Knapp unter den Wolken

Fliegen habe ich nie in die Kategorie “Bevorzugte Beschäftigungen” meiner alljährlich aufzuräumenden Hobby-Ablage einsortiert. Weil: Bei jedem Luftloch setzt meine Atmung arhythmisch aus. Bei jeder minimalen Änderung der Geräuschkulisse fallen in meinen Gedanken gleichwohl die Triebwerke wie auch die Elektronik aus. Ich bin womöglich der einzige Mensch an Bord, der sich tatsächlich Gedanken darüber macht, wo die Schwimmwesten verstaut sind (denn wer hört schon bei den Sicherheits-Einweisungen zu, wenn sie denn überhaupt einmal ungenuschelt hervorgebracht werden?). Ich sehe mich hin und wieder einsam in einer Schwimmweste auf dem Ozean paddeln, wo jedoch – und das ist wohl das Gute an der Sache – verborgen bliebe, dass ich mich vor Angst eingenässt hätte.

Multiple Maßnahmen habe ich bereits ergriffen, um das Sitzen in einem sich etwas zu weit über dem Boden befindlichen Vehikel in eine komfortablere Kategorie abzulegen: Das vielfache Fliegen in enormen Menschenmengen transportierenden Maschinen beispielsweise sowie das Fliegen in minimal kleinen und sich ebenso minimal schnell bewegenden Maschinen, deren beider Flugfähigkeit mir jedoch seit jeher und für immer unbegreiflich bleibt – trotz durchaus verstandener Erklärungen der physikalischen Vorgänge. Tatsächlich: Die Atemaussetzer wurden weniger, die Suche nach der Schwimmweste weniger dringlich. Ich quetsche keine Nachbarhände mehr blau und grün, ich schaue sogar interessiert aus dem beschlagenen Fenster ins Blaue und Grüne. Die Angst sitzt nicht mehr kalt atmend im Nacken, sondern altklug lächelnd auf dem Schoß, wo ich ihre Fratze – zeitweise erfolgreich – unter meiner sicherheitsgeprüften Handgepäckshandtasche verschwinden lassen kann.

Und dann stehe ich am Flughafen auf Zanzibar, der so schnuckelig wie dilettantisch wirkt, dass ich ungewollt und unbewusst an den Kompetenzen der Arbeiter im, am und unter dem Flugzeug zweifle. Zu guter Letzt bleibt mir jedoch ein Gedanke: wir wollen ja alle nicht sterben. Und solange der Pilot keine Anzeichen von Lebensmüdigkeit zeigt, ist davon auszugehen, dass zumindest er uns in einer der Rettung bedürfenden Situation zu retten versucht. Oder uns gar nicht erst in eine solche bringen wird. Ich will also den Luftweg nach Tanga begehen, um hernach mit den Füßen auf festem Grund (oder auch rollenden Sitzes) an mein Ziel zu gelangen. Eine kleine, aber nicht klitzekleine Maschine öffnet allzu hungrig ihre Tore und der einweisende Westen-Träger dirigiert mich nach vorne rechts. Ich halte das für einen netten Scherz, blicke auf das Armaturenbrett, die Pedale und das Steuer und wieder zurück in die dunkelbraunen Augen über dem grellorangenen Stück Plastik. “Are you sure?” “Yes.” Und schon klettere ich die ausgeklappte Leiter ins zwölf weitere Personen fassende Flugzeug. Neben mir ein casual gekleideter Mann mittleren Alters, der wohl – angesichts seines gewählten Sitzplatzes – der Pilot sein muss. Kurioserweise macht mich die Sichtbarkeit des Steuermannes nervöser als sein üblicher Aufenthalt hinter verschlossenen Türen. Falls er mir unsympathisch wirken würde, könnte ich dann ruhigen Gewissens und ohne panische Zuckungen in Herz und Lunge bereitwillig nebenan sitzen, ohne beherzt ins Steuer zu greifen? Ein kurzes Schwätzchen, ein wenig Drehen und Drücken auf und an Knöpfen, Rädern und am Sitz, und ich beschließe, ihn als vertrauenswürdig, wenn nicht sogar sympathisch einzustufen.

Millisekunden freier Fall – normal. Dennoch: Arhythmik. Kurz. Dann Beobachten, Lernen, Staunen. Blick nach unten. Arhythmischer Lidschlag über leicht gehobenen Mundwinkeln. Innen weitaus gehobenere Mundwinkel bis stilles lautes Lachen. Contenance. Der Pilot soll ja nicht gestört werden. Nein Fräulein, nicht die Hände auf das Steuer legen; nicht versuchen herauszufinden, was passiert, wenn der dritte Knopf von links neben dem runden, kryptische Zeichen auswerfenden Bildschirm gedrückt wird; nein, auch nicht die Fußpedale betätigen. Ganz ruhig, Fräulein, ganz ruhig.

Das Türkis des Zanzibarischen Strandes wird immer dunkler, je weiter sich das Blickfeld vom weißen Sandstrand entfernt. Unter uns breitet sich der Ozean wie ein Stück blau gefärbte Alufolie aus, das die Mutter nach dem Gebrauch auf einer Salatschüssel zerknittert zurückgelassen hat. Tiefes Blau, durchzogen von feinen weißen Linien. Die Entfernung ist messbar auf dem einen der vielen Bildschirme, aber längst nicht mehr schätzbar.
Wir streifen die Wolkendecke leicht von unten (ich bin nicht sicher – höre ich sie leise grinsen oder grummeln?); die in die Knie gegangene Oberflächenspannung des Wassers und die sandbedeckten Inseln offenbaren ihre still-kräftige Eleganz damit bis zuletzt.

Mein Körper im Rhythmus. Von oben bis unten. Das Handgepäck vor den sportlich beschuhten Füßen gelagert.

Und dann fragt er mich: “Do you want to fly?”

Schreibe einen Kommentar