Gratwanderungen.

Wenn all die Maßstäbe, die man zur Hand hat, nicht mehr ausreichen, um Unschätzbares zu quantifizieren.

Ich habe mich einer Gruppe von Studierenden angeschlossen, die mit den Menschen in einem der Dörfer am Rande von Moshi Interviews führen. Sie wollen dadurch herausfinden, was die Organisation, mit der ich hier zusammenarbeite, für sie tun kann. Die NGO ist übrigens hier zu finden: www.foot2afrika.com. Ich möchte dazu bald mehr berichten (sofern wir dann endlich mal dazu kommen, am Marketing-Konzept zu arbeiten). Die NGO unterstützt nämlich viele spannende Projekte und Gemeinschaften.

Dass es wieder keine Bilder gibt, hat zwei Gründe. Der einfacher zu erklärende ist schlicht und ergreifend der, dass das WiFi so schlecht ist, dass es meistens nicht möglich ist, größere Datenmengen hochzuladen. Und zum anderen komme ich später.

Mission: Marktforschung

Wir fahren mit einem Kleinbus eine halbe Stunde durch Moshi, bis wir fast die Stadt verlassen und biegen dann auf einen von riesigen Schlaglöchern übersäten Weg ein. Wir kommen in einem Dorf an und legen direkt mit der Befragung los. Will heißen: wir spazieren einfach ohne Vorwarnung vor die Häuser der Menschen, rufen sie mithilfe unserer Übersetzerin heraus und befragen sie. Schon im ersten Haus fühle ich mich wie ein Eindringling, ein Schmarotzer, der seine Sensationsgier durch das Schnüffel in anderer Menschen Privatleben stillt. Das ist auch einer der Gründe, warum ich kaum Bilder gemacht habe und schon gar keine Bilder von den Menschen. Ich habe stets eine Hand an der Kamera oder meinem iPhone, weil ich den Drang verspüre, das, was hier gerade geschieht, fotografisch festzuhalten und tue es dann doch nicht. Zu Hause würde ich niemals die Unverschämtheit besitzen, jemanden zu fotografieren, den ich nicht kenne, geschweige denn, seinen Wohnraum abzulichten. Außerdem schäme ich mich, mein iPhone herauszuholen, wenn die Menschen hier nicht einmal Strom zu haben. Was bleibt, sind all meine Beobachtungen, meine ganz eigene Wahrnehmung und die Notizen, die ich mir mache. Die Erinnerung schulend mit Papier und Stift.

Da es sich die vom Regen der vergangenen Tage feuchte Erde im Profil meiner Sohlen bequem gemacht hat, wachse ich in kürzester Zeit zehn Zentimeter in die Höhe. Ich blicke auf viele nackte Füße derjenigen, die es besser wissen, während ich versuche, mich weniger wie jemand zu fühlen, der sich durch die Intimsphären fremder Menschen wühlt. Wo kein Profil, da kein Erdklumpen.

Wir – weiße Eindringlinge

Wir bahnen uns unseren Weg durch Avocado- und Bananen-Bäume und passieren dabei immer wieder kleine Häuser, meist Lehmhütten, vor denen die Menschen langsam, aber geschäftigt ihren Tätigkeiten nachgehen. Die Frauen flechten sich gegenseitig die Haare, die Kinder spielen mit alten Fahrradreifen oder zerbrochenem Plastikspielzeug. Die Männer haben Sensen in der Hand oder sitzen einfach nur herum.

Die Ziegen, die in einem kleinen Käfig aus Holz eingepfercht sind, schreien ein wenig zu aggressiv, als wir an ihnen vorbeigehen.

Der Fragebogen, den wir mit den Menschen durchgehen, wurde vom Manager der NGO Foot2Afrika erstellt. Eine der Kammern meines Marketing-verseuchten Herzens verkrampft sich ein wenig bei dessen Anblick, aber ich halte mich zurück. Ich glaube auch nicht, dass die Auswertung mit SPSS gemacht wird, insofern lassen wir mal die Kirche im Dorf. Immerhin haben wir eine Rücklaufquote, von der jeder ernst zu nehmende Marktforscher nur träumen kann: ganze 100 Prozent nämlich. Und das, obwohl wir nach Krankheiten und Drogenmissbrauch und Armut bohren. Würde jemand an meine Tür kommen und mich fragen, ob meine Eltern Drogen nehmen oder schon einmal im Gefängnis waren, würde ich denjenigen vermutlich zum Teufel jagen. Ich fühle mich wie die reiche, weiße Eroberin, die beim Buschvolk vorbeischaut, um ihnen ihre Probleme aufzuzeigen. Dieses Gefühl verlässt mich bis zum Ende unseres Besuches nicht. Obwohl mir einer hinterher sagt, dass die Menschen hier einfach viel direkter sind. Es hinterlässt so oder so einen schalen Nachgeschmack auf meiner von der Hitze ausgetrockneten Zunge. Ganz nebenbei verbrenne ich mir auch noch meinen Nacken.

Menschen und ihre Geschichten

Die Hunde, die uns während des Gesprächs mit einem 29jährigen umkreisen, sehen ramponiert aus; als kämen sie geradewegs aus einem blutigen Kampf. Es reicht ein Blick in die Umgebung, in der sie hausen, und es wird klar, dass diese Hunde Zeit ihres Lebens wie gerupfte Hühner aussehen. Zumindest scheinen sie Respekt vor ihren Herrchen zu haben, denn sie gehorchen aufs Wort. Der Mann erzählt uns, dass er Beziehungsprobleme hat und seine Frau weggegangen ist und er nun alleine die Kinder versorgt.

