Kommunikation im Monolog

Früher, als das Telefonieren noch die obligatorische Kommunikationsform war, hing ich mit dem Ohr an einem Hörer – fest mit der Faust umschlossen – und dieser Hörer wiederum war über ein Schweineschwänzchen ähnliches Kringelkabel mit einem Kästchen mit zwölf Tasten verbunden. Falls sich noch jemand erinnert.

Früher war das noch so: Mutter und Vater gingen ans Telefon, wenn es geklingelt hat (besser gesagt: gepiept; keine Spur von mehrstimmigen Klingeltönen), die haben dann durch das ganze Haus nach dem gewünschten Gesprächspartner geschrien und den Hörer weitergereicht. Dann sprach man, körperlich eingeschränkt auf einen Radius von etwa 70 Zentimetern, hat tatsächlich Worte im Dialog ausgetauscht und musste auch ein wenig die Uhr im Blick behalten, denn schließlich wurde minutengenau abgerechnet, nix mit Flatrate und so. Und heute, wo es egal wäre, wie lange man telefoniert – Flatrate, ist ja bereits bezahlt – sprechen wir kaum noch miteinander.

Meine Kommunikation hat sich in den letzten zwei Jahren enorm verändert – also die Kommunikation zwischen mir und einer gezielt ausgewählten Person. Das Ding mit den Plattformen und der breiten Streuung von höchst wichtigen Informationen ist wieder ein anderes. Was sich seit Jahren nicht verändert hat: ich schreibe kurze Nachrichten. Lediglich der Weg, den diese festgehaltenen Worte genommen haben, hat sich verändert. Das geschriebene Wort hat eine Evolution durchlaufen: Alles fing mit einem Zettel an, der unter der Schulbank durchgegeben wurde. Dann haben wir SMS geschrieben. T9. 160 Zeichen. 19 Cent. Dann kam lange nichts. Dann habe ich Mails geschrieben. Dann kam iMessage. Whatsapp. Threema. Telegram. Snapchat (ich weiß, das könnte man auch schon früher einordnen, aber vor ein paar Jahren kannte das ja noch keine alte Sau). Die Nachrichten wurden immer kürzer und bunter, immer häufiger und nichtssagender. Kostet ja schließlich nix. Meine Prämisse jedoch, in sämtlichen Evolutionsstufen: stets grammatikalisch korrekt und mit richtiger Zeichensetzung zu schreiben, selbst bei der kürzesten Nachricht. Darauf lege ich großen Wert und wenn ich Nachrichten von jemandem bekomme, der das nicht tut, dann nervt mich das, sorry. Das hat für mich wohl irgendwie was mit Wertschätzung zu tun – jemand hat sich nicht einmal dreißig Sekunden Zeit genommen, um die richtigen Buchstaben und Satzzeichen zu wählen.

Das Nonplusultra in meiner Kommunikation derzeit aber: Die Sprachnachricht. Man kennt das vom Anrufbeantworter. Also irgendwie auch ein bisschen retro: wenn keiner hingeht, hinterlässt man einen gesprochenen Gruß. Jetzt versucht man nicht einmal mehr, anzurufen, man quatscht direkt minutenlange Monologe in das mobile Telefon und kommt dabei gerne mal vom Hundertsten ins Tausendste. Denn kein Gegenüber vermag den Redeschwall mit Fragen oder Zwischenbemerkungen zu stoppen, ist ja schließlich keiner dran, man spricht im Prinzip mit sich selbst. Dann schickt man die Sprachnachricht ab und hofft, dass der Empfänger die Zeit und Ruhe hat, sich eben jenen Monolog anzuhören. Als ich das erste Mal eine Sprachnachricht bekommen habe, war meine unmittelbare Reaktion: “Wtf?! Warum um alles in der Welt rufst du mich nicht einfach an?” Kurze Zeit später habe ich selbst die erste Sprachnachricht verschickt. Nur mal eben so, weil ich gerade die Hände nicht zum Tippen frei hatte. Meine Finger wurden nach und nach behäbiger und fauler, das Tippen war mir einfach zu anstrengend (irgendwie war ich auf meiner Siemens-A50-Tastatur gefühlt dreimal so schnell im Tippen wie auf diesen ganzen glatt-kühlen Display-Oberflächen, die so gar keinen haptischen Reiz mehr bieten). Vor allem, wenn ich gerade auf dem Weg irgendwohin bin. Ich befürchte immer, dass ich beim Schreiben gegen einen Laternenmast oder ein Straßenschild laufe, mir eine dicke Beule an der Stirn zuziehe und alle Welt mich auslacht – also der Teil von “alle Welt”, der nicht selbst am Phone hängt. Ich habe also aus purer Angst vor Verletzung immer mehr Sprachnachrichten verschickt. Noch dazu sind sie meiner Geschäftigkeit geschuldet. Wir sind doch eigentlich alle viel zu beschäftigt, um zu tippen oder gar zu telefonieren. Telefonieren? Das geht ohnehin erst mit vorheriger Ankündigung. Man kann doch nicht einfach irgendwo anrufen, ohne vorher Bescheid zu geben! Wenn mein Festnetz-Telefon klingelt, dann bin ich minutenlang in heller Aufregung und hüpfe um das Telefon herum, denn wer sollte mich einfach so anrufen, ohne das angekündigt zu haben? Es gibt ohnehin nur etwa fünfzehn Menschen, die meine Festnetznummer haben und man steht heute ja auch nicht mehr im Telefonbuch. Man veröffentlicht zwar sämtliche Urlaubsbilder und postet Bilder inmitten zerknüllter Bettlaken im Netz, aber die Festnetznummer herausgeben? Nein, also das ist dann doch zu privat. Aber zurück zum Klingeln: Wer sollte sich in einen echten Dialog mit mir begeben, wenn er mich nicht vorher vorgewarnt hat? Bis ich dann realisiert habe, was da gerade passiert, ist schon der Anrufbeantworter dran und übernimmt meine Aufgaben. Ich habe ihn mit einem äußerst netten Text besprochen, damit sich keiner der Anrufer abgewimmelt fühlt. Unter anderem aus diesem Grund mache ich Telefon-Termine aus. Dann bringt es mich nicht so aus der Fassung, wenn es klingelt, dann bin ich emotional vorbereitet.

