Tag 22 von 46.

Sie steht vor dem Ozean. Die nackten Zehen vergraben im Sand. Die Gischt spritzt meterhoch, die Ausläufer der hohen Wellen peitschen ihr hart und unnachgiebig ins Gesicht. Der Wind schiebt das Wasser gebieterisch gen Strand. Von hinten nähert er sich, stellt sich neben sie, Schulter an Schulter. Sein Ärmel ist leicht feucht, er kommt gerade von einem Tauchgang zurück und hat sich schnell ein Shirt übergeworfen. Dort, wo ihre Körper sich berühren, entsteht eine Synthese aus salziger Haut und feucht-warmer Baumwolle.

Den Blick starr auf die schäumende, bedrohliche Masse gerichtet, sagt sie – gerade so laut, dass ihre Stimme durch das tosende Rauschen zu ihm dringt: “Ich sollte ab und an mit dir Tauchen gehen. Ich weiß, dass du das möchtest. Aber ich bleibe lieber oben. Ich will das alles hier im Blick behalten.”

Kurz sieht er zum Himmel, als würde er im dunkel gefärbten Blau nach einer Antwort suchen. Grau gesprenkelte Wolken ziehen hastig vorbei.

“Du kannst für immer am Strand stehen. Für immer die Oberfläche ansehen. Dir Gedanken über deine Haare machen, wenn der Wind und die sprühfeinen Tropfen deine Locken aufplustern. Meinetwegen kannst du auch einen Stuhl aufstellen und diese gewaltige Kraft in bequemer Position betrachten.”

Sie dreht sich zu ihm. Ihr Gesicht vor seinem. Wenige Zentimeter trennen ihre Lippen. Würde der Wind nicht alle anderen Luftbewegungen vertreiben, könnte sie seinen Atem spüren. Sie schließt die Augen und senkt den Kopf. Ihre Hand bewegt sich zu seiner Wange; zaghaft streicht sie ihm mit den Fingerspitzen über die seit Tagen nicht rasierte Haut.

“Du kannst aber auch all deinen Mut zusammennnehmen, ins Wasser gehen, dich treiben lassen, die Strömung annehmen, dich mit ihr verbinden und eins werden mit dem Ozean. Du kannst deine Frisur für einige Momente vergessen. Fische beobachten. Und Farben. Neues. Schicksal.”

Sie öffnet nun die Augen. Ihr Blick trifft seinen.

“Was hält dich hier? Von außen betrachten heißt, sich zu ergeben. Das Schicksal des Wassers ist bestimmt. Du kannst ihm dabei zusehen, wie es seine Bestimmung erfüllt. Du kannst aber auch dich dieser Fügung anvertrauen. Selbst wenn du nicht weißt, ob der Strom dich irgendwann am Riff zerschellt oder an eben jenem die Schönheit der Korallen für dich inszeniert. Warum betrachtest du alles immer von außen, anstatt Teil davon zu werden?”

Er dreht sich Richtung Strand, das Meer im Rücken scheint ihn – gemeinschaftlich mit dem immer stärker wehenden Wind – in Richtung ihrer Hütte zu treiben. Er blickt nicht mehr zu ihr zurück. Fast beiläufig nimmt sie gerade noch diesen einen Satz wahr, bevor er sich nicht mehr in Hörweite befindet.

“Erst wenn man loslassen kann, hat man beide Hände frei, um schwimmen zu können.”

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