Wir sprechen mit einer 90jährigen Frau, die zunächst die Kinder losschickt, um ein paar Hocker zu holen. Genau drei an der Zahl. Unser Befragungs-Team umfasst vier Personen, drei Weiße und eine Tansanierin. Es versteht sich beinahe von selbst, für wen die Hocker gedacht sind, wenn man den Stand der Weißen hier einmal verstanden hat. Sogar die alte Dame bleibt stehen, damit die Msungus sich setzen können. Widerworte machen allerdings keinen Sinn, so viel habe ich nun auch schon gelernt. Als wir zum nächsten Haus gehen, tragen die Kinder uns die Hocker hinterher, wenden kaum ihre Augen von uns ab und flüstern hinter vorgehaltener Hand; sie trauen sich aber nicht, näher zu kommen. Auch nicht, als ich die wenigen Worte auf Swahili vor mich hinbrabbele, die ich inzwischen gelernt habe und mein strahlendstes Lächeln in den Busch werfe.

Eine Frau um die dreißig erzählt uns, dass ihr Mann HIV-infiziert ist und sie sich alleine um die Kinder kümmert. Sie stuft die medizinische Versorgung, die Teil unseres Fragebogens ist, in der Gegend als schlecht ein. Ich denke, in der Schicht, in der wir uns hier bewegen, ist HIV sicherlich keine Seltenheit und dennoch stockt mir kurz der Atem. Jetzt bin ich also angekommen in dem Teil in der Welt, wo es ein ernsthaftes Aids-Problem gibt, wo diese Krankheit, die sonst immer so weit weg ist, plötzlich ganz nah ist.

Zwischen Leben und Tod und Telefon

Während ich auf dem Hocker sitze, fällt mein Blick auf ein Grab, das links von mir aus massiven Steinen aufgebaut ist, ein rotes Kreuz an der Stirnseite. Mitten in Wald, neben der Hütte, wurde hier jemand beerdigt und ist damit immer noch Teil der Familie, immer sichtbar und doch nicht mehr da.

Fast alle Menschen hier haben Handys. Ganz einfache, mit denen sie telefonieren und SMS schreiben können; und aus meiner Sicht eines der wichtigsten Hilfsmittel, um deren Leben zu erleichtern. Bereitwillig geben sie auch alle ihre Handy-Nummern für unseren Fragebogen heraus. Dann höre ich aber immer wieder den Satz “wir hoffen, dass es uns in der Zukunft besser gehen wird, mit Gottes Hilfe”. Ist der gesellschaftliche Status hier auch ein spirituelles Problem? Mit Gottes Hilfe? Bedeutet das, dass die Menschen die Verantwortung für ihr Leben abgeben in fremde Hände und kein Engagement zeigen, weil es die göttliche Macht schon richten wird?

Die meisten der Menschen, die wir hier antreffen, sind selbständig, sind einfache Bauern oder Händler und klagen über zu wenig Kapital. Foot2Afrika will an dieser Stelle helfen, in dem sie den Menschen Trainings anbieten, um erfolgreiche Geschäftsmodelle erarbeiten zu können. Können diese Trainings nachhaltig Wirkung zeigen, wenn die Menschen auf Gottes Hilfe vertrauen?

Kurz bevor die Kinder uns den Weg zurück aus dem Wald zeigen, betrauere ich noch kurz die vielen unverschämt großen Avocados, die auf dem Boden liegen. In Deutschland könnte man die locker für drei Euro das Stück verkaufen.

Glücklich sein oder überleben?

Letztendlich stellen sich mir so viele Fragen, die mir wahrscheinlich niemand jemals beantworten kann. Und je ratloser ich werde, desto näher komme ich stets der Frage nach dem Sinn des Lebens. Während ich für mich beschlossen habe, in all der Nichtigkeit und Endlichkeit unseres Daseins den Sinn meines Lebens darin zu sehen, glücklich zu sein – was ist er bei diesen Menschen, deren Entfaltungsmöglichkeiten auf den Radius ihres Dorfes beschränkt sind, auf den Ertrag der Bananen und Maispflanzen, die von Armut erzählen und von Krankheit?

Kann der Sinn des Lebens der sein, zu überleben?

Ist das Geheimnis das, dass niemand auf die Idee kommt, diese Frage zu stellen? Oder setzen wir als Menschen aus dem Westen einfach nur die völlig falschen Maßstäbe an und hier ist eigentlich mehr Lebensfreude als bei uns? Sind wir hier wieder bei Maslows Pyramide angelangt und damit bei Grundbedürfnissen und Selbstverwirklichung? Und je näher ich mich an den Kern der Frage bohre, kommt mir der Gedanke: Darf man diese Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt laut stellen? Der Besuch im Dorf lässt mich ratlos und (wieder einmal) demütig zurück.

Und kurz danach sitzen wir bei Burger und Pizza in einem Restaurant, trinken Erdbeer-Limonade. Ich plane meinen Abend und denke über das nächste Glas Gin Tonic und Tagesausflüge nach, die ich am Wochenende unternehmen kann. Aber ganz tief in mir hat sich etwas verändert, das weiter reicht als vom Grat bis zum Horizont.

Verrückt, diese Welt, verrückt.

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