Körper im Ozean

Wieder zurück vom Bad im Indischen Ozean habe ich festgestellt, dass ich kein einziges Foto vom Wasser gemacht habe. Ich wollte, aber als ich das Bild auf dem kleinen Screen des iPhones mit dem echten Bild vor mir verglichen habe, war ich enttäuscht und packte das Handy wieder weg. Wenn ich solche Bilder auch einfach auf google finden kann, sind es dann wirklich meine? Ich habe beschlossen, alles ganz detailliert zu betrachten, damit es sich in meinen Kopf einpflanzt und habe Worte für die gewaltige Schönheit gesucht. Das kann nicht annähernd gelingen; aber der Versuch steht in krummen Sätzen hier.

Körper im Ozean.

Kurz bevor man vom Rand Afrikas in den Indischen Ozean hineinfällt, landet man in einer Stadt, die heißt wie anderer Leute Schlüpfer. Wie häufig am Rande eines Kontinents, wo Land auf Wasser trifft, gibt es dazwischen einen schmalen Abschnitt namens Strand. Da steht nun ein Körper und guckt.

Die Sonne steht im Lot über dem Horizont und wirft sternförmig Strahlen in alle Richtungen des oberen hellen Blau. Nicht einmal Wolken trauen sich, die akkurate Geometrie des Himmels zu stören. Im unteren tiefen Blau jedoch bäumt sich das Wasser gewaltvoll und wenig symmetrisch auf und gen Himmel, um damit rotzfrech die Idylle zu stören.

Die Füße tragen den Körper immer weiter über den brennend heißen Sand; sie machen erst kurz vor dem Nass Halt. Die Arme streifen flink das Kleid vom Körper, sodass die Sonne die weiße Haut liebevoll umschmeichelt und der Wind es ihr sofort gleich tut, allerdings weniger zärtlich. Das Wasser wirft sich noch etwas träge auf die Füße, nur bis zum Knöchel, bis der Kopf danach verlangt, den Indischen Ozean von innen zu betrachten. Der Fleiß der Sonne und die Widerspenstigkeit des Wassers reißen den Körper entzwei – nur bildlich. Die Hüfte hält den unteren kalten Teil mit dem oberen warmen notdürftig zusammen, bis beide Teile unter dem Jubel abertausender Tropfen ins Kalte gestürzt werden.

Isoliert betrachtet ist dieser Körper groß. Relativ gesehen ist dieser Körper sehr klein; gemessen an der Menge der Tropfen im Ozean, der Entfernung der Sonne von der Wasseroberfläche, der Gewalt des Windes über dem Gewässer.

Das Salz des Ozeans trägt den kleinen Körper sanft auf Händen, das Wasser umschließt den Kopf bis zu den Wangen. Das Gesicht blind gegen die Sonne gerichtet, bahnt sich ein furchtloser Tropfen den Weg ins Ohr, bis ein leises Glucksen anzeigt, dass dort kein Platz mehr ist. Ob die Welt nun stumm wird oder das Ohr taub, ist nicht zweifelsfrei zu definieren, sicher ist nur, dass Stille nie melodiöser klang. Möglicherweise ist es das Blut im Kopf, das rauscht, vielleicht ist es auch der Ozean, der leise flüstert; es ist in jedem Fall der Klang, der alle anderen Töne im Kopf verstummen lässt. Der Klang, der Kopf, Arme, Beine, Füße, Hände eins werden lässt.

Stunden später heizt der Wind die immer kälter werdenden Wellen zu Gewalttaten an. Die obere Schicht des Wassers schiebt sich zuerst sanft, dann immer kräftiger gegen die darunter liegende und entlädt sich peitschend und weiß schäumend auf dem schmutzigen Sand, falls sich die Kraft so lange zurückhalten kann. Der Körper will sich durch die Wellen schieben, schwimmt zuerst obenauf, wird schon bald aber von der schäumenden Gischt erfasst. Wasser in Augen, Ohren, Nase, Mund und beinahe in der Luftröhre. Prusten, keuchen, Augen reiben. Die Wellen warten das Ende der Nachbereitung des ersten sowie die Vorbereitung auf das nächste Beinahe-Ertrinken nicht ab. Wieder Wasser in Augen, Ohren, Nase, Mund und drei Tropfen in der Luftröhre. Wieder prusten, keuchen, Augen reiben. Genug der Natur die Stirn geboten. Ein relativ kleiner Körper stolpert nass und kaum bekleidet – also fast wie Gott ihn schuf – aus dem Ozean und kämpft bis zum Knöchel gegen die Wellen, die schubsen und zerren und bis zuletzt um Rückkehr ringen.

Die Körperteile liegen ordentlich sortiert auf dem Sandstrand, unterlegt von blauem Stoff, paniert mit Salz und Sand, kross geröstet von der Sonne.

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