Wie eine Mauer Existenzen verändern kann

Jede Minute hier ist intensiv, lebendig und emotional. Ob ich tanze, esse, ausgehe, schreibe oder mich unterhalte. Alles fühlt sich nach Leben hoch zehn an. Besonders in den Momenten, in denen einem Armut und Krankheit begegnen und man sich für die Tränen in den eigenen Augen schämt, weil sie einzig und allein Hilflosigkeit ausdrücken. Es ist die Hilflosigkeit über das Wissen um unüberwindbare Grenzen zwischen meiner Privilegiertheit und der teilweise vom Leben benachteiligten Menschen hier.

Gestern kam ich genau diesen Menschen sehr nahe. Mit meiner amerikanischen Freundin Kenna habe ich das Projekt besucht, das sie unterstützen möchte. Wir fahren mit dem Daladala weit raus aus der Innenstadt, nehmen ein Tuktuk für den weiteren Verlauf des Weges und laufen noch ein paar hundert Meter. Wir stehen am roten Tor zu Mama Sarahs Haus und klopfen an. Eine andere Frau macht auf und bittet uns, im Garten auf einer Bank Platz zu nehmen, weil Sarah gerade nicht da ist. Es wäre eine Überraschung gewesen, wenn diejenige, die man antreffen möchte und mit der man einen Termin vereinbart hat, tatsächlich da gewesen wäre, insofern bin ich wenig erstaunt. Nach einigem Hin- und Hertelefonieren kommt Sarah mit drei dänischen Mädchen herein und wir unterhalten uns kurz mit ihnen. Das übliche Geplänkel, wenn man Menschen aus anderen Ländern kennenlernt: Wo kommt ihr her, was macht ihr so, wie lange seid ihr hier. Sansibar? Ach ja, da müsst ihr dies und jenes unbedingt machen und lange Kleidung tragen, sind ja fast alles Muslime. Und so weiter und so fort. Schließlich werden die Däninnen abgeholt und wir können in Ruhe mit Mama Sarah sprechen. Ich weiß noch nicht viel über das Projekt, irgendetwas mit kranken Frauen habe ich gehört. Und Kenna hat mir erzählt, dass sie gerne über Fundraising Hühner für die Frauen kaufen will.

Vom Huhn zur Mauer

Sarah zeigt uns ein Sheet, das das Projekt vorstellt und die verschiedenen Punkte, in denen sie Unterstützung benötigen. Mama Sarah betreut eine Gruppe von Frauen, die lebensbedrohlich erkrankt sind, die meisten von ihnen sind mit HIV infiziert. Ich denke, es versteht sich von selbst, dass es hier weder Versicherungen, noch Rente, noch sonstige Unterstützung für Kranke gibt. Ziel der Gruppe ist es, dass die Frauen sich selbst versorgen und nachhaltig wirtschaften können. Sie möchten gerne Hühner und Gemüse züchten und Gewinn bringend verkaufen – das ist die kurze Einführung, die ich bekomme.

Der erste Schritt muss sein, die Mauer nach oben zu ziehen und obenauf Stacheldraht zu verlegen.

Sie läuft mit uns über das Grundstück, das momentan über und über mit Maispflanzen bewachsen ist. Während wir mit den scharfen Kanten der Mais-Blätter kämpfen und ich befürchte, dass einige Tiere sich auf meinem Körper niederlassen werden, die dort nicht hingehören, zeigt sie uns, wo sie den Hühnerverschlag, das Gemüsebeet und den Klassenraum, der für später angedacht ist, platzieren will. Obwohl Kenna zuerst der Meinung war, das Kapital für Hühner aufzutreiben, wird deutlich, dass der Teufel manchmal im Detail steckt. Die Frauen hatten bereits Hühner, allerdings wurden die und das bereits erwirtschaftete Geld aus dem Haus und dem Garten gestohlen, weil die Mauer um das Grundstück nicht hoch genug ist, um Diebe fernzuhalten. Es kristallisiert sich also heraus, dass der erste Schritt der sein muss, die Mauer nach oben zu ziehen und obenauf Stacheldraht zu verlegen. Erst dann macht es Sinn, über Hühner und sonstige Lebensmittel nachzudenken.

