24 Stunden bodenlos

Seit ich in den Zug gestiegen bin, fühle ich mich zeitlos, schlaflos, sprachlos. 24 Stunden Transit. 24 Stunden ohne Grenze, ohne Zugehörigkeit. Reisen ist Beziehungslosigkeit.

Ich musste weg, dringend; denn ich habe die letzten Tage so viel gegessen, als würde ich die kommenden Monate rein gar nichts mehr auf den Teller bekommen. Abschiedsfrühstück hier, Goodbye -Lunch da, Farewell-Abendessen dort. Ein kleines Polster kann sicher nicht schaden, wer weiß, wie weich die Matratze in den nächsten Wochen wird.

Am Flughafen kümmern sie sich überaus sorgfältig um die Sicherheit der Passagiere und damit ich keinen Sprengstoff mit über die Wolken nehme, wird ein spezieller Test an meinem Gepäck durchgeführt. Wahrscheinlich, weil ich aussehe wie eine überaus gefährliche Bomben-Expertin.

Im Flugzeug bin ich beinahe sprachlos, denn das Vokabular aller mir bekannten Sprachen reicht nicht aus, um die Worte der anderen Reisenden zu verstehen. Wenigstens hat es der Sitzordnungs-Bestimmungs-Algorithmus gut mit mir gemeint, denn mein linker, linker Platz ist frei. Und am Fenster sitzt eine duftende Asiatin,  die leise ist und freundlich. Ich stutze kurz, als sie sich die Füße eincremt, bin aber nicht sicher, ob ich zu empfindlich bin, weil ich eine Abneigung gegen Füße habe, oder ob das Berühren der eigenen nackten Füße in der Öffentlichkeit eigentlich völlig legitim ist.

Ich tue Dinge,  die ich sonst selten mache: ich esse aus Plastik, schaue ununterbrochen Filme, benutze mein Handy stundenlang nicht. Damit bin ich auch enorm beschäftigt, denn die Zeit vergeht wie im Flug (kann sie im Flugzeug überhaupt anders?) und bald schon setzt das Flugzeug zur Landung an. Dann ist da wieder dieser Moment, der mich beim Fliegen jedes Mal beinahe überwältigt: wenn die Stadt, in der man landen wird, sich im Dunkeln lediglich aus Lichtpunkte zusammensetzt. Abertausende weiße, gelbe, rote, blaue Lichtern, die ein Gemälde der Erleuchtung bilden. Die Straßen sehen aus wie die pulsierenden Adern einer vom Menschen errichteten Epidermis, die in ihrer Künstlichkeit überaus organisch scheint.

Hier sitze ich nun, geografisch da verortet,  wo die nächste Weltmeisterschaft stattfinden wird, während ich die Europameisterschaft verpasse. Welch höchst tragischer Zustand! Für mich als größten Hummels-Fan aller Zeiten! Obwohl dieser Ort auf einer Karte zu finden ist, fühlt es sich an, als wäre ich überall und nirgendwo. In viel weißen Stoff gehüllte Männer und in noch mehr schwarzen Stoff gehüllte Frauen hasten mit wehenden Gewändern an mir vorbei. Mit unfrisierten Locken und einer knallengen – und unfassbar bequemen! – Leggings fühle ich mich fehl am Platz. Ich ignoriere das geflissentlich, Transit ist doch rechts- und kulturfreier Raum, oder nicht?

Wie gut, dass ich geübt habe, mit mir selbst zu sein.  Diese Fähigkeit ist unabdingbar in neun Stunden Transit, bewegungslos im geschützten Raum des Flughafens, alleine mit sich und seinen Gedanken.  Abzüglich der Zeit, das Gate zu suchen und zu boarden, bleiben immer noch acht Stunden. Schlaf ist keine ernstzunehmende Option. Langsam merke ich zwar, dass Nacht ist, aber dennoch ist hier Leben. Was werde ich morgen müde sein!

24 Stunden ist das Klima nur Klimaanlage und das Sonnenlicht ersetzt durch Lampen und Bildschirme. Schlaf ist reine Träumerei. Langeweile? Woher denn, ich habe doch meine Gedanken. Und den Proviant, den ich mit auf den Weg bekommen habe. Ich polstere weiter. Man weiß ja nie.

*Aufgrund technisch eingeschränkter Möglichkeiten fehlt hier ein Bild. Aufgrund von Müdigkeit fehlt möglicherweise Fehlerfreiheit. Ich bitte dies zu entschuldigen.*

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