Papas Paradies

Papa, ich bin in deinem Paradies.

Ich glaube, wenn du dort hingehen würdest, würdest du nie wieder nach Hause gehen. Du würdest ein Zelt und deine Augen aufschlagen, du würdest dich setzen und mich versetzen.

Ich bin in den Usambara-Bergen, im Nordosten Tansanias, wenige Busstunden von Tanga entfernt (wie viele es genau sind, lässt sich nicht sagen; der Tansanier würde sagen zwei, ich würde sagen fünf). Ich wollte wandern gehen, ich wollte auf den Kilimanjaro, einen Punkt auf meiner Lifetime Bucket List abhaken. Doch der Preis für die Besteigung ist relativ gesehen so hoch wie der Berg selbst und absolut betrachtet höher als mein Budget. Da ich mir trotzdem gerne Höhenluft um die Nase wehen lasse und Wandern den von Sansibar ach so befüllten Kopf frei machen könnte, trample ich mir eben woanders einen Pfad. Ich habe einst, als ich Tanga im Bikinihöschen einen Besuch abstattete, eine Bergkette staunend gestreift und träumte von echten Berührungen (meiner Trekkingschuhe mit dem Felsen). Dann lese ich Die Usambara-Berge liegen im Nordosten von Tansania, unweit der Küste des Indischen Ozeans und der Grenze zu Kenia in der Region Tanga. Das Tal des Luengera/Lwengera-Flusses trennt die kleineren East von den weitaus größeren West Usambara Mountains. Beide Teilgebiete sind teilweise noch mit Resten sehr alter (> 30 Mio. Jahre) Wälder bedeckt und von herausragender Bedeutung für den Natur- und Artenschutz.

Und dann will ich da hin; nicht als Ersatz, nicht nur, weil des Kilis Geldgier mich angewidert abstößt, sondern auch, weil ich ein leises Rufen höre (komm, besteige mich) und ich leisen Rufen grundsätzlich – meiner Neugier geschuldet – folgen muss.


Tag eins. Steven, mein Guide, und ich fahren mit dem Auto von Lushoto nach Bumbuli und werden dort vom Fahrer in die Wildnis geschubst und unserem Schicksal überlassen. Wir wandern durch das westliche Usambara-Gebirge über Straßen, die in staubiges Rot getaucht sind und ab und an in die Feuchtigkeit des vergangenen Regens. Immer wieder passieren LKWs den Weg; hier wird gebaut, hier wird geschaufelt. Zur Mittagszeit will Steven essen, aber wir finden einfach keinen Platz, um uns zu setzen, deshalb fahren wir per Anhalter mit einem LKW zwei, drei Kilometer weiter, um uns dann doch in eine Wiese am Hang zu setzen. Dort bereiten wir in höchst effektiver Arbeitsteilung Guacamole zu, immer mit der Angst im Nacken, dass unsere Utensilien den Berg herunterrollen könnten. Nach etwa einer weiteren Stunde des Einen-vor-den-anderen-Fuß-setzens erreichen wir einen dieser Millionen Jahre alten Regenwälder; man sieht es dem Mazumbai aber nicht an. Frisch und grün und feucht wie eh und je steht er herum und rauscht und zirpt und zwitschert wie damals, als die Gummistiefel noch aus Holz waren.


Kurz darauf erreichen wir unser Nachtlager, ein Haus, das sich von den fünfziger Jahren nicht verabschieden konnte. Die Küche, die Möbel, der offene Kamin, die Bücher in den Regalen und die Fotos an den Wänden – es scheint, als wurde seit dem Bau durch die deutsche Familie nichts von seinem Fleck bewegt. Auch die Stromversorgung des Hauses ist in den Fünfzigern stehen geblieben: Der gute, alte Siemens-Wasserkraft-Generator sorgt immer noch für die elektrische Versorgung des Hauses. Damals wurde das ganze Dorf damit erleuchtet; heute reicht es nicht einmal für die Erwärmung der Dusche. Als sich langsam ein Grauschleier über all das Grün legt, laufen wir zum Zeitvertreib noch ein wenig durch die Landschaft, vorbei am Dorf und an mit Reifen spielenden Kindern. Kurz bevor sich der Vorhang der Nacht über die grau-grüne Flora legt, bin ich bereit, mein Zimmer aufzusuchen. Im Haupthaus ist kein Platz mehr, sagt Steven und übergibt mich der Kehrseite eines älteren Mannes in Gummistiefeln, folge ihm. Er trägt eine Machete in der einen und eine Schaufel in der anderen Hand. Wenn er jetzt von der immens großen Klinge Gebrauch macht, kann er mich anschließend wenigstens ordentlich beiseite räumen. Mein Tag endet frierend nach einem üppigen Abendessen und mit dem Wunsch nach einer warmen Dusche. Steven schleppt zu diesem Zweck einen Eimer kochend heißes Wasser durch die kalte Nacht zu meinem Zimmer und wünscht mir gute Nacht. Und dann besteht mein größtes Glück aus einem Schwall heißen Wassers in einem von der Taschenlampe des iPhones beleuchteten, weil ansonsten lichtfreien Badezimmer, in guter Gesellschaft zweier Heuschrecken.