Bewegende Haus-Besuche bei den Frauen

Kenna hat Brot und Bohnen als Gastgeschenk mitgebracht, denn wir möchten gerne ein paar der Frauen besuchen. Als wir zu deren Häusern losgehen, schmunzelt Mama Sarah darüber, dass die dänischen Studentinnen vorhin geweint haben, als sie bei den Frauen waren. Ich bin überzeugt davon, dass ich schon zu viel gesehen habe, als dass meine Tränendrüse aktiviert würde. Als wir bei der ersten jungen Frau am Krankenbett stehen und Sarah uns erzählt, dass sie seit drei Jahren mit Tuberkulose im Bett liegt, weiß ich nicht, wie ich es schaffen soll, nicht zu weinen. Sie ist 25 Jahre alt und ihr schmaler Körper liegt auf einem Schaumstoffpolster, das dürftig mit einem Laken überzogen ist. Der Raum befindet sich in einer kleinen, dunklen Lehmhütte, der Boden ist nicht mehr als festgetretener Sand. Sarah erzählt uns, dass es ihr mittlerweile schon merklich besser geht. Kenna gibt ihr die Bohnen und das Brot, und sie schafft es, uns ein Lächeln zu schenken. Sarah, please tell her that we‘re hoping she gets better soon and that we‘re praying for her, bitte ich die Mama. Wieder sehe ich die weißen Zähne aus der Dunkelheit des Raumes leuchten. Ob wir noch Fragen haben, will Sarah wissen. Was soll ich eine junge Frau fragen, die seit drei Jahren ihr Dasein hier fristet; drei Jahre, in denen ich studiert, geliebt, die erste gemeinsame Wohnung mit dem Freund bezogen, in einem sauberen Büro an einem modernen PC gearbeitet habe und am Wochenende ausgegangen bin? Kenna und ich schütteln den Kopf. Sarah fragt mich, ob ich ein Foto machen will. Nein danke, sage ich, ich fotografiere keine kranken Menschen. God bless you, Asante sana, Dankbarkeit und der erneute Versuch eines Lächelns. Wir treten an die frische Luft und ich drehe meinen Kopf weg von Mama Sarah und Kenna. Das, was sich da in meinen Augenwinkeln bewegt, muss sofort gestoppt werden.

Wenn sie nicht an Aids stirbt, dann mit Sicherheit an einer Rauchvergiftung.

Wir gehen zum nächsten Haus. Gleicher Boden, gleiche Helligkeit (nämlich wenig), gleiche Emotionen. Wir stehen in der Hütte einer 69jährigen Frau, die von ihrem Sohn mit HIV infiziert wurde. Sie sieht für ihr Alter und angesichts der schweren Krankheit relativ gesund aus, sie begrüßt uns freundlich und setzt sich auf den sandigen Absatz zwischen den zwei Räumen der Behausung. Hinter uns raucht es aus der Feuerstelle, scheinbar stören wir gerade beim Kochen. Wenn sie nicht an Aids stirbt, dann mit Sicherheit an einer Rauchvergiftung, denke ich – und nein, das ist kein Sarkasmus oder ein geschmackloser Witz, sondern in Anbetracht der Luft in der Hütte Realität. Meist hole sie sich selbst ihre Medizin aus dem Krankenhaus ab, sagt Sarah, manchmal muss Sarah aber auch die Medikamente abholen. Deshalb hätte sie gerne ein Transportmittel zur Verfügung, um schneller in die Stadt zu gelangen und manchmal, wenn nötig, auch die Frauen zu transportieren. Dafür ist aber kein Geld vorhanden. Weiter erzählt sie uns, dass der Sohn der alten Dame dabei war, ein Haus für sie und die vier Kinder zu bauen, aber noch während der Bauarbeiten hat „der Tod ihn getroffen“, wie sie es bezeichnet. Wer das Haus von welchem Geld fertig bauen soll, bleibt ein Rätsel. Um die Kinder kümmert sich die Großmutter außerdem auch noch.

Es scheint, als würde sich mein abstrakter Gedanke von Alfonsinas Leben in der Architektur dieses Gebäudes materialisieren.

