünsche mir, dass die Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen – aus welchen Beweggründen auch immer – in Deutschland leben, nicht belächelt oder zur Angepasstheit gezwungen werden. Ich wünschte, die Deutschen oder sonstige westliche Gesellschaften, die sich gerne mal für die Krone der Schöpfung halten (oder sind das nur einige dieser unfassbar engstirnigen Stammtisch-Brüder, die irgendwelche, am Grunde ihres fünften Bierglases herausgefischten Meinungen lautstark kundtun?), aufhören zu fordern, dass Menschen, die nicht von hier kommen, bereits nach zwei Tagen sämtliche kulturelle Feinheiten auf magische Weise inhaliert und sich angeeignet haben. Ich habe mich nach drei Monaten immer noch nicht ans Zu-spät-Kommen gewöhnt, wie soll sich jemand also in zwei Tagen seine Lebensführung, alles was er gelernt und erfahren hat, einfach abgewöhnen? Ich wünsche mir mehr Offenheit. Mehr Zuhören. Mehr Mitdenken – Mitdenken, Freude schenken. Wir müssen uns alle anpassen, keine Frage, aber nicht nach zwei Tagen. Das ist meiner Meinung nach das größte Problem in der Flüchtlings-Thematik.

Fühlst du das auch?

Ich habe nicht das Gefühl, die Welt bewegt zu haben, aber ich bin noch an ein paar Sachen dran. Die auch nicht die Welt bewegen werden, aber vielleicht ein wenig das Befinden der Involvierten inklusive meines. Das ist doch schon mehr, als man zu hoffen wagen darf. Es ist eine Mischung aus dem Gefühl, etwas Sinnstiftendes getan zu haben und zugleich alles bis ins kleinste Detail überanalysiert zu haben, das mich auf den Boden zurückholt, die ich Fragenden zu vermitteln versuche, die ich Menschen beschreibe, die denken, sie könnten tatsächlich die Welt retten und darüber nachdenken, etwas ähnliches im Bereich Entwicklungshilfe (und das Wort finde ich ja eh scheiße!) zu tun. Vielleicht müssen wir uns damit zufrieden geben, nicht die ganze Welt, aber einen klitzekleinen Mikrokosmos zu ändern, der möglicherweise einen Schmetterlingseffekt bewirkt – ich mag Schmetterlinge. Und Effekte sowieso.

Der Effekt meines Aufenthaltes auf mich: Ich habe Heimweh. Ich werde wieder hinfliegen und Urlaub dort machen, möglicherweise sogar nächstes Jahr. Es wird nie wieder so sein wie damals, als ich dort gelebt habe, als das mein Zuhause war. Ich werde diese Zeit nie wieder zurückholen können, mich nie wieder so fühlen wie in jenen Monaten. Aber wenn es nur ein klitzekleines bisschen so sein wird wie damals, dann wird das der Himmel auf Erden. Ich bin so unendlich dankbar über das Durchsetzungsvermögen meines abenteuerliebenden Alter Ego (gegen mein sich von Zeit zu Zeit in die imaginäre Hose pinkelndes vorsichts- und sicherheitsliebendes Ich), das mich dazu verleitet hat, den Flug zu buchen, den ganzen Organisations-Kram zu erledigen, in diesen Flieger zu steigen, kurzum: meinen Arsch hochzubekommen. Ich bin glücklich. Mehr denn je.

Langsam verblasst die Erinnerung und die Tansania-Sezenerie in meinem Kopf hüllt sich in den Schleier eines Traumes. Ich versuche, mich jeden Tag daran zu erinnern, damit ich das, was ich derzeit ständig in meinem Hinterkopf mit mir herumtrage, niemals vergesse werde. Ich will nicht vergessen, dass ich jeden Tag in Tansania aufgewacht bin und glücklich war, egal, ob sich gerade Dramen abgespielt  oder mich Menschen emotional berührt haben. Ich habe mich ein bisschen verliebt, ich habe ein bisschen gelitten, ich hatte mehr als einmal Tränen in den Augen, ich habe gelacht wie eine Verrückte, ich habe gegessen wie eine afrikanische Königin und gefeiert wie eine Beyonce-Imitatorin.

Ich bin entwurzelt. Ich habe neue Wurzeln in roter tansanischer Erde geschlagen. Ich habe alte Wurzeln, die in der Luft hängen und nirgendwo unter die Erde wollen.

Es ist völlig egal, wie viel Zeit vergeht, man muss die Zeit nur gut zu füllen wissen. Es ist natürlich einfach, fern der Verpflichtungen des Alltags in einem fremden Land Glück zu finden, wo man seine Verantwortung an der Flugzeugtüre mitsamt der Hoffnung auf erholsamen Schlaf abgibt. Aber – und jetzt lasse ich mich zu ein wenig Pathos und Abgeschmackheit hinreißen: Wir müssen uns mehr Intensität ins Leben holen. Das ist unsere eigene Verantwortung. Wir haben das viel mehr in der Hand, als wir zumeist wahrnehmen (wollen). Das geht nicht jede Minute oder jeden Tag. Dafür muss man aber nicht nach Tansania gehen (obwohl es ungemein hilft). Ich weiß nur eins: wenn man jammert und den Arsch nicht hochkriegt, wird sich nichts ändern. Man muss auch nicht immer die Umstände ändern, manchmal reicht es, die Perspektive zu ändern. Ich will nicht mehr jammern, weil ich unzufrieden bin. Ich will mich daran erinnern, wie glücklich ich in Tansania war, obwohl ich nicht nur Schönes erlebt habe. Das Gefühl, jeden Morgen aufzuwachen und glücklich zu sein, trotz allem, was um mich herum passiert. Ich will diese Leichtigkeit nicht vergessen, ich will auch die Schwere nicht vergessen. Ich will mich an diese tiefe innere Zufriedenheit erinnern. Hätte mir einer vorher gesagt, was in diesen drei Monaten passiert – ich hätte es ihm nicht geglaubt.

Jetzt habe ich es niedergeschrieben, jetzt ist es in Worten gefangen und kann mir hoffentlich nicht entwischen.

Ich war nur drei Monate weg. Nur drei Monate. Lächerlich.

Lächerlich grandios.

P.S. Ich esse gerade Pilau (ein Reis-Gericht) mit den Fingern. Auch das werde ich mir bewahren (nur nicht im Restaurant und meine Mutter fand’s auch nicht so geil, aber allein, daheim, in meiner Küche… Ich finde ohnehin, dass wir eine haptischere Beziehung zu unserem Essen haben sollten).

2 Kommentare bei „Was bleibt.“

  1. So ein schöner Text! Ich konnte komplett mitfühlen. Drei Monate… Mir ging es auch schon nach drei Wochen so wie dir. Reisen ist einfach was wunderbares.

    P.S. Auch wenn ich euch nicht kenne, ich finde, du solltest den Reis ruhig auch vor deiner Mutter mit den Fingern essen. Oder deine Freunde dazu einladen, um ihnen zu zeigen, was du auf deiner Reise erlebt hast 🙂

    1. Liebe Anna, danke für deinen Kommentar. Ja, ich werde immer skrupelloser, was das Essen mit den Fingern angeht ? Ich vermisse das alles schon sehr…

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