Tag 38 von 46.

Empirische Sozialforschung im natürlichen nächtlichen Habitat des Mittzwanzigers

Ab und an ziehe ich abends los, gehe tanzen und erfreue mich meiner jugendlichen Freizügigkeit. Neulich war es wieder soweit. Da ich bereits seit Wochen dem Alkohol entsage – nein, nicht weil ich auf kaltem Entzug bin, sondern aus Fastengründen – bereite ich mich nicht mehr mit einem Glas Wein oder einem Longdrink auf die Nacht vor, sondern verlustiere mich an diversen Teekreationen oder Kaffee in Massen. Ich habe mich nämlich zu einem Kaffee-Junkie entwickelt, völlig bewusst und voller Stolz (so würde das wohl jeder Süchtige darstellen) – aber dazu an anderer Stelle mehr. Und wenn ich mich ganz wild fühle, trinke ich auch mal eine Maracuja-Saft-Schorle. Da wir alle so jugendlich und frisch und freizügig sind, gehen wir erst nach zwölf oder ein Uhr in den Club. Damit heben wir uns gekonnt von den Menschen ab, die etwa fünfzehn oder zwanzig Jahre älter sind und stets betonen, wie abartig und verrückt es sei, zu einer Zeit auszugehen, zu der andere sich schlafen legen. Jetzt, da ich um kurz vor zwölf Uhr mittags noch im von der Sonne beschienenen Bett liege und der Tag zur Hälfte unverbraucht an mir vorbeigezogen ist, kann ich euch nur Recht geben.

Wenigstens habe ich keinen Kater.

Nach zwei oder drei Drinks also – aka Gläsern Wasser, Tassen Tee oder Kaffee – stehen wir im Club. Sofort fließt mir der Rhythmus durch die Haut direkt in die Venen und entlädt sich in meinen Beinen und Armen. Etwas fällt mir direkt auf: Nie wurde ich in einem Club so viel herumgeschubst wie in dieser Nacht. Alle zwei Minuten habe ich einen Ellenbogen zwischen den Rippen oder Finger im Gesicht, einen Fuß auf meinem oder ein Getränk auf meiner Hose. Ständig wanke ich deshalb, muss mich an irgendjemandem festhalten. Zuerst ärgere ich mich, will mich umdrehen, böse Blicke und harsche Worte verteilen, als es mir wie Schuppen von den Augen fällt: Fräulein, alles ist wie immer. Du bist einfach nur stocknüchtern. Ich löse mich also gedanklich kurz aus meiner Nüchternheit, lasse meinen unvernebelten Geist über der Menge kreisen und sehe mir das Schauspiel von oben an:

Hunderte fremde Menschen reiben sich transpirierend aneinander, aus rhythmischen Hüftbewegungen wird innerhalb weniger Stunden überbordender Ausdruckstanz, aus verschmitztem Lächeln grenzdebiles Grinsen, aus voll Stolz getragenen Locken werden einladende Vogelnester. Die feinen Nuancen eloquenter Annäherungen junger Herren reichen von „Wohnst du zur Miete?“ bis hin zu „Bist du arbeitslos?“. Jetzt (um fünf Uhr morgens) und hier (auf der Tanzfläche) klopft auf jegliches Ohr derselbe Rhythmus, das Make-up läuft bei 50 Grad Raumtemperatur kooperativ mit dem hart ertanzten Schweiß über das Dekolleté und Banknoten werden inflationär über den Tresen gereicht.

Jetzt und hier sind wir alle gleich.

Hier entsprechen wir der Urform des Homo sapiens kurz nach der Entdeckung seiner selbst und der alkoholischen Gärung. Die Fesseln der gesellschaftlichen Normen mit all ihrer Eitelkeit wurden gegen vier Uhr dreißig abgestreift; was bleibt, sind Triebsteuerung und Anarchie.

Das wiederum kann ich durchaus auch ohne Alkohol.

Ich kann nicht mehr genau sagen, um wie viel Uhr ich in das Taxi eingestiegen bin. Noch eine letzte philosophische Runde mit dem Taxifahrer, wenigstens er ist nüchtern. Wir beide sind froh, uns gefunden haben, große Ängste plagten uns bis eben noch – ihn, weil er sein Taxi nicht mit Mageninhalten befüllt wissen will; mich, weil ich nicht mangels Taxi-Verfügbarkeit in hohen Hacken nach Hause laufen möchte. Im Gespräch merke ich, dass in meinen Ohren der Bass nachhallt und sämtliche andere Geräusche forsch verdrängt. Als ich zu Hause die Schuhe ausziehe, die mich in mindestens zehn Zentimeter höhere Sphären heben, möchte ich meine Füße gerne gegen schmerzfreie eintauschen. Eine halbe Stunde später liege ich endlich im Bett und es besteht beinahe die Gefahr, dass die Sonne aufgeht. Sie hält sich gerade noch zurück, bis ich am nächsten Morgen (Mittag) erwache und mich ob des fehlenden Elends in Kopf und Körper dankbar und glücklich schätze.

Ich find’s geil. Leute, wenn ihr wüsstet, was ihr in eurem Rausch verpasst! Aber hört nicht auf damit, sonst gibt es nichts mehr zu gucken. Nur – Moment mal, die Fastenzeit ist ja auch für mich bald vorbei…

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