Unsere letzte Station ist Alfonsina, ich schätze sie auf Ende 20. Sie lebt mit ihrer Tochter Mary auf einer Baustelle. Der Besitzer des sich derzeit im Aufbau befindlichen Hauses lässt sie dort vorübergehend wohnen, weil sie im letzten Jahr bettlägerig war, nicht arbeiten gehen und damit auch nicht die Miete für ihr altes Haus bezahlen konnte. Jetzt scheint sie wieder einigermaßen fit zu sein, aber der Besitzer möchte an seinem Haus weiterbauen, sodass Alfonsina für sich und die Dreijährige eine neue Bleibe suchen muss. Auf dem Boden liegen die Ausscheidungen eines vermutlich nicht all zu kleinen Säugetieres, keine anderthalb Meter daneben ein Topf mit Bohnen und Ugali. Die grauen aufeinander getürmten Ziegelsteine, die noch nicht gestopften Löcher zwischen Dach und Wänden, die fehlenden Fenster und Türen – alles hier schreit nach Unvollkommenheit. Es scheint, als würde sich mein abstrakter Gedanke von Alfonsinas Leben in der Architektur dieses Gebäudes materialisieren. Inmitten der Baufälligkeit steht blühendes Leben – Mary freut sich besonders über das Brot, das Kenna ihr in die Hand drückt.

Stacheldraht für den guten Zweck

Ist das überhaupt okay, dass wir die Frauen besuchen, immerhin liegen die krank im Bett, frage ich Mama Sarah, als wir uns auf den Rückweg machen. Sie sagt ja, das habe die Gruppe so beschlossen. Es sei etwas anderes, nur darüber zu erzählen, wie die Frauen leben, als die tatsächlichen Verhältnisse zu sehen. Meine Tränen und ich nicken in schwermütiger Einigkeit. Wir kamen mit dem Plan, für Hühner zu spenden und gehen mit der Einsicht, dass eine Mauer mit Stacheldraht manchmal mehr Wert sein kann als jedes Lebensmittel, das hinter ihr wachsen soll. Dass das wiederum auf böse Menschen zurückzuführen ist, die nicht einmal den Ärmsten ihre Lebensgrundlage lassen, lässt mich schon fast an der Gutartigkeit der Menschheit zweifeln. Aber dann ist da Mama Sarah, die sich um sterbenskranke Frauen kümmert, ins Krankenhaus fährt, Medikamente holt und nach dem Rechten sieht. Vielleicht gibt es ja doch was Gutes. Ein bisschen, möglicherweise. Ein Foto machen wir dann auch noch, aber nur von Kenna, Sarah und mir. Das sieht weniger nach Elend aus und wahrt die Intimsphäre der kranken Frauen. Mama Sarah gibt uns Maiskolben aus ihrem Garten mit. Nur einer, sagt Kenna. Nein, du bist in Afrika, nur einer geht nicht. Warum? Weil er ja sonst alleine wäre. Kenna packt schließlich eine ganze Tüte voll Maiskolben in ihren Rucksack. Wir essen die nächsten zwei Tage zu viert daran.

Jetzt aber ein Gedanke für euch: Kenna hat ein Fundraising auf gofundme gestartet, bei dem sie die Kosten für die Erhöhung der Mauer um das Grundstück und den Stacheldraht darauf zusammenbekommen will. Ich selbst spende fast nie, weil ich nie so genau weiß, wo das Geld landet. Und weil ich außerdem der Meinung bin, dass Hilfe zu Selbsthilfe besser ist, aber in diesem Fall brauchen die Ladies einen Anschub, den sie selbst nicht leisten können. Und ich sehe selbst, was mit dem Geld gemacht wird. Wenn sie die Mauer haben, kann ihnen keiner mehr die Hühner stehlen oder das daraus erwirtschaftete Geld. Steht die Mauer, kann sich die nächste Gruppe Volunteers um die Hühner kümmern und um den Gemüse-Garten, sodass möglich gemacht wird, dass die Frauen sich im Laufe der Zeit selbst versorgen können; zum einen durch den Verkauf und zum anderen durch den Verzehr der Lebensmittel. Das wäre ein guter Anfang, denn es fehlt an Nahrung, Wohnraum und Medikamenten. Wie soll man gesund oder auch nur ein wenig gesünder werden, wenn man sich nur eine Mahlzeit am Tag leisten kann und diese aus Mehlbrei oder Porridge besteht? Wir haben hin- und herüberlegt und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Mauer die beste Hilfe ist, die wir geben können.
Für ein paar Euro könnt ihr für Sand, Zement, Arbeitszeit und Stacheldraht spenden und ihr wisst ganz genau, wo das Geld landet. Ich kann es euch nämlich zeigen. Kennas gofundme-Seite findet ihr hier: https://www.gofundme.com/2et4fv6c
Ich sage das auch nur einmal und lasse euch dann damit in Ruhe. Ich hasse Spendenaufrufe nämlich.

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