Tag 2.

Donnerstag. Ich laufe mit Eva und ihrer Schwester in die Stadt, um von dort aus mit dem Daladala zum Waisenhaus zu fahren.

Wir plaudern ein bisschen über dies und das, bis sich herausstellt, dass ich es hier mit zwei bewundernswerten Frauen zu tun habe. Als wir aufs Heiraten zu sprechen kommen, erzählt Eva mir, dass sie alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Mädchens ist, ihr Mann habe sie im vierten Schwangerschaftsmonat verlassen. Vor Gericht hatte sie keine Chance und nun managed sie ein Hostel und muss stark sein, denn “ich muss für die Kleine Mutter und Vater sein.” Da im Hostel nur ein halbes Jahr lang Gäste sind, muss sie davon leben und dazwischen weitere Jobs annehmen.

Ihre Schwester Monica erzählt, dass sie in Dodoma (die Hauptstadt Tansanias) International Relations studiert und damit einen Bachelor of Arts hat. Sie ist auf der Suche nach einem Job und hilft ihrer Schwester im Hostel. Sie sagt, es sei hart, hier als studierte Frau einen guten Job zu bekommen, da die Arbeitgeber immer davon ausgehen, dass sie ohnehin in Kürze schwanger werden. Same same but different. Irgendwie kommt mir das dann doch bekannt vor.

Die beiden zeigen mir ein bisschen die Stadt. Sobald ich kurzzeitig vergesse, dass ich eine Msungu (weiße Frau) bin, während wir durch die Straßen flanieren, werde ich durch die neugierigen Blicke der Einheimischen daran erinnert. I’m an alien, I’m a legal alien. Sollte man als Deutscher mal gemacht haben, um nachvollziehen zu können, wie sich Flüchtlinge bei uns fühlen. Plus Sprachbarrriere natürlich.

Ankunft am Waisenhaus. Wir platzen mitten in den Unterricht, wo die Lehrerin – ich interpretiere ihren Namen als “Sueva” – neun Kinder zwischen drei und sieben Jahren gerade auf englisch zählen. Neun kurzgeschorene kleine Köpfe mit riesigen Augen drehen sich zu mir um. Der Manager zeigt mir die Räume und erklärt mir ein wenig, was die Kinder hier machen. Er möchte, dass ich der Lehrerin in den nächsten Tagen neue Unterrichtsmethoden zeige. Ich finde das amüsant, da ich keine Ahnung von Pädagogik habe. Die Lehrerin gesellt sich zu Monica und mir und erklärt mir, wie wir in den nächsten Tagen vorgehen. Sie schreibt mir einen Stundenplan (gab es denn vorher noch keinen?) und wir beschließen, dass ich englisch und Mathe und solche Dinge unterrichten kann. Und malen und singen (dazu wäre ich über Hinweise zu einfachen englischen Songs dankbar). Wir fangen jetzt aber erst einmal mit einem Puzzle an. Einfach ist anders, so viel kann ich schon sagen. Aber: ich habe Zeit. Ich muss nicht ungeduldig werden. Ich bin genau dafür hier. Ich habe keine Abendtermine mehr und auch keine Verabredungen. Das fühlt sich gut an – Zeit zu haben. Die Kinder bekommen Mittagessen und müssen davor brav die Hände waschen. Denn unter dem Blick der Lehrerin und der Mamma, die gekocht hat, essen sie im Gang des Hauses auf dem Boden sitzend und mit den Händen. Hier isst niemand mit Besteck, allerhöchstens mit einem Löffel. (Später komme ich auch in den Genuss des Ugali, einem Mehlbrei, mit dem man Soßen aufnimmt. Das muss man mit den Händen essen. Ich denke, ich führe das bei mir zu Hause auch ein.)

Am Nachmittag besuche ich mit Ellie sein Fußball-Camp. Das sind etwa 15 Jungs zwischen 12 und 17, die hier lernen, Fußball zu spielen und zu rechnen und alles weitere, was fürs Leben wichtig ist. Ellie trainiert sie im Fußball und einen Star hat er damit schon hervorgebracht: Benedict spielt mittlerweile als Torwart in der tansanianischen Premier League und ist das Vorbild aller hier. Jeder der Jungs stellt sich mir vor und erzählt, warum er hier ist. Sie alle wollen Fußball-Stars werden. Dafür arbeiten sie hart. Man möchte ihnen fast sagen, dass sie vielleicht nicht alle zu großen Fußball-Stars werden, aber sie sind so überzegt davon, dass ich sicher bin, dass sie diese mentale Stärke im Leben irgendwie weiterbringen wird. Sie leben in einem offenen Gebäude – wenn man es denn überhaupt so nennen kann. Ein wenig wie eine Tribüne sieht das aus, wo die Jungs ihr Nachtlager haben; bei Regen und Hitze, einfach immer. Dort kochen sie und essen, leben und träumen. Während unseres Gesprächs kommt ein Junge mit eingegipstem Arm. Sein Begleiter trägt ein Röntgenbild mit sich, der dünne Arm ist am Ellenbogen gebrochen. Der Junge sagt, er müsse am Sonntag operiert werden, die Operation koste 400.000 Schilling. Ellie meint, er wisse noch nicht, wie die Operation bezahlt werden solle und ich denke kurz darüber nach, ob ich… Aber ich erinnere mich daran, Distanz zu bewahren. Ich kann nicht jedes Mal solch immense Summen zahlen, wenn ich Mitleid bekomme. Ich vereinbare mit Ellie, dass ich den Jungs in den nächsten Tagen am späten Nachmittag Unterricht in Public Speaking gebe. Und ich werde mit ihm zusammen das Konzept der Schule durchgehen und wir denken über Marketing-Strategien nach.

Monica bringt mir ein paar Brocken Kishueli bei. Ich merke, dass mein Gehirn nicht mehr 17 ist und Schwierigkeiten damit hat, Vokabeln zu behalten. Für Monica und Kate ist das wunderbar amüsant. Ich übe das ganze gleich am lebenden Objekt. Die Kioskverkäuferin muss sich meine halben Sätze und falsch ausgesprochenen Wörter um die Ohren schlagen lassen, als ich mir sechs große Flaschen Wasser kaufen will. Ein Spaß für alle Beteiligten! Hakuna Matata, sag’ ich nur.

Ich bin demütig und dankbar und beinahe schäme ich mich ein wenig. Dass ich hierherkommen kann, mit meinem Koffer und meinem Rucksack und zu Hause jeden Tag saubere Klamotten habe und jeden Tag eine Dusche, aus der mehr als vier Tropfen zugleich kommen. Ich schäme mich beinahe, dass ich einen winzigen Moment dachte, ich könnte lehren, wo ich doch nur lernen kann. Am allermeisten, demütig zu sein.

Folgt mir auf snapchat, da erzähle ich auch ein bisschen. Solange die lange Leitung im Hostel das eben zulässt. Und ich muss es endlich schaffen, ein paar Bilder einzufügen. Fotografieren ist einfach nicht mein Ding. Ich versuche, alles ohne Linse vor dem Gesicht wahrzunehmen, ungefiltert aufzusaugen, um es später in Worte zu verpacken.

Schreibe einen Kommentar