image

Ab und an verschicke ich auch Snaps mit den Dingen, die mich gerade so beschäftigen, um einige für mich wichtige Menschen daran teilhaben zu lassen; das ist sozusagen die Krönung der narzisstischen Kommunikation, denn meistens hält man die Kamera schließlich so, dass man sich während des Sprechens selbst im Display betrachten kann. Was sind wir doch für eingebildete Gockel! Eben gerade deshalb, weil ich bei Snapchat immer denke, ich unterhalte mich mit mir selbst – und das ist auch in Ordnung, wenn ich mal einen Expertenrat brauche – bin ich äußerst skeptisch. Ich will lieber das Gefühl haben, mein Monolog kommt auch irgendwo an. Außerdem bin ich ein Bewunderer schöner Bilder und Worte und eben dies kann man bei Snapchat nun wirklich nicht finden. Ich mache das ja selbst zu gerne: Mal ‘nen Snap kurz nach dem Aufwachen, ungeschminkt beim Frühstück oder mit zerzaustem Haar im Gammel-Sweater auf dem Sofa. Hier schaffen es selbst einige der geschätztesten Blogger, die ich eigentlich gern verfolge, sich selbst vollkommen zu demontieren und entzaubern, indem sie mir einen Einblick in ihren Alltag geben, der hinter der Fashion- oder Make-up-Fassade eigentlich nur eines ist: langweilig, trost- und witzlos. Hier offenbaren einige der – bisher nur rein optisch zu bewertenden – stilvollsten Personen ihre völlige Ironiefreiheit und fehlende Wortgewandheit. Auch schwierig: Ich habe immense Angst davor, betrunken Snaps zu veröffentlichen. Ich bin eigentlich nie betrunken. Echt nicht. Eigentlich. Aber wenn. Dann. Dieses “Aus-Versehen-Posten” würde mir bei Instagram oder Facebook einfach nicht passieren.

Vom Dia- zum Monolog

Ich weiß nicht, wann das passiert ist und was da passiert ist, dass wir nicht mehr zum Hörer greifen, um einen echten Wortwechsel zu führen. Vielleicht ist uns die Dialogfähigkeit zwischen den mit Emojis und Selbstdarstellung voll gepackten Nachrichten verloren gegangen. Vielleicht hören wir uns mittlerweile lieber selbst reden als dass wir eine echte Antwort bekommen wollen. Vielleicht haben wir aber auch durch die Vernetzung über das Internet so viele Menschen mit Kommunikation zu versorgen, dass wir uns kurz halten müssen, sonst haben wir zu wenig Zeit, um alle mit ausreichend Worten zu versorgen. Denn wenn ich dann telefoniere, weiß ich eben auch schon genau, dass ich unter anderthalb Stunden nicht aus diesem Gespräch kommen werde. Und das ist auch gut so, aber die Zeit muss man erst einmal haben. Wie gesagt, immer diese Geschäftigkeit; is’ klar, ne.

Um nochmal auf die Emojis zurück zu kommen: Ohne Emojis ist nun wirklich keine Kommunikation mehr denkbar. Kein Mensch würde mehr Ironie oder Sarkasmus im geschriebenen Wort verstehen, wenn kein Smiley am Ende des Satzes darauf hinweisen würde. Haben wir unser sprachliches Feingefühl für das Lesen zwischen den Zeilen verloren? Oder sind wir nur einfach sehr viel ironischer und witziger geworden und möchten das fröhlich zum Ausdruck bringen? Wir wollen immer nett klingen und versuchen, selbst resolute Satzbauten mit einem Lächeln zu relativieren. Haben wir denn so viel Angst davor, falsch verstanden zu werden?

Bei all den seltsamen Anwandlungen, die unsere Kommunikation genommen hat, ich bin froh drum. Ich habe noch nie gerne telefoniert, und das, obwohl ich eine Frau bin. Seit ich mal eben nebenher Nachrichten schreiben oder Sprachnachrichten verschicken kann, halte ich viel mehr Kontakt zu meinen Freunden. Weil ich nicht eine Stunde am Telefon hänge, um die monatlichen Neuigkeiten zu überbringen, sondern in zwei, drei Sätzen viel häufiger auf dem Laufenden halten kann. Und antworten kann ich dann, wenn es mir gerade passt. Ich habe außerdem mehr Kontakt zu meinen Eltern und meinen Brüdern. Ich vermute, wenn wir nicht immer wieder kurze Nachrichten schreiben würden, würde ich monatelang nichts von meinen Brüdern hören oder sehen. Und dann, wenn ich sie wieder zu Gesicht bekommen würde, hätten sie vier Kinder und acht Hunde und eine Tätowierung im Gesicht und ich hätte von alledem nichts gewusst. Das wäre in etwa so überraschend, als hätten sie mich unangekündigt angerufen.

Bitte entschuldigt mich, ich habe jetzt einen Telefon-Termin.

Schreibe einen Kommentar