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Außergewöhnlich durchschnittlich

Ich lese gerade ein Buch von Anselm Grün. Naja, ich habe angefangen, es zu lesen und der Leseerfolg ist nicht zur Gänze garantiert. Obwohl das Buch nur knapp 90 Seiten hat und ich dachte, das kann man schon mal überfliegen. Schließlich erscheint der werte Herr Pater in meiner Wahrnehmung schon eher als Banalitäten-Verkäufer in christlichem
Reinheits-Gewand; sozusagen unser theologisches Äquivalent zum Blümchen-Sex. Ich will wissen, was dieser Mann schreibt, der so viele Menschen begeistert und inspiriert. In dem angelesenen Buch geht es ums Maßhalten im Leben. Maßhalten kann vielerlei Beduetung haben, das kann auch mal ganz schön ins Handgelenk gehen. (Entschuldigung, der war eher schlecht.) So richtig überzeugt hat mich sein Buch allerdings nicht, zu viele zu oft gehörte Phrasen und Appelle auf engstem Raum. Es gab dennoch eine Stelle in diesem Buch, die mich nachhaltig beeindruckt und beschäftigt hat. Er schreibt, er habe nach langer Zeit erst die Demut verstanden, die zu der Schlussfolgerung führt, dass wir uns verdammt nochmal endlich mit unserer eigenen Gewöhnlichkeit abfinden müssen (nein, “verdammt nochmal” hat er nicht geschrieben, er ist schließlich Pater, aber ich wollte seiner Aussage mehr Nachdruck verleihen).

“In unserer Maßlosigkeit tun wir uns schwer, mit unserer Begrenztheit, Durchschnittlichkeit und Gewöhnlichkeit umzugehen.” Und weiter schreibt er: ”Aber es fällt uns schwer, uns mit unserer Durchschnittlichkeit auszusöhnen. Der Weg der Aussöhnung geht über das Betrauern. Ich muss betrauern, dass ich nicht so ideal bin, wie ich gerne sein möchte, nicht so spirituell, so intellektuell, so kreativ, so beliebt, so erfolgreich. Das Wort ‘betrauern’ sagt aus, dass es schmerzlich ist, Abschied zu nehmen von seinen maßlosen Selbstbildern.” Letztendlich fasst er das in der Demut zusammen, die dazu führt, das eigene Selbst nicht zur Schau zu stellen.

Ich habe diesen Abschnitt zwei-, dreimal gelesen, weil ich nicht fassen konnte, was da stand. Gewöhnlich?
Wer will sich damit abfinden, gewöhnlich zu sein, wo wir doch alle versuchen, anders, besser, schöner, reicher – eben außergewöhnlich zu sein; bedeutende Dinge zu tun und zu sagen, hervorzustechen aus der grauen Masse der Durchschnittlichkeit?

Sich mit seiner eigenen Gewöhnlichkeit abzufinden – bedeutet das nicht auch, aufzugeben? Das Streben nach Erfolg fußt doch immer auf dem Bedürfnis, besser zu sein als andere. Intellektueller, kreativer, beliebter, erfolgreicher. Dafür kämpfen wir jeden Tag – bei der Arbeit, beim Sport, bei jeglichen anderen Aktivitäten, die sonst so betrieben werden. Dabei ist dieser Kampf immer ein Kampf, der über die Umwelt ausgetragen wird: Etwas als gewöhnlich einzuordnen, kann immer nur in Relation geschehen. Wollen wir uns selbst also als außergewöhnlich darstellen – zur Schau stellen, wie Grün das nennt –, kann das nur funktionieren, wenn wir uns von anderen in (positiver Weise?) unterscheiden, aus der Durchschnittlichkeit hervortreten und im Glanze des Ruhmes scheinen. Es gibt da dieses Bild, das wir von unserem optimierten, zukünftigen Selbst haben. Es ist maßlos übertrieben, oder?

Nein, die meisten von uns haben nicht den geilen Job, der sie 24/7 erfüllt und glücklich macht. Die meisten arbeiten, um Geld für ihre Wohnung, die Nahrungsaufnahme, die wochenendlichen Eskapaden und sonstige Vergnügungen zu verdienen. Die meisten von uns haben ganz gewöhnliche Beziehungen, in denen diskutiert und gestritten und gefordert wird; keine Hollywood-Romanze voller Rund-um-die-Uhr-Harmonie und grenzenloser Leidenschaft. Der Versuch, außergewöhnlich zu sein, endet meistens in einem nicht enden wollenden Strom aus Durchschnittlichkeit: In Urlaub geht’s nach Thailand, da posten wir außergewöhnliche Bilder, die genau so schon tausendfach überall von allen anderen Menschen zu sehen waren. Wir kaufen uns alle außergewöhnlich coole Stan Smiths, um dann ganz genau dem modischen Durchschnitt zu entsprechen – oder wir kaufen sie eben nicht, um außergewöhnlich anders zu sein. Was für uns selbst außergewöhnlich ist, ist innerhalb der Masse der Menschheit betrachtet auch nur relativ gewöhnlich. In unserem stetigen Streben nach dem Außergewöhnlichen schwimmen wir ja doch nur auf einer Welle der Gleichförmigkeit. Wenn wir ohnehin ständig an diesen Punkt kommen, warum lassen wir ihn dann nicht gleich zu? Warum erlauben wir uns nicht einfach zuzugeben, dass wir auch nur sind wie alle anderen? Dass wir nun mal nicht immer schöner, klüger, erfolgreicher sein müssen – weil wir das auch einfach nicht können. Es gibt immmer diesen einen Menschen, den wir für eben dies halten; für schöner, klüger, erfolgreicher.

Das ist wohl genau der Punkt, an dem der werte Grün zu dem Schluss kommt, seine Durchschnittlichkeit zu akzeptieren, sei der beste Weg, um Frieden mit sich zu schließen. Das nimmt die Last der Ansprüche an sich selbst von den nicht mehr als durchschnittlich belastbaren Schultern. Kein Vergleichen mit anderen, kein Besser-sein-wollen, keine Kämpfe um Ruhm und Anerkennung, was letzten Endes ja doch nur zu Selbstzweifeln und Unzufriedenheit führt. Vielleicht hat er ja irgendwie Recht, dieser durchschnittlich inspirierende Pater der begrenzt Gläubigen.

Was mich Grüns Aussage gegenüber jedoch immer noch ambivalent stimmt ist, dass ohne die Anstrengungen, Außergewöhnliches zu schaffen, auch keine großen Erfindungen und Entdeckungen gemacht worden wären. Wie er das einordnet, vermag ich aus seinem Text nicht zu erahnen. Vielleicht verstehe ich es aber auch einfach nicht. Ich bin eben auch nur gewöhnlich gescheit.

Ich würde sagen: Feiern wir die Gewöhnlichkeit und stoßen auf unsere Begrenztheit an! Lasst uns alle ein wenig durchschnittlicher sein!

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