Tag zwei. Es regnet. Wir sind in einem Regenwald, das ist der Natur ihre Logik. Und ein Bananenblatt war der Fräulein ihr Regenschirm, eigenhändig vom Machetenmann geschlagen. Mein Guide hat sich nämlich einen Herrn mit Buschmesser zu Hilfe geholt. Er weiß alles über die Pflanzen und über den Regenwald. Alle zwei, drei Meter bleiben wir stehen und ich lausche und lerne: Jede Pflanze hat eine Heilwirkung, ob Blätter, Rinde, Äste, Wurzeln, ob aufgekocht, zerrieben oder aufgestochen. Von Kniebeschwerden über Mandelentzündungen bis hin zu Menstruationskrämpfen könnte ich hier sorglos alle Krankheiten und Schmerzarten in meinem Körper willkommen heißen und wäre binnen zwei oder drei Tagen wieder rückstandsfrei genesen. Als ich beinahe alles über die Pflanzen gelernt habe, sprintet der Messermeister mit etwa 60 Kilometern pro Stunde über den regennassen Waldboden, der noch dazu über und über von Blättern bedeckt ist und sich mit mindestens 60prozentiger Steigung in den Himmel oder wahlweise ins Tal lehnt. Er sprintet mit seinen profillosen Gummistiefeln, ich rutsche mit meinen profilbedeckten Trekkingschuhen hinterher (Tempo 0,5 Kilometer pro Stunde) und komme aus dem Staunen nicht heraus: Der Mann kann kein Englisch, aber er hat Grip, wo andere schwimmen. Als der Weg so unwegsam wird, dass ich nur noch schlittere, schaufelt er mir mit der Machete noch eben ein paar Stufen zurecht – wenn er sie nicht gerade braucht, um die Zweige vor unseren Köpfen deutlich in ihre Schranken zu weisen. Irgendwann ist das Abschlagen der Äste ein sinnloses Unterfangen, es sind zu viele, ich halte meine Hände schützend vor das Gesicht und breche brutal durch das Dickicht. Steven, der hinter mir läuft, schreibt währenddessen seiner Frau noch eine Nachricht auf dem Handy. Ich kann hinsichtlich meiner Ungebübtheit noch nicht einmal mit der Ausrede aufwarten, dass ich ein Großstadt-Mädchen bin. Oder fangen Großstädte schon bei knapp über 50.000 Einwohnern an? Ich klammere mich an Äste, an Stevens Hand, hangle mich von Liane zu Liane. Ich bin so fokussiert auf den Weg und das Heben und Senken meiner Füße, dass ich minutenlang vergesse, nach links und rechts zu sehen. Der Regenwald ist schön, schau hin! Vor und hinter mir wird Swahili gesprochen, ich verstehe nur einzelne Wörter und vertiefe mich sodann in meine eigenen Gedanken. Jetzt fällt mir wieder ein, warum ich so gerne wandere, laufe, renne: Gleichförmige Bewegungen des Körpers fördern die Tätigkeit der Hirnströme.

Nach der Mittagspause, in der wir uns den Wanst vollschlagen und einer kurzen, aber durchaus einschläfernden Rast vor dem Kaminfeuer, trotten wir schwerfällig durch das Gebüsch und erreichen bald einen kleinen Wasserfall. Steven mag es, vor und hinter der Kamera zu stehen. Der Wasserfall ist ein dankbarer Hintergrund für das nun folgende Fotoshooting: Er nimmt meine Kamera, knipst mich (die es irre liebt, fotografiert zu werden) bestimmt dreitausend Mal. Dann ist er dran, vor der Kamera, und zeigt mir, wie man das professionell macht. Change style, change style! sagt er. Mit Mütze, ohne Mütze, mit Massai-Tuch, ohne Massai-Tuch. In der Hocke, im Sprung, im Stehen, im Gehen. Abends sind wir wieder zurück in der architektonischen Retrospektive und meine Augen neigen sich während des Abendessens und der spontanen Deutsch-Stunde mit Steven gefährlich weit nach unten.

Tag drei. Heute sind Steven und ich wieder in trauter Zweisamkeit unterwegs. Wir halten Ausschau nach Affen, wir hören auch welche, aber die einzigen sichtbaren Affen sind wohl wir beide, mit unseren selbst vom Baum geschlagenen und zu Wanderstöcken geschnitzten Ästen. Mit denen müssen wir hin und wieder deren holzige Artgenossen zurückdrängen. Wir wollen zurück zu unserem Ausgangspunkt des ersten Tages, Bumbuli, und irgendwann werde ich das Gefühl nicht mehr los, dass Steven die Orientierung verloren hat. Als wir nach zwei Tagen menschenfreien Regenwaldes wieder auf Zivilisation treffen, reichen meine Swahili-Kenntnisse dafür aus um zu verstehen, dass Steven nach dem Weg fragt. Zunächst finde ich das amüsant. Dann bekomme ich Hunger. Alle paar Meter fragt er weiter nach dem Weg, ein paar Befragte lachen für meinen Geschmack ein wenig zu hämisch und irgendwann befinden wir uns auf einem von ihm so genannten Shortcut, ein steiler Trampelpfad neben der Hauptstraße, der meine Beinmuskulatur stark herausfordert. Meine Laune sinkt proportional zum Ansteigen meines Hungergefühls. Als ich ihn zum dritten Mal frage, ob wir uns verlaufen haben, stehen wir plötzlich an unserem Ausgangspunkt, wo wir vor drei Tagen losgelaufen sind. Meine Beine verschaffen sich Gehör, in dem sie lodernd brennen, mein Magen knurrt alle vorbeilaufenden Hunde beiseite und mein Gesichtsausdruck lässt die Bewohner Bumbulis fluchtartig in Deckung gehen. Steven bugsiert mich mit Panik in den Augen an die nächstgelegene Futterstelle. Kaum habe ich Reis und Bohnen und Gemüse in meine körperliche Mitte verfrachtet, sind meine Mundwinkel wieder beflügelt. An der Bushaltestelle steigen wir in einen Van und machen uns auf den Weg zurück nach Lushoto.

Dann fällt mir siedend heiß etwas ein: Peinlich Mama, ich habe vorher nicht nachgesehen, wie das Usambara-Veilchen aussieht. Ich dachte, das finde ich schon. Ich habe es nicht gefunden; ich habe dir kein Bild mitgebracht. Eine Botanikerin wird aus mir nicht mehr – aber eine stille Bewunderin, das bin ich. Still bewundern, das kann ich ganz hervorragend.

Das zeigt sich abends, als wir uns ein letztes Mal auf den Weg machen – diesmal aber mit dem Auto, denn meine Beine streiken. Wir fahren zum Irente View Point und ich erwarte einen weiteren Sonnenuntergang, wie ich sie die letzten Wochen häufiger genießen durfte. Dann kommen wir oben an und ich kann nicht fassen, was ich dort sehe. Das ist nicht nur ein weiterer Sonnenuntergang. Das hier nimmt mir die Sprache und den Atem. Ich stehe auf einem Vorsprung in über zweitausend Metern Höhe, die Sonne streift die umliegenden Felsen liebevoll mit einer Farbkomposition aus gelb-orange-rosa-pink-rot. Die drei jungen Männer, die ihre Füße am Rande des Felsens vor mir über dem Abgrund baumeln lassen, werden von der Sonne beleuchtet, als hätte jemand sich diese Szenerie ausgedacht und alles fein säuberlich mit einer Pinzette platziert. Ihre Silhouetten leuchten in zartem gelb-orange, genau wie die Umrisse der Bäume, Berge, Blätter. Ich setze mich in sicherem Abstand zum Abgrund auf einen Stein und starre. Und staune. Und liebe. Genau in dem Moment, als ich denke, dass ich vor Schönheit zugrunde gehen würde, kommt eine libanesische Großfamilie und porträtiert sich selbst lautstark vor dem Abgrund; vor meinen leicht feuchten Augen.


Papa, nimm Mama mit. Fliegt nach Tansania. Fragt nach Steven. Fragt nach dem Mann mit der Machete. Seid sprachlos und atemlos. Verlauft euch im Paradies. (Aber esst vorher was.)

Übrigens: Kilimanjaro, du bist mich noch nicht los. Irgendwann trample ich dir schon noch
kraftlosen Fußes auf deinem steinernen Haupte herum.

Do you miss your family, fragt Steven. I don’t know, sage ich. The mountains are not meeting, but the people do, sagt